Napoleon öffnete selbst die Thür seines Cabinets und rief den General. Dieser, ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit einem länglichen, ernst und streng blickenden Gesicht trat ein und erwartete schweigend die Befehle des Kaisers.
„Mein lieber General,“ sagte Napoleon, „ich bitte Sie, dafür Sorge zu tragen, daß der Prinz bis auf weitere Befehle sein Zimmer nicht verläßt, und daß er keine Audienzen ertheilt, welche ich nicht vorher genehmigt habe. Gehe mit dem General, mein Sohn,“ fuhr er fort, dem Prinzen freundlich auf die Schulter klopfend, „und beschäftige Dich ein wenig mit Deinen Studien, ich werde später zu Dir kommen und ein wenig sehen, was Du treibst.“
Der Prinz zögerte einen Augenblick, ein leichter Anflug von Unmuth erschien auf seinem Gesicht, er küßte die Hand seines Vaters, umarmte zärtlich die Kaiserin und verließ, vom General Frossard gefolgt, das Cabinet.
„Ich habe soeben einen Brief von Gramont erhalten,“ sagte die Kaiserin — „er sendet uns seine aufrichtigsten Wünsche für den glücklichen Ausfall des Plebiscits und ist entzückt über die ersten Nachrichten, welche der Telegraph nach Wien gebracht hat, und welche bereits erwarten lassen, was sich inzwischen vollzogen hat. Ich würde Dir den Brief vorlesen,“ sagte sie mit einem lächelnden Seitenblick auf Ollivier, „wenn ich nicht fürchten müßte, den Herrn Großsiegelbewahrer in Verlegenheit zu setzen. Der Herzog ist in der That einer seiner glühendsten Bewunderer, er preist Frankreich und das Kaiserreich glücklich, einen solchen Mann zu den ihrigen zu zählen.
Es ist nur zu bedauern,“ fügte sie mit einem leichten Seufzer hinzu, „daß der Herzog so fern von hier auf entlegenem Posten in Wien sich befindet, er wäre ein vortrefflicher Bundesgenosse des Herrn Ollivier, er würde keinen anderen Ehrgeiz haben, als dessen Leitung zu folgen und mit seinem Eifer und seiner Energie die Ideen auszuführen, an denen dieser so reich und so fruchtbar ist,“ sagte sie, mit einem reizenden Lächeln sich gegen den Justizminister verbeugend, der einen schnellen, forschenden Blick auf den Kaiser richtete.
Napoleon hatte den Kopf ein wenig niedergesenkt, sein verschleierter
Blick richtete sich ausdruckslos zu Boden.
„Euer Majestät hatten so eben die Gnade,“ sagte Ollivier, indem er sich halb zur Kaisern wendete, „mit mir über die Besetzung des auswärtigen Ministeriums zu sprechen und den Namen des Herrn Drouyn de L'huys zu nennen“ — ein finsterer Schatten flog einen Augenblick über die Züge der Kaiserin, aber unmittelbar nahmen dieselben wieder ihren ruhig lächelnden, fast gleichgültigen Ausdruck an.
„Drouyn de L'huys,“ sagte sie, „würde reiche Erfahrungen für diesen Posten mitbringen, — er ist ja auch, so weit ich davon gehört habe, im Ganzen vollkommen einverstanden mit der gegenwärtigen Richtung der Regierung. Ich bedaure nur Herrn Ollivier,“ fügte sie in heiterem Tone hinzu, „er wird ein wenig Mühe haben, mit Herrn Drouyn de L'huys fertig zu werden, derselbe hält viel auf seinen eigenen Willen. Aber,“ sagte sie, „es wird ja am Ende nicht schwer sein, sich ihm zu accommodiren, er ist ein Mann von vielem Geist und so viel älter als Herr Ollivier —“
Sie schwieg abbrechend.
Der Justizminister schien einen Augenblick mit seinen Gedanken beschäftigt, dann wandte er sich, wie einem schnellen Entschluß folgend, zum Kaiser und sagte: