Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine auffallend kleine, magere Gestalt war gebückt und in sich zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen Haar zeigte einen stets mürrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug von kritischer Ironie durch die Gläser seiner feinen Brille.

Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu demselben herab, und der König küßte ihn herzlich auf die Stirn. Dann setzte sich der Prinz zu dem König und dem Grafen Platen, während der Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm.

"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen über die Maßregeln auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Auflösung der Emigration, welche ich leider unabänderlich habe beschließen müssen, durchzuführen."

"Majestät," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich zusammenschmiegte, "ich muß zunächst noch einmal darauf zurückkommen, genau zu constatiren, daß mit den Allerhöchst Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln der königliche Hofhalt und die zur Geltendmachung Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten werden können, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jährlich nicht aus dem Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniß zu machen, um zu gleicher Zeit die Emigrirten, welche, um der königlichen Sache zu dienen, ihre Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir erlaubt, Eurer Majestät vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz schaffen kann."

"Es wird eine große Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den
Zähnen an den Nägeln seiner Finger biß.

"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den König vor dem Vorwurf zu schützen, daß Seine Majestät die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach verläßt."

"Und ich hoffe," rief der König lebhaft, "daß die Summe genügend bemessen ist."

"Vollkommen genügend, Majestät," sagte Graf Platen, "um so mehr, da für Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch außerdem das freie Reisegeld gewährt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich herausgestellt, daß die Officiere der Emigration aus Gründen, die ich nicht begreifen kann," fügte er achselzuckend hinzu, "sich der Auslösung der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig entsprechenden Weise widersetzen."

Der König biß schweigend auf seinen Schnurrbart.

"Eure Majestät," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von Tschirschnitz übertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu sein, die Maßregeln Eurer Majestät rücksichtslos durchzuführen. Ich halte es deshalb für nothwendig, daß Eure Majestät Allerhöchst Ihren Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm nicht nur die Geschäfte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das Commando der Legion übertragen, damit die nothwendige und befohlene Auflösung der Legion schleunigst und ohne Weitläufigkeit vollzogen werde. Es scheint," sprach er weiter, "daß die Officiere die Absicht haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstützung herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in Algerien auszuführen, für welche sie sehr große Neigung hatten."