Der Kaiser senkte den Kopf und strich mehrere Male nachdenklich über seine Stirn.

„Damit würde eigentlich,“ sagte er, „dem Plebiscit die wahre Spitze abgebrochen, und ich bin, wie ich Ihnen aufrichtig sagen muß, nicht sehr geneigt, einen solchen Weg zu gehen. Halten Sie,“ fragte er, Herrn Ollivier plötzlich voll und scharf anschauend, „diesen Weg prinzipmäßig für richtig, oder würden Sie ihn nur vorschlagen, um die Personen der Minister zu conserviren?“

„Die Minister haben, wie ich Eurer Majestät zu bemerken die Ehre hatte,“ fuhr der Großsiegelbewahrer fort, „ein gewisses Vertrauen, ihr Rücktritt könnte einen ungünstigen Eindruck machen. Dies ist wesentlich der Grund, weßhalb ich einen Kompromiß suchen möchte.“

„Mein lieber Herr Ollivier,“ sagte der Kaiser, indem er sich ein wenig herüberneigte, „nach meiner Ueberzeugung beruht das Vertrauen, welches das Ministerium bei der Bevölkerung genießt, weder auf Herrn Buffet, noch auf dem Grafen Daru, noch auf irgend einem der andern Personen, welche gegenwärtig das Cabinet bilden, sondern vielmehr lediglich auf der Achtung und Sympathie, welche man Ihnen entgegenträgt, Sie sind der Pfeiler, auf welchem gegenwärtig meine Regierung ruht. Der Respect vor Ihrem Charakter, die Bewunderung für Ihre großen Talente bilden einen Nimbus um Sie, dessen Strahlen auch auf die übrigen Minister fallen, sie werden aber ebenso gut auch auf jeden Andern fallen, der das Glück haben wird, mit Ihnen zusammen ein Cabinet zu bilden. Die Rücksicht also,“ fuhr er fort, „auf das Vertrauen, welches jene Herren im Lande genießen, und den persönlichen Einfluß, welchen sie üben können, würde mich niemals bestimmen können, von einem als richtig anerkannten Prinzip abzugehen, lediglich um ihre Personen zu conserviren. Etwas Anderes,“ fuhr er nachdenklich fort, indem aus dem Winkel seines fast geschlossenen Auges ein schneller, scharf beobachtender Blick auf Herrn Ollivier hinüberflog, „etwas Anderes ist es freilich mit ihrer Ersetzung in den Geschäften. Buffet ist ein vortrefflicher Finanzminister, es wird nicht leicht sein, Jemanden an seine Stelle zu setzen — Ségris vielleicht — man müßte sich mit ihm darüber verständigen — noch schwieriger aber ist die Sache bei Daru. Woher kann man so schnell einen auswärtigen Minister finden? Namentlich, da es sich darum handeln würde, die Stellung ein wenig zu modificiren, welche wir dem Concil und Rom gegenüber eingenommen haben. Die Minister der auswärtigen Angelegenheiten,“ fuhr er fort, anscheinend immer tiefer im Nachsinnen versinkend, „wachsen nicht aus der Erde hervor. Ja, wenn,“ sagte er, den Blick wie fragend auf Herrn Ollivier richtend — „wenn es möglich wäre, daß eines Menschen Kraft die Last allein trüge, welche schon auf drei Schultern vertheilt nicht leicht ist, so wäre schnell eine Abhülfe zu finden.“

Er lehnte den Kopf wie tief nachdenkend auf den auf sein Knie gestützten
Arm.

Das Gesicht Olliviers zuckte in lebhafter Bewegung, seine Augen schienen einem plötzlich vor ihm auftauchenden Bilde zu folgen, ein Schimmer hoher Befriedigung erleuchtete seine Züge und rasch mit athemloser Stimme sprach er:

„Eure Majestät meinen — Eure Majestät haben irgend eine Idee über das
Ressort des auswärtigen Amtes?“

„Ich fürchte,“ sagte Napoleon, indem er wie in schmerzlicher Resignation die Achseln zuckte, „daß die Idee, welche mir einen Augenblick als möglich vorschwebte, der Wunsch, den ich einen Augenblick hegte, Unmöglichkeiten sind. Ich hatte mir gedacht, wie rasch sich das Alles arrangiren ließe, wenn Sie, mein lieber Herr Ollivier, mir das Opfer bringen könnten, für einige Zeit das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zu führen. Ich weiß,“ fuhr er fort, „die Repräsentation, welche gerade mit diesem Ministerium mehr als mit andern verbunden ist, würde Ihnen lästig sein. Die Last der Arbeiten würde selbst Ihrem der Thätigkeit so gewöhnten Geist zu viel werden. Lassen wir also die Sache, es ist doch vielleicht besser, einen Kompromiß zu suchen, welcher uns den Grafen Daru und Herrn Buffet erhält.“

Herr Ollivier hatte in einer gewissen Unruhe, die Hände in leichtem
Zittern bewegend, das Ende der Bemerkungen des Kaisers erwartet. Als
Napoleon schwieg, sagte er rasch, indem er seine Brille zurecht schob:

„Ew. Majestät dürfen überzeugt sein, daß mir für Ihren Dienst und für das Wohl Frankreichs kein Opfer zu groß ist. Wohl widerstrebt meinem einfachen bürgerlichen Sinne,“ sagte er, „die große und vielseitige Repräsentation, wohl möchte ich auch für meine Familie leben und für meine Gesundheit ein wenig Muße gewinnen, dennoch aber kann ich keinen Augenblick anstehen, wenn es der Dienst Eurer Majestät, wenn es das Wohl Frankreichs erfordert, auch diese neue Last auf mich zu nehmen, und ich traue mir ohne Ueberschätzung dennoch die Kraft zu, sie tragen zu können. Ich bin an die Thätigkeit gewöhnt, Sire, und will wenigstens versuchen, Eurer Majestät auch diesen Beweis meiner Ergebenheit zu geben.“