Aber sie war nicht traurig darüber und wieder regten sich ehrgeizige Hoffnungen in ihrem Herzen. Denn ein so guter, so braver und so hübscher junger Mann wie ja ihr Sohn, konnte nur eine Wahl getroffen haben, die ihm und seiner ganzen Familie ehrenvoll war.
Und als sie endlich ihr Lager aufsuchte, schloß sie Diejenige, welche ihr Sohn gewählt haben möchte, und welche ihr mütterlicher Stolz in hohen und angesehenen Kreisen suchte voll freudiger Hoffnung und Zuversicht in ihr frommes Abendgebet mit ein.
Der junge Cappei aber war in körperlicher Ermüdung, welche die kräftige Jugend noch stärker fühlt, als das Alter, und in jenem süßen Wohlgefühl, welches das Bewußtsein erzeugt, nach langer Abwesenheit wieder im Schooß des heimathlichen Hauses zu ruhen, bald in einen festen und tiefen Schlaf versunken.
Und wunderbar verschmolzen sich in seinen Träumen die Bilder der Ferne, zu welcher sein Herz ihn hinzog und der Heimath, in welche die Wurzeln seines Lebens geschlagen waren, miteinander.
Bald sah er sich im Hause des alten Challier an der Seite seiner
Louise und an der Spitze des immer blühender erwachsenden
Handelsgeschäfts — bald wieder zeigte ihm der Traum das theure Bild
seiner Geliebten, wie dieselbe glücklich lächelnd in das Haus seines
Oheims eintrat, wie sie seiner Mutter zur Hand ging in häuslichen
Geschäften und neues fröhliches Leben in die alte Heimath brachte.
So schwer diese verschiedenen Bilder in der Wirklichkeit zu vereinigen waren, so verband sie doch das wunderbare Spiel des Traumes zu harmonischer Einigkeit, welche ihn mit einem süßen Gefühl des Glücks und der Freude erfüllten.
Neuntes Capitel.
In einem großen saalartigen Zimmer im Hinterhofe eines düstern Hauses des Faubourg St. Antoine war das democratische Comité versammelt, welches sich gebildet hatte, um auf das Plebiscit einzuwirken und das Volk in Massen dahin zu bestimmen, daß es die Abstimmung entweder ganz verhindere oder wo die Kühnheit dazu vorhanden sein möchte mit „Nein“ stimme.
Die Versammlung fand bei bereits ziemlich vorgerückter Abendstunde statt, der große finstere Raum mit den schmutzigen, von Rauch geschwärzten Wänden war durch einige Petroleumlampen, die auf einem großen Tisch in der Mitte standen, nur wenig erhellt; um diesen Tisch saßen die Leiter des Comités in scharfer Beleuchtung, während der übrige Theil des Saales, in welchem sich etwa vierzig bis fünfzig der hervorragendsten Agenten des Comités befanden, in Dunkelheit gehüllt war.
An diesem Tisch sah man in der Mitte Jules Lermina, einen der unermüdlichen Agitatoren der republikanischen Bewegung in Frankreich, einen Mann mit tief blassem, wie aus Erz gegossenem Gesicht, in welchem nur die glühenden, unheimlich und finster blickenden Augen zu leben schienen und welches, wenn er mit seiner harten jede Modulation ausschließenden Stimme sprach, durch kein Mienenspiel bewegt wurde.