"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet geführt hatte und nun die beiden Flügel der Thür für die Prinzessin öffnete. Prinzessin Friederike verließ mit leichtem freundlichen Gruß gegen den sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters.

Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswärtigen Angelegenheiten des früheren Königreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des verbannten Königs, war damals sechsundfünfzig Jahre alt. Die letzten Jahre hatten seine früher noch jugendliche und kräftige Erscheinung wesentlich älter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine Bewegungen noch die frühere Elasticität, auch trug sein volles, etwas langes und gelocktes Haar noch eine gleichmäßig schwarze Farbe, doch war sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszüge waren welk und abgespannt.

Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, küßte die Hand, welche der König ihm reichte und setzte sich dann in einen der großen, mit schottischem Seidenstoff überzogenen Lehnstuhl neben seinem Herrn.

"Ich bin erfreut, Eurer Majestät mitzutheilen," sagte er, "daß die Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch günstiger für unsere Kasse stellen wird, als es anfänglich den Anschein gehabt hat. Es haben sich einige günstige Verkäufe realisiren lassen, so daß, wenn Alles ferner gut geht, Eure Majestät mit einem Verlust von nicht ganz zwei Millionen Gulden davonkommen werden."

Der König seufzte tief auf.

"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld an sich für mich hat. Es ist für mich immer nur Mittel zum Zweck. In diesem Augenblick muß es mir dienen, um den heiligsten und höchsten Zweck zu verfolgen, den ich kenne—die Wiedererlangung meines Rechts und die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung berührt mich dieser an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel sind ja ohnehin schon beschränkt genug."

"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen Händen nunmehr wieder Eurer Majestät Vermögen gelegt ist," sagte Graf Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser unglücklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestät in jedem Jahr dreihundertfünfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so schnell als möglich aus Eurer Majestät Ausgabenbudget verschwinden läßt, so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive Capitalsverzehrung wird Eure Majestät endlich in die Lage bringen, Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preußen auf Gnade oder Ungnade zu ergeben."

"Traurig, traurig!" rief der König, "daß es dahin gekommen ist! Mein Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere damals vor der Amortisation verkauft hätte, was Herr von Malortie verhinderte,—oder wenn die in Hannover befindlichen Bestände vor der letzten Beschlaglegung auf mein Vermögen in Sicherheit gebracht wären, was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann wäre ich niemals in die traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem ungewissen Schicksal überlassen zu müssen."

Rasch öffnete sich die Thür. Der Kronprinz Ernst August trat in's
Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex.

Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt, fast noch höher, als sein Vater, doch während die Gestalt des Königs in ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Würde und Majestät machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und Sicherheit. Das schöne glänzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten und von der schmalen zurücktretenden Stirn aufwärts emporgekämmt. Der Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit großen Gläsern verhüllte, war freundlich und gutmüthig. Seine platte, eingedrückte Nase und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schönen frischen Zähnen, war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszüge seines Vaters weit entfernt und das freundliche Lächeln, welches gewöhnlich seinen Mund umspielte, berührte nicht so sympathisch als die liebenswürdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Königs erhellte.