„Jedenfalls,“ sagte Graf Benedetti, „war er unrichtig berichtet oder durch den Schein getäuscht und zu falschen Schlüssen veranlaßt worden.“
„Es sind nun,“ sprach Graf Bismarck weiter, „in neuester Zeit wiederholt Winke an mich gekommen, daß abermals eine sehr lebhafte Negociation zwischen den Höfen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu freundlichen Absichten haben könnte. Ich meinerseits,“ fuhr er fort, indem er Benedetti starr ansah und seine große Papierscheere mit der Hand rasch hin und her bewegte, „lege keinen besonderen Werth auf derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb,“ sagte er mit Betonung, „weil ich eine Coalition niemals fürchten würde, welche sich der nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht hätte.“
„Ich werde sogleich,“ sagte Benedetti eifrig, „nach Paris schreiben und mir bestimmte Aufklärung über diese Frage erbitten. Ich bin aber im Voraus fest überzeugt, daß die Gerüchte, welche zu Ihnen gedrungen sind, jetzt ebenso wenig wie damals Begründung haben, denn ich kenne zu genau den dringenden Wunsch des Kaisers, den europäischen Frieden zu erhalten und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Könige Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen.“
„Ich habe Sie nicht darüber interpelliren wollen, mein lieber Botschafter,“ sagte Graf Bismarck, „ich kam auf die Sache nur durch unser Gespräch und durch die Aeußerungen, welche Lord Loftus mir vorher gemacht hat. Denn wenn,“ fuhr er fort, „ähnliche Winke, wie sie an mich gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit solchen Winken die ganz besondere Thätigkeit in Verbindung bringt, welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so würde in dieser Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von England aus so dringend wünscht, neue und concrete Garantieen für die Erhaltung des europäischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese Garantieen an falscher Stelle; doch,“ fuhr er abbrechend fort, „ich glaube, wir haben unsere Ideen über den Gegenstand ausgetauscht und stimmen nunmehr im Wesentlichen über denselben überein. Besser als durch die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Gerüchte beitragen können, wie ich sie mir so eben zu erwähnen erlaubte.“
„Ganz gewiß,“ sagte Benedetti. „Es ist merkwürdig,“ fuhr er dann fort, „wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte und ruhige Oberfläche der europäischen Politik kräuseln. Sie erwähnten so eben der Gerüchte über geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen berührt haben, so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, daß, wie man mir aus Paris ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen worden sind über einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron zu bringen, einen Plan, über welchen wir ebenfalls früher bereits gesprochen haben und welcher, wenn er wirklich bestehen sollte, ebenfalls geeignet wäre, eine gewisse Beunruhigung hervorzurufen.“
Graf Bismarck sah den Botschafter groß und erstaunt an.
„Ich habe neuerdings,“ sagte er, „Nichts wieder von dieser Idee gehört, welche mir, wie ich Ihnen bereits früher bemerkt habe, im Ganzen ein wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die Ansicht, daß die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr kurzer Dauer sein würde und daß sie ihn großen Gefahren und Täuschungen aussetzen müßte. Ich bin fest überzeugt, daß der König, wenn die Sache jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewiß nicht den Rath geben würde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm denselben antragen sollten. Ich weiß auch, daß der Vater des Prinzen, der Fürst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er weiß,“ fügte er lächelnd hinzu, „durch die Erfahrung, die er mit dem Fürsten Karl von Rumänien gemacht hat, daß die Souverainetät zuweilen theuer werden kann.“
„Der Prinz Leopold,“ sagte Benedetti in gleichgültig hingeworfenem Ton, indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, „würde ja auch übrigens, selbst wenn ein Beschluß der Cortes ihm die spanische Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubniß des Königs annehmen können, da der König als Chef des Hauses bei den Entschlüssen des Prinzen die letzte Entscheidung hat.“
„Das ist nicht der Fall,“ sagte Graf Bismarck, „der Prinz würde in letzter Linie in seinen Entschlüssen doch nur von seinem Vater abhängen, und der König würde sich gewiß enthalten, einen bestimmenden Einfluß ausüben zu wollen, — ganz gewiß aber wird er, wie ich wiederholen muß, nach meiner Ueberzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so gefährliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube übrigens kaum,“ fuhr er fort, „daß man so bald zur Wahl eines Königs in Spanien gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwärtig die Macht in Händen halten, — vielleicht Prim noch mehr als Serrano — werden kaum wünschen, durch die definitive Wahl eines Königs dem gegenwärtigen Zustand, bei welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze Sache hat nach meiner Ueberzeugung gar keine practische Bedeutung. Man hat ja früher schon,“ fuhr er im leichten, gleichgültigen Ton fort, „den Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung gebracht, vielleicht wäre dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein möchte. Aber alle diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen eigentlichen Bestand zu haben.“
„Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwähnt,“ sagte Benedetti, „weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren, zu denen auch die vorhin von Ihnen erwähnte österreichisch-italienische Negociation gehört.“