In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach dem in einem
Seitenflügel des Amtshauses befindlichen Arrestlocal führen. Er bat den
Amtsdiener nur noch, seinem Oheim und seiner Mutter Nachricht von seiner
Verhaftung zu geben und warf sich dann in dumpfer Verzweiflung auf das
einfache Bett mit einer Strohmatratze, welche nebst einem hölzernen
Tisch das ganze Ameublement des Zimmers ausmachte, dessen Fenster mit
Eisenstäben vergittert waren und vor dessen Thür sich klirrend der
schwere Riegel schob, der ihn von der Freiheit und von allen seinen
Zukunftsträumen und Hoffnungen trennte.

Viertes Capitel.

Wochen waren seit dem Plebiscit verflossen, die große Mehrzahl des französischen Volkes hatte sich in ihrem Votum aufs Neue für das Kaiserreich und die neue Verfassung desselben erklärt, — die Elemente des Aufruhrs, welche einen Augenblick ihr Haupt aus den finsteren Vorstädten von Paris erhoben, hatten sich wieder in ihre dunklen Schlupfwinkel zurückgezogen, die unbequemen Mitglieder des Cabinets waren entfernt, der Herzog von Gramont war von Wien gekommen und hatte das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten übernommen, und der Kaiser sah sich umgeben von lauter Männern, welche sowohl dem Prinzip seiner Regierung, als ihm persönlich vollkommen ergeben waren, und welche er, wenn er sich die Mühe geben wollte, leicht und vollständig nach seinem Willen zu lenken im Stande war.

Alles schien vortrefflich geordnet und glänzend befestigt. Der kaiserliche Hof hatte sich nach Fontainebleau begeben, es fanden dort jene reizenden, kleinen Gartenfeste Statt, welche die Kaiserin mit ihrem intimen Cirkel so ausgezeichnet zu arrangiren verstand. Die Zeitungen beschäftigten sich im Ganzen wenig mit der Politik. Sie berichteten über die Toiletten der Damen bei den Soiréen à la Watteau, welche unter dem tiefen Schatten der Bäume des Parks von St. Cloud Statt fanden. Sie erzählten mit hoher Befriedigung, daß die Gesundheit des Kaisers ganz vortrefflich sei und daß Seine Majestät Napoleon III in seinem kleinen Privatgarten in St. Cloud mit ganz besonderem Eifer sich mit der Cultur der Rosen beschäftige und nahe daran sei, das große Problem der Horticultur zu lösen und eine schwarze Rose zu erzielen.

Die Zeit der Villeggiaturen begann, Graf Bismarck ritt in Varzin
spazieren, Seine Majestät der König Wilhelm badete in Ems, und der
Kaiser Napoleon mit einer blauen Schürze und einer großen Scheere in der
Hand, pflegte seine Rosen im Garten von St. Cloud.

Der Genius des tiefen Friedens hatte sich über Europa herabgesenkt, die Zeitungsredacteure und Correspondenten in allen Hauptstädten der Welt konnten trotz des sorgfältigsten Spürens an dem blauen Sonnenhimmel der Politik kein Wölkchen entdecken, aus welchem sich irgend eine meteorologische Combination hätte machen lassen, — und die Berichte der Zeitungen waren wahr. Denn an einem schönen, glänzenden Sommermorgen hätten diejenigen, welche in das abgeschlossene Innere der Sommerresidenz von St. Cloud zu blicken im Stande gewesen wären, den Kaiser Napoleon in der That sehen können, wie er, einen breiten Strohhut auf dem Kopf, von seinem Gärtner begleitet, zwischen den Rosenbeeten umherging, und mit liebevoller Sorgfalt alle diese Sträucher und Stämme musterte, auf denen so viel gestaltig und verschieden farbig die Königin der Blumen ihre Blüthen entfaltete. Er prüfte genau jeden Stock und jeden Zweig, er schnitt jede welkende Blüthe und jedes trocknende Blatt ab, Alles in ein Körbchen werfend, das der Gärtner trug und sorgfältig darüber wachend, daß kein gelbes Blatt auf den reinen Kies der Gänge fiel. Er forschte sorgfältig nach dem Mehlthau, diesem bösen Feinde der Rosen und blies, wenn er etwas davon entdeckte, den Dampf seiner großen braunen Havannacigarre auf die kleinen Milben, vergnügt zusehend, wie dieselben betäubt zu Boden fielen.

Bei allen diesen Operationen mußte er sich oft zu den kleinen Sträuchern herunterbücken, oft sich neben den hohen und schlanken Stämmen auf die Spitzen der Zehen erheben, wodurch zuweilen sehr complicirte und schwierige Stellungen hervorgerufen wurden, in denen die kleine, von dem großen Panamastrohhut überdachte Gestalt des Kaisers für alle Diejenigen einen sehr befremdenden und erstaunlichen Eindruck gemacht haben würde, welche gewohnt waren, ihn von den Hundertgarden umgeben bei den großen Truppenrevuen oder bei den großen Empfängen in den Tuilerien inmitten der Großwürdenträger unter dem kaiserlichen Thronhimmel stehen zu sehen. Aber das Gesicht des Kaisers war hier, wenn er klein zusammengebückt vor einer Zwergrose saß, oder wenn er sich mit Mühe zu einer hochstämmigen Centifolie emporhob, unendlich heiterer und glücklicher, als in jenen Augenblicken der glänzenden, kaiserlichen Repräsentation, sein sonst so undurchdringlich verschleierter Blick ruhte hier frei und klar auf den Pflanzen und Blüthen, diesen ewig jungen Kindern der stets sich erneuenden Natur, seine Lippen lächelten und auf seinem welken, von den Linien des Alters bereits tief durchfurchten Gesicht lag der Schimmer einer natürlichen, fast kindlichen Heiterkeit. Er war hier der Mensch, der seine Freude hatte an dem, was alle Menschenherzen erfreut hat, seit das Schöpfungswort Gottes allerlei Kräuter und Blumen auf der zwischen Licht und Finsterniß gestellten Erde erwachsen ließ, und alle Diejenigen, welche den Kaiser haßten und bekämpften im großen Ringen des politischen Lebens, sie wären hier vor dem Menschen entwaffnet gewesen, — denn nur ein guter Mensch kann sich in seinem Herzen die kindlich reine Freude an der einfachen Natur bewahren.

Der Kaiser blieb vor einem mittelgroßen Stamm stehen, aus dessen dunkelgrünen Blättern Knospen mit tief dunklen Spitzen hervorragten. Der Kaiser betrachtete sorgfältig prüfend diese Knospen, die alle noch geschlossen waren, vorsichtig die Zweige auseinander biegend, suchte er nach, ob nicht irgend eine sich bereits geöffnet habe.

Plötzlich stieß er einen leichten Schrei aus. An der anderen Seite des kleinen Baumes, welche dem Morgensonnenlicht zugewendet war, entdeckte er eine halb erschlossene Blüthe, deren tief dunkle Blätter so eben die Umhüllung gesprengt hatten.

„Ah,“ sagte er, indem er mit der Hand dem Gärtner winkte, welcher rasch herzutrat, „da ist die Lösung meines Problems, die Blüthe ist erschlossen und“ — er blickte ganz enttäuscht und niedergeschlagen auf die Blume.