"Die Idee wäre durchaus nicht übel," sagte der König. "Nach den Versprechungen der französischen Regierung hätte den armen Emigrirten dort ein gutes Loos bereitet werden können, und ich habe den Gedanken nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben. Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion verkauft werden, wie sie sich ausdrückten. Sie haben zuweilen sehr unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnäckig in ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich mußte ja auf eine so allgemein im Lande verbreitete Ansicht Rücksicht nehmen."

"Es möchte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in Algerien ganz angenehm und vortheilhaft für die Leute gewesen sein können. Aber—so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von der Tasche los werden können, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht gegangen wäre, so hätte man immer auf uns recurrirt, und die ganze Geschichte wäre eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die Hauptsache ist, daß die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns wieder zur Last zu fallen."

"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der König, das Haupt erhebend.
"Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen
Verhältnissen kann, für das Wohl meiner Leute zu sorgen, und außerdem
habe ich die politische Rücksicht zu nehmen, Ansichten und Wünsche der
Bevölkerung meines Königreichs so viel als möglich zu schonen."

"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestät nach reiflicher
Erwägung beschließen, die Legion definitiv aufzulösen und eine
Auswanderung der Leute nach Algerien möglichst zu inhibiren. Es ist aber
nöthig, diesen Beschluß schleunigst auszuführen, damit vor dem 1. April
Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer
Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestät befehlen, den Major von
Adelebsen dorthin zu senden, so—"

Der König hatte das Haupt in die Hand gestützt und dachte längere Zeit schweigend nach.

"Wäre es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem Kronprinzen hinwandte, "wäre es nicht am besten, um die Sache am einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath Meding, den Major von Düring und vielleicht noch einige der Officiere hierherkommen ließ, um ihnen persönlich meine Befehle zu ertheilen und die Mißverständnisse aufzuklären, welche doch wohl in der ganzen Sache bestehen müssen, da ich mir anders den eigenthümlichen Widerstand nicht erklären kann, den man mir entgegensetzt."

Graf Platen bog den Oberkörper zusammen, warf einen schnellen
Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte:

"Ich fürchte, Majestät, daß eine solche Maßregel, wie Allerhöchstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion über die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausführung der von Eurer Majestät gefaßten Beschlüsse noch weiter hinausschieben würde. Eure Majestät haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, daß dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu gegenseitiger Unterstützung fern halten sollen. Damit ist also ausgeschlossen, daß irgend Etwas geschehen könne, was die dortige Sachlage ändert; wenn Eure Majestät nunmehr den Major von Adelebsen mit bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist übrigens," fuhr er mit einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinüber, "der Feldwebel Stürmann von der Emigration hierher gekommen, um sich im Auftrage seiner Kameraden persönlich zu erkundigen, was denn eigentlich der Wille und Befehl Eurer Majestät sei."

"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der König schnell.

"Nur flüchtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestät nicht vorgreifen. Vielleicht wäre es zweckmäßig, wenn Höchstdieselben ihn selbst anhörten."