All das helle Licht, welches ihn im Garten umgeben hatte, all die freundliche Heiterkeit, welche ihn dort erfüllt hatte, schien wie verschwunden zu sein. Ernst und sorgenvoll trat er zu seinem Schreibtisch, auf welchem Pietri am Morgen die zu des Kaisers eigener Durchsicht bestimmten Correspondenzen gelegt hatte und ließ sich in dem davor flehenden tiefen Lehnstuhl von Rohrgeflecht mit einem länglich runden Sitzkissen nieder.
„Die glücklichen Augenblicke des Tages sind vorüber,“ sagte er, „die Sorge tritt wieder in ihr Recht und trotz des Anscheins von Ruhe und Sicherheit, welche Frankreich und die Welt heute darbietet, stehe ich heute mehr als je vor ungelösten Fragen der Zukunft. Dieses Deutschland consolidirt sich,“ sagte er, „Österreich schwankt und trotz aller guten Dispositionen des Königs Victor Emanuel wendet sich die öffentliche Stimmung in Italien mehr und mehr von mir ab, so daß es schwer sein wird, eine Allianz mit dieser Macht, welche ich geschaffen habe, zu schließen. Und selbst wenn es gelänge,“ fuhr er fort, „würde eine solche Allianz im Augenblick einer entscheidenden Action — im Augenblick der Gefahr vielleicht — gehalten werden? Die meisten Sorgen aber,“ sagte er nach einigen Augenblicken, „machen mir diese spanischen Angelegenheiten, die Candidatur des Herzogs von Montpensier wird eifrig betrieben und trotz der geringen persönlichen Popularität des Herzogs kann sie urplötzlich mir entgegentreten, denn schließlich wird man dort nach jedem Auskunftsmittel greifen, um nur wieder zu geordneten Zuständen zu gelangen, und die Orleans verstehen sich auf die Agitationen und die Intriguen. Aber ich muß Alles aufbieten, um ein orleanistisches Königthum in Spanien zu verhindern. Ich habe soeben den Einfluß gebrochen, welchen diese erbittertsten und gefährlichsten Feinde meiner Regierung und meiner Dynastie hier in Frankreich wieder zu erringen begannen, und würden sie jemals in Spanien festen Fuß fassen, so würde ihre Agitation trotz der Pyrenäen mit erneuter Kraft Frankreich durchziehen. Der Erbprinz von Hohenzollern wäre vielleicht eine Lösung gewesen, — und ich will diesen Faden nicht ganz aus der Hand lassen, aber das Erste und Nächstliegende ist doch die Wiederherstellung der Dynastie der Königin Isabella unter dem Prinzen von Asturien. Meine Einleitungen sind getroffen: Olozaga ist der Combination günstig, und dieser eitle Serrano wird lieber der Majordomus des unmündigen Don Alphonso sein, als einfacher General unter dem Herzog von Montpensier, der sich seiner wahrscheinlich bald entledigen würde — was vielleicht Prim auch thun wird,“ fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu — „den ich vorläufig ganz aus dem Spiel lassen muß, um ihn mir für jene hohenzollersche Eventualität im äußersten Falle zu reserviren.“
Er beugte sich über seinen Schreibtisch und ergriff die auf demselben zurecht gelegten Briefe. Nach flüchtigem Überblick warf er mehrere derselben bei Seite, dann ergriff er lebhaft einen andern und lehnte sich, denselben in der Hand haltend, in seinen Stuhl zurück.
„Von meinem Agenten in Spanien,“ rief er, — „vielleicht nähert sich diese
Sache ihrem Ende.“
Er durchflog rasch die ersten Zeilen des Briefes.
„Alles ist vorbereitet,“ las er dann, den Zeilen folgend, „die maßgebenden Personen sind der Proclamation des Prinzen von Asturien günstig. Das Volk im Ganzen mit Ausnahme einiger unterwühlten großen Städte würde jede feste Regierung, welche Ruhe und Stabilität verbürgt, mit Freuden begrüßen. Die Armee ist zum großen Theil ganz alphonsistisch gesinnt und die Proklamation des Prinzen, namentlich wenn derselbe die unmittelbare und bestimmte Anerkennung Frankreichs fände, würde nirgends ernsten Schwierigkeiten begegnen. Vor allen Dingen aber ist es nöthig, daß die Königin Isabella so schnell als möglich feierlich abdicirt und alle ihre Rechte auf ihren Sohn überträgt, zugleich auch jeden Anspruch auf die Regentschaft ausdrücklich aufgiebt und sich verpflichtet, auch nach der etwaigen Thronbesteigung ihres Sohnes im Auslande zu leben und nicht nach Spanien zurückzukehren. Dies Document ist unerläßlich für jede weitere Thätigkeit, denn Niemand, die Alphonsisten ebenso wenig, wie alle Andern, will die Rückkehr der Königin, und man fürchtet, daß selbst bei ihrer persönlichen Anwesenheit in Spanien sie und ihre Umgebung auf die Regierung von Neuem einen Einfluß ausüben würden, den man mit Recht oder Unrecht für verderblich hält. Wenn Eure Majestät die Abdication der Königin in der oben angedeuteten Weise erreichen können, so scheint die Thronbesteigung des Prinzen von Asturien sicher zu sein.“
Der Kaiser warf den Brief zurück.
„Ich kann mich auf diese Mittheilung verlassen,“ sagte er, — „das Glück scheint mir zu lächeln. Die Regierung des Prinzen von Asturien, mag sie in seinem Namen geführt werden, durch wen sie wolle, wird Frankreich günstig sein und in der auswärtigen Politik im Großen und Ganzen derjenigen der Königin Isabella sich anschließen. Vor allen Dingen aber wird sie dem Herzog von Montpensier und den Orleans unversöhnlich feindlich sein — vielleicht ließe sich dann doch noch auf jene Combination zurückkommen, welche durch diese unglückliche Revolution in Spanien vereitelt wurde. —
Die Königin wird sich freilich schwer zur Abdankung entschließen. Das Document darüber ist schon aufgesetzt und befindet sich in ihren Händen. Sie hat bis jetzt die Unterzeichnung verweigert, weil sie Bürgschaft verlangte, daß nach ihrer Abdication die Thronbesteigung ihres Sohnes wirklich gesichert sei. Ich glaube ihr nach dieser Nachricht, welche durch die Mittheilungen Olozaga's vollständig bestätigt wird, jede Garantie geben zu können.“
Er sann einige Minuten nach.