„Der englische Botschafter, Excellenz.“
„Ich lasse bitten.“
Der Minister-Präsident erhob sich und machte einige Schritte nach der Thür, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestät der Königin Victoria am preußischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde, in das Cabinet trat.
Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen Gesichtszügen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Würde und Zurückhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preußischen Minister-Präsidenten gegenüber vor den großen Schreibtisch in der Mitte des geräumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen gleichgültigen Begrüßungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach einem kurzen Räuspern:
„Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestät darauf
bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle
Ursachen des Mißtrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem
Frieden Europas gefährlich werden könnten.“
Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine große Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte er im höflichsten Ton einer gleichgültigen Conversation:
„Die Regierung Ihrer Majestät ist in diesem Bestreben vollkommen von denselben Wünschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl, wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue mich, von Neuem zu constatiren, daß gerade durch diese allseitigen Wünsche die beste Garantie für die Erhaltung des europäischen Friedens gewährt wird.“
Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt.
„Die guten Wünsche aller europäischen Regierungen,“ sagte er, „sind gewiß eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen,“ fuhr er ein wenig zögernd fort, „um eine wirklich praktische und vor allen Dingen dauernde Basis für die internationale Ruhe und Stabilität zu schaffen, wird es vor Allem noch nöthig sein, concrete Gründe gegenseitigen Mißtrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen.“
„Ich wüßte in der That nicht,“ sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie erstaunt anblickend, „daß in diesem Augenblick irgend welche Fragen beständen, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu bringen vermöchten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie versichern, daß wir wenigstens mit keinem europäischen Cabinet in Erörterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte berühren.“