„Für uns,“ fuhr der Graf fort, „ist der Krieg um so weniger zu fürchten, je mehr die innere Kraft Frankreichs täglich zersetzt wird, — aber der arme Kaiser thut mir leid, — es ist doch eine groß angelegte und im Grunde gute Natur, — und für Europa ist das Kaiserreich eine Wohlthat, — denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gährenden Elemente in Frankreich wieder entfesselt würden!

„Man hat mir da,“ fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem Schreibtisch nahm, „einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in welchem dieser thätige Agent der Internationale und Secretair von Carl Marx in London dem Comité in Genf auseinandersetzt, daß die Zeit gekommen sei, in welcher der action sécrète et souterraine die allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen müsse. Merkwürdigerweise,“ sagte er, einen Blick in das Schriftstück werfend, „will Dupont den Ausgangspunkt dieser großen Revolution nach England verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei.“

„England sei das einzige Land,“ fuhr er fort, „in welchem eine wirkliche socialistische Revolution gemacht werden könnte, das englische Volk aber könne diese Revolution nicht machen, Fremde müßten sie ihm machen und der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland.“

Der Legationsrath Bucher lächelte. „Das sind Träumereien,“ sagte er, „wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen Resultaten zu führen.“

„Die Ideen dieses Dupont sind Träumereien, — das ist ganz richtig,“ fiel Graf Bismarck ein, — „aber in Frankreich ist die Sache ernster, — dort haben die gemäßigten Mitglieder der Internationale vollständig die Führung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die Arbeiterbevölkerung, — bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune proclamirt werden. — Das Alles gährt um den Kaiser herauf und kann ihn eines Tages dazu drängen, einen Verzweiflungscoup zu machen; — wir müssen von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefaßt sein.“

„Die Elemente der Gährung,“ sagte der Legationsrath, „von denen Eure
Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern
erfüllen die ganze Welt, — auch unter den deutschen Arbeitern macht die
Internationale Fortschritte, — ich glaube, daß die Regierungen zu dieser
Frage Stellung nehmen müssen.“

„Das sagt mir auch Wagner,“ rief Graf Bismarck, — „aber welche Stellung soll man dazu nehmen? — Die alten Parteibildungen beginnen sich zu zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten, — und gerade dieser socialen Frage gegenüber müßte doch die Regierung sich auf eine im Volke selbst wurzelnde Partei stützen. — Das wäre eine Aufgabe für die Conservativen,“ sagte er sinnend, — „aber leider verlieren gerade diese sich immer mehr in unmögliche und unpraktische Theorien.“

„Nun,“ fuhr er fort, — „wir müssen darüber nachdenken, — jetzt will ich ein wenig hören, was die auswärtige Politik macht.“

Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurück.

„Ist Jemand im Vorzimmer?“ fragte Graf Bismarck den Kammerdiener, welcher auf seinen starken Glockenzug erschien.