„Das thut mir sehr leid,“ rief Herr Ollivier zitternd vor zornigem Eifer, „schenken Sie uns Ihr Vertrauen, schenken Sie es uns nicht, das ist Ihre Sache — das kann uns nicht abhalten, unsre Pflicht zu thun, seien Sie überzeugt, daß uns Ihre Meinung ganz gleichgültig ist.“

Ein dumpfes Murren ließ sich unter der Gruppe vernehmen.

„Welch ein Ton der Conversation,“ rief Jules Favres, „man sollte doch meinen, sich hier in der Gesellschaft von gebildeten Leuten zu befinden.“

„Der Herr Minister ist sich gewiß über die Bedeutung seiner Worte nicht
klar geworden,“ sagte Herr Picard kalt und höhnisch, „die Sorgen für die
Verbreitung des Plebiscit haben, wie es scheint, seine sonst so eminente
Fähigkeit, die Redewendungen richtig abzuwägen, gelähmt.“

Herr Ollivier schien selbst ein wenig bestürzt über seinen heftigen
Ausbruch zu sein.

„Ich bin mir über meine Worte vollkommen klar,“ sagte er, „und habe mit denselben,“ fügte er sich leicht verneigend hinzu, „durchaus keine persönliche Verletzung beabsichtigt. Ich habe nur sagen wollen, daß eine Regierung, welche sich vollkommen klar ist über das, was sie nach reiflicher Ueberlegung für ihre Pflicht erkannt hat, sich nicht dadurch irre machen lassen darf, ob ihre Beschlüsse und Maßnahmen bei der einen oder bei der andern Partei beifällige oder tadelnde Beurteilung finde; und ich kann nur wiederholen, daß die Regierung es für ihre Pflicht hält, mit aller Energie gegen das System der Stimmenenthaltung aufzutreten. Das Kaiserthum und der Kaiser stehen nicht in Frage,“ fuhr er mit fester Stimme fort, „wie hier so eben bemerkt wurde, die Frage ist nur die, ob es gut sei, das Kaiserthum der Autorität und des persönlichen Regiments in ein liberales Kaiserthum umzuwandeln; daß die Feinde des Kaiserthums überhaupt das Letztere nicht wollen, begreife ich,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, „ob sie aber damit dem Vaterlande einen Dienst leisten, ob sie nicht ihre Parteirücksichten höher stellen, als das Wohl der Nation, das will ich, meine Herren, ihrem eigenen Gewissen überlassen.“ Und mit einer kurzen Verneigung wandte er sich ab und verließ das Zimmer.

Ein Theil der Abgeordneten kehrte in den Saal zurück, wo man über einzelne Paragraphen des neuen Preßgesetzes debattirte. Die Meisten aber entzogen sich dieser Debatte, präoccupirt wie sie durch die ganze politische Situation waren, verließen sie das Palais des Gesetzgebenden Körpers, um in Privatzusammenkünften bei den Parteiführern sich über die zu fassenden Entschließungen zu berathen.

Herr Ollivier durchschritt langsam die Corridore und stieg vor dem Palais in sein sehr einfaches und unscheinbares Coupé, indem er dem in dunkle Livree gekleideten Kutscher zurief:

„Nach den Tuilerien.“

Kurze Zeit darauf fuhr er in den innern Hof des alten Königspalastes ein, er hielt vor dem großen Eingang, über welchem das von Lanzen getragene Zeltdach sich ausdehnte.