Er fand den Dienst thuenden Ordonnanzofficier im Vorzimmer; dieser führte ihn sogleich in das Cabinet des Kaisers ein.

Napoleon III war frischer als sonst, zwar hingen seine Züge mit dem
Ausdruck des Leidens und körperlicher Schmerzen schlaff herab, aber in
seinem Blick machte sich eine gewisse an die vergangenen Tage seiner
Jugend erinnernde Energie bemerkbar, als er mit seinem langsamen, etwas
unsicheren Gang dem Minister entgegentrat, welcher es übernommen, das
Steuer des Staatsschiffes, welches so lange die feste Hand des Herrn
Rouher geführt hatte, durch die bedenklichen Klippen verschiedener
Neuerungen zu führen.

„Ich habe gewünscht, Sie noch vorher zu sprechen, mein lieber Herr Ollivier,“ sagte der Kaiser, indem er mit verbindlichem Gruß dem Großsiegelbewahrer die Hand reichte, „bevor ich den gesammten Ministerrath höre, in welcher Weise die Ereignisse geleitet werden müssen, damit wir das große Ziel erreichen, das öffentliche Vertrauen in die Regierung vollständig wieder herzustellen, — welches bereits so sehr wieder gewachsen ist,“ fügte er mit einer leichten Neigung des Kopfes hinzu, „seitdem Sie mir mit Ihrem Rath zur Seite stehen.“

„Das Vertrauen Eurer Majestät macht mich sehr glücklich,“ erwiderte Herr Ollivier, indem er auf den vom Kaiser ihm bezeichneten Sessel sich niederließ. „Wenn die öffentliche Meinung mir mit einem gewissen sympathischen Gefühl entgegenkommt,“ fuhr er mit einem selbstbefriedigten Lächeln fort, „so wird mir meine Aufgabe sehr wesentlich durch die hochherzige Offenheit erleichtert, mit welcher Eure Majestät mich unterstützen.“

Der Kaiser richtete einen eigentümlichen Blick aus seinen schnell sich entschleiernden und dann wieder in ausdruckslose Gleichgültigkeit zurücksinkenden Augen, während er mit der Hand über den Schnurrbart streichend ein unwillkürlich seine Lippen bewegendes Lächeln verbarg.

„Sie glauben also,“ sagte er dann, „daß das Plebiscit der Regierung günstig ausfallen werde?“

„Jedenfalls,“ erwiderte Herr Ollivier, „die Stimmung ist allgemein sehr wenig befriedigt über das Verhalten der unversöhnlichen Opposition. Man will Ruhe für die Geschäfte, man will Schutz gegen die herandrängende sociale Bewegung, und man wird dem liberalen Kaiserreich um so mehr mit begeisterter Wärme seine Stimme geben, als es die Freiheit mit der Kraft und der Ordnung vereinigt. Die Opposition fühlt dies, und ihr Bestreben geht nicht mehr danach, ein negatives Votum der Volkscomitien zu erreichen, sondern vielmehr eine massenhafte Stimmenenthaltung durchzusetzen, ein Bestreben, in welchem sie durch die Indolenz der Massen wesentlich unterstützt werden möchte.

„Eure Majestät werden es gewiß billigen, daß wir auf die energischste Weise den Präfecten aufgetragen haben, vor allen Dingen besonders in den ländlichen Kreisen gegen die Enthaltung von der Abstimmung zu wirken.“

„Gewiß, gewiß,“ sagte der Kaiser wie zerstreut, „man muß alle Mittel anwenden, um diesen Herren von der Opposition zu zeigen, daß das Volk von Frankreich sie verwirft und fest hinter mir steht, — doch,“ fuhr er fort, „wie ist es mit Daru und Buffet? Bestehen sie darauf, daß die Kammern zunächst über das Plebiscit befragt werden und werden sie daraus eine Cabinetsfrage machen?“

„Ich glaube, Sire,“ sagte Herr Ollivier, „daß meine beiden Kollegen sehr geneigt sind, sich darüber zu verständigen; sie wollen gern ihre Kräfte unter dem liberalen Kaiserreich und unter Eurer Majestät erleuchteter und ruhmvoller Führung dem Wohle Frankreichs widmen. Indeß halten sie es für unmöglich, so ganz und gar von dem Prinzip abzuweichen, das sie mit voller Ueberzeugung vertreten. Es läßt sich vielleicht,“ fuhr er fort, „ein Weg finden, um im Wesentlichen die Meinungen Eurer Majestät aufrecht zu erhalten, und dennoch die Minister, welche bei den verschiedenen Parteien Vertrauen haben zu conserviren. Man könnte die Absicht, ein Plebiscit vorzunehmen, ohne sich einem constitutionellen Beschluß der Vertretung des Landes zu unterwerfen, dem Corps legislativ einfach durch eine Botschaft mittheilen, worauf denn eine Antwortsadresse erfolgen würde. Auf diese Weise ließen sich die verschiedenen Standpunkte vielleicht vereinigen, und es ist allerdings richtig, daß bei dem Plebiscit es von Wichtigkeit sein könnte, dem Volk zu zeigen, daß die Regierung und die regelmäßige constitutionelle Vertretung über den wichtigen Act in voller Uebereinstimmung sich befinden.“