An der Mitte des Tisches saß ein wenig zusammengebückt auf einem hölzernen Stuhl der Major von Düring, eine kleine schmächtige, aber nervöse und muskelkräftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und den lebhaften, graublauen Augen drückte muthige Entschlossenheit und feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken gedrückt und ließ die stark gewölbte Stirn zur Hälfte frei.

Er hüllte sich ein wenig fröstelnd in seinen Ueberrock und trank in kleinen Zügen das heiße dampfende Getränk, welches vor ihm stand.

"Ich sage," sprach Herr von Düring, nachdem er längere Zeit schweigend in das Treiben der Vorübergehenden geblickt und, indem er sich zu dem neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem großen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart freimüthige Offenheit ausdrückte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht rosig."

"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von
Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer
Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer
Eins,—Zweitens—ad Drei—um kurz von der Sache zu sein—wir sehen einer
schaudervollen Zukunft entgegen."

Alle lachten.

"Ich begreife nicht," sagte Herr von Düring, schnell wieder ernst werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben könnt! Die Lage ist doch wahrhaftig ernst genug.—Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle diese armen Leute, für die wir doch mit verantwortlich sind, sie können noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in der Tasche in die Welt hinaus schickt."

"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die Legion zu commandiren—ich habe den panache.—Es ist wahrhaftig ganz wie in der 'Großherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, daß meine Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen Schulmeister werden. Jetzt aber"—er schlug die Arme untereinander, blickte Herrn von Düring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte, die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend—

"Mauvais général."

"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Götz von
Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hübschem, etwas phlegmatischem
Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der
panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen."

"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt, wird er schon so zerpflückt sein, daß keine Feder mehr daran ist, doch nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube wirklich nicht, daß die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig, daß alle möglichen Intriguen den König umlagern, aber Er ist doch ein Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefühlen; wenn er unsere Vorstellungen hört, so wird er jedenfalls noch einmal über die Sache nachdenken.—Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen ja, daß seine schon so belastete Kasse von dieser großen Ausgabe für die Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, daß die armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben werden, sondern daß sie im Zusammenhang untereinander der Sache des Königs erhalten bleiben. Will der König die Vertheidigung seines Rechtes fortsetzen, so muß er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur Verfügung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und daß kann nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er aber sein Recht aufgeben—nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht," fügte er seufzend hinzu, "wäre es bei der Art und Weise, wie sie gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens für die Emigranten straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muß doch dem König einleuchten, er muß sich ja doch überzeugen, daß wir, die wir ihm unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund gegen seine Befehle demonstriren."