„Herr Amtmann,“ sagte der alte Niemeyer, „ich bringe Ihnen hier einen Flüchtling, der nach der alten Heimath zurückgekehrt ist, und der nun nichts mehr gegen die neue Ordnung der Dinge, welche die Vorsehung über uns verhängt hat, unternehmen wird. Er hofft auf eine nachsichtige Behandlung für das, was er etwa nach den geltenden Gesetzen Strafbares begangen haben könnte und stellt sich zu Ihrer Verfügung.“
Der junge Cappei trat vor, blieb in militairischer Haltung vor dem Beamten stehen und blickte ihn mit seinen offenen, klaren Augen frei und fest an.
„Es freut mich,“ sagte der Beamte, auf welchen die Erscheinung des jungen Mannes einen wohlthuenden Eindruck zu machen schien, „daß Sie sich entschlossen haben, in die geordneten Verhältnisse zurückzukehren und auf thörichte und abenteuerliche Unternehmungen zu verzichten. Ich will nicht fragen und untersuchen, welche Pläne Sie bei Ihrer Auswanderung gehegt haben, welchen Unternehmungen Sie sich angeschlossen haben — allein Sie sind nach den preußischen Gesetzen noch landwehrpflichtig gewesen und werden sich über Ihre eigenmächtige Entfernung zu verantworten haben. Ich wäre berechtigt, Sie zu arretiren und Sie in Untersuchungshaft zu behalten, da ich jedoch nach Ihrem freiwilligen Wiedererscheinen keinen Verdacht hege, daß Sie sich der Untersuchung und der eventuell zu verhängenden Strafe entziehen werden, so will ich von einer solchen Maßregel Abstand nehmen und Ihnen Ihre Freiheit lassen, allein um der Form zu genügen, müssen Sie eine Bürgschaft leisten.“ —
„Die Bürgschaft übernehme ich, Herr Amtmann,“ rief der alte Niemeyer lebhaft. „Ich stelle mein Haus und meinen Hof als Haft dafür, daß der junge Mann sich nicht von hier entfernt und sich jeder Anforderung stellen wird.“
„Ich will diese Garantie annehmen,“ erwiderte der Beamte — er setzte sich an seinen Schreibtisch, nahm ein kleines Protokoll auf, das der alte Bauer und sein Neffe unterzeichnen mußten und entließ dann die Beiden.
Als sie hinausgegangen waren, zog er ein kleines Aktenfascikel aus einem verschlossenen Fach seines Schreibtisches hervor und öffnete dasselbe.
„Die Erscheinung dieses jungen Mannes,“ sagte er, „ist durchaus Vertrauen erweckend, er hat ein so freies Gesicht und einen so offenen Blick, daß ich ihm kaum geheime und verborgene Absichten zutrauen kann. Auch ist mir der Alte als ein Mann von ruhigem praktischen Sinn, der sich den thatsächlichen Verhältnissen stillschweigend unterordnet und alle Agitationen und Conspirationen mißbilligend, bekannt; und doch ist mir hier ein sehr bestimmter Avis zugegangen, nach welchem die Gesandtschaft in Paris gerade diesen jungen Cappei auf Grund ihr zugegangener Mittheilungen als einen fanatischen Feind der preußischen Herrschaft und als einen gefährlichen Verschwörer und Agitator bezeichnet, welcher nur deshalb hierher zurückgekehrt, um nach Frankreich hin Mittheilungen über die hiesigen Verhältnisse, Truppendislokationen und so weiter gelangen zu lassen, — mir kommt das ein wenig unwahrscheinlich vor,“ fuhr er fort, „allein die Mittheilung ist bestimmt, und die Zeitverhältnisse gebieten die größte Vorsicht. Ich werde ihn genau beobachten lassen und eine Ueberwachung seiner Correspondenz bei der Postbehörde anordnen, — ist jene Mittheilung richtig, so wird sich bald ein greifbares Indicium finden lassen.“
Er schrieb nach genauer Durchsicht des Aktenfascikels eine Verfügung, ließ seinen Secretair rufen und übergab ihm dieselbe mit dem Befehl schleuniger und discreter Expedition. Dann verschloß er das geheime Aktenstück wieder in seinen Secretair und wandte sich seinen regelmäßigen Arbeiten zu.
Lange noch saß der alte Bauer Niemeyer mit seiner Schwester und dem jungen Cappei bei der großen Lampe im Wohnzimmer seines Hauses beisammen. Immer noch forschten und fragten die beiden Alten — immer erzählte der junge Mann, — immer deutlicher fühlte die Mutter, daß in allen diesen Erzählungen noch Etwas fehlte und zwar Etwas, was tief und innig mit dem Herzensleben ihres Sohnes zusammenhängen müsse.
Und als sie endlich die Ruhe aufsuchten, als sie den Sohn in seine schnell hergerichtete Schlafkammer mit dem sauberen, hoch aufgeschichteten Federbett geführt, und die Hände segnend auf sein Haupt gelegt hatte, da blieb sie noch lange wach in ihrer Kammer in dem Lehnstuhl am Fußende ihres Bettes sitzend und tief nachdenkend über die Fügungen der Vorsehung, welche zwar die ehrgeizigen Träume zerstört hatte, in welchen sie an den fernen Sohn gedacht, welche aber doch diesen Sohn lebendig, frisch und blühend ihr wieder zugeführt hatte und jetzt opferte sie jenen Traum gern der schönen und lieben Wirklichkeit. Sie fühlte auch mit dem so feinen weiblichen Instinct, welches der verborgene Punkt sei, der in allen Erzählungen ihres Sohnes noch dunkel geblieben; sie fühlte, daß die Liebe zwischen ihm und dem fernen Land, aus welchem er zurückgekehrt ein Band geknüpft habe.