Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand, der Legationsrath Bucher.

Sein kränkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck gegenüber fast winzig erschien, — seine etwas gebückte Haltung, — das Alles gab der Erscheinung dieses merkwürdigen Mannes, der früher seiner politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das Vertrauen des großen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten gewußt hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus eines Bureaukraten und eines Professors.

„Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen,“ fragte der Graf — ‚l'oeuvre de Monsieur de Bismarck‘ — es wird in Paris viel besprochen —“

„Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen,“ bemerkte der Legationsrath, „es enthält viel Interessantes und manche sehr bemerkenswerthe Zeugnisse über das, was Herr Vilbort während des Krieges von 1866 selbst gesehen und erlebt hat. — Ob freilich Alles das wahr ist, was Vilbort über die Aeußerungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm selbst gegenüber gemacht haben, das müssen Sie selbst besser beurteilen können, als ich —“

„Im Allgemeinen,“ sagte Graf Bismarck, „so weit ich das Buch zu durchblättern Zeit gefunden habe, — giebt er meine Aeußerungen richtig wieder, — und das ist schon sehr viel. — So oft man mit einem Journalisten spricht, muß man sich gefallen lassen, daß er Alles, was man gesagt oder nicht gesagt hat, wiedererzählt, wie er es aufgefaßt hat, — oder wie er es aufgefaßt zu sehen wünscht, — das hindert mich übrigens nicht,“ fuhr er fort, „mich ganz freimüthig und offen gegen diese Herren auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen; — ich halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem Berge, — die ängstliche Geheimnißkrämerei der alten Diplomatie hat keinen Sinn mehr in unserer Zeit, — freilich muß ich dann auch die öffentliche Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und, — Gott sei Dank, — dafür habe ich ganz gesunde Nerven.“

„Herr Vilbort,“ sagte der Legationsrath Bucher, „scheint mir durch die Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenüber ausgesprochen haben, etwas eitel geworden zu sein; — er hält sich für einen Geschichtschreiber, — und das ist er in der That nicht, — auch geht durch sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern über den Krieg, der doch, da die Conflicte einmal unlösbar geworden, eine Nothwendigkeit war.“

„Diese Richtung des Buches,“ fiel Graf Bismarck ein, „das jedenfalls in Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten unangenehm, — die Franzosen können in der That eine Warnung vor den traurigen Folgen eines großen Krieges brauchen, — es scheint, daß dort wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und daß man die Geister für einen Krieg vorbereitet, für den Fall, daß man der inneren Schwierigkeiten nicht Herr werden sollte.“

„Glauben Eure Excellenz wirklich,“ fragte der Legationsrath, „daß man in
Paris ernstlich an einen Krieg denken könnte, — gerade jetzt in dem
Augenblicke, in welchem die Zügel des persönlichen Regiments gelockert
sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens,
Minister geworden ist?“

„Die Berichte aus Paris,“ sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken, „sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung, — ich glaube auch, daß der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden sehnt, — schon um persönlich Ruhe zu haben, — aber Alles,“ fuhr er fort, „was dort geschieht, kann zu irgend einem plötzlichen Ausbruch führen, auf den wir heute mehr als je gefaßt sein müssen.

„Sehen Sie,“ sprach er nach kurzem Nachdenken, während er die Augen sinnend emporschlug, „dieser unglückliche Pistolenschuß, der Victor Noir tödtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles bricht über das Kaiserreich herein, — das ist ein furchtbares Verhängniß, — und das constitutionelle Regiment kann die immer höher aufwallenden Wogen nicht beschwören. Die Coterie des Krieges, welche durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder herstellen will, gewinnt an Boden, — der Kaiser ist schwach, — wird man ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeußerste zu wagen, um den festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm täglich mehr unter den Füßen verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwäche, denn die Schwäche ist tollkühner als die Kraft.