"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Götz, "daß dem Könige unsere Vorstellungen zur Kenntniß kommen?—Glaubt Ihr denn, daß er Mengersen und Heyse empfangen und hören wird?"
"Das glaube ich gewiß!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich glaube nicht, daß Jemand es wagen würde, dem Könige Etwas zu verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wäre doch in der That eine zu große Nichtswürdigkeit."
Herr von Düring schüttelte langsam den Kopf.
"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit längerer Zeit erhalte ich auf verschiedene Berichte, die ich über die Verhältnisse der Legion nach Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine Berichte vollständig mißverstanden wären, was doch bei der klaren Fassung derselben und bei dem seinen Verständniß des Königs kaum möglich ist."
"So haltet Ihr es für möglich," rief der Lieutenant von Harling, ein junger, dunkel brünetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet Ihr es für möglich, daß dem Könige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas verschwiegen würde?"
"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Düring, "ich constatire nur die Thatsache, daß die Antworten, welche ich aus Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, daß sogar in einigen dieser Antworten mir ausdrücklich Aeußerungen untergelegt werden, die ich niemals gemacht habe."
"Es wäre doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen den Major von Düring gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend."
"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Düring lebhaft, "nach der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war, niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch, daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der Vicekönig von Aegypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden."
"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen."
Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und beobachtend umher.