„Ein Glück für uns wäre es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel getroffen hätte,“ rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein großes Glas Rothwein herunterstürzte und das leere Glas dann heftig auf den Tisch stieß, „dann wären wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in welcher wir doch keinen Raum mehr für ein anständiges Leben finden.“

Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gäste trat schnell der
Major von Düring an den Tisch der Offiziere heran. Ihm folgte der
Regierungsrath Meding im Reiseanzug.

Die Offiziere erhoben sich.

„Mein Gott, Sie hier,“ rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem Regierungsrath Meding die Hand reichte, „was führt Sie aus der Schweiz hierher? Will der König uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen — in diesem Augenblick?“

„Nein, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath, indem er die übrigen Offiziere herzlich begrüßte und mit Herrn von Düring an deren Tisch Platz nahm. „Ich komme nicht vom Könige, ich habe keine Verbindung mit Hietzing und erfahre nur zufällig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander verbunden hat, und weil ich dringend wünschte, in diesem Augenblick der schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefährlichen und bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und Anforderungen zu widerstehen, sie mögen kommen, woher sie wollen.“

„Wir haben eben darüber gesprochen, was aus uns werden soll,“ erwiderte Herr von Tschirschnitz, „unsere Bezüge von Hietzing sind uns, wie Sie wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den äußerten Einschränkungen gelebt — der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir sämmtlich nichts mehr besitzen werden —“

„und in welchem uns nichts mehr übrig bleiben wird,“ rief Herr von Götz, „als uns, wenn es sein muß, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen.“

„Um Gottes Willen, meine Herren,“ rief der Regierungsrath Meding, — „bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, daß es sich in diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866 handelt. Bedenken Sie, daß in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, daß jeder Deutsche, der in diesem Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres gesammten Vaterlandes stünde, ewiger Schande verfallen müßte; daß die Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen würde, und daß selbst im Falle eines französischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum für ihn haben würde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das dringendste vor allen übereilten und verzweiflungsvollen Entschlüssen zu warnen. Ich bitte und beschwöre Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehört, daß hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Trümmer der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen.“

Herr von Tschirschnitz lachte laut und höhnisch auf.

„Dieser Graf Breda,“ rief er, „ist ein Franzose, ein Agent des dunkelsten Ultramontanismus — daß er sich als Vertreter des Königs von Hannover gerirt und eine hannöversche Legion formiren will, das ist allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen.“