So war denn die ganze Gesellschaft auf der Brunnenpromenade in Ems ebenso heiter, als der blaue sonnige Himmel, welcher sich über dem reizenden Bergthal ausspannte. Es waren nur Worte leichter und fröhlicher Conversation, welche man unter den Klängen der Badecapelle miteinander wechselte.
Bereits war der Prinz Georg von Preußen auf der Promenade erschienen und hatte sich in liebenswürdigster Weise mit den ihm bekannten Damen und Herren der Badegesellschaft unterhalten, und mit allgemeiner Spannung erwartete man den König Wilhelm, welchen man pünktlich zur festgesetzten Stunde auf der Promenade erscheinen zu sehen gewohnt war, um seinen Kränchen-Brunnen zu trinken.
„Ich habe gestern Abend die neuesten Zeitungen mit Nachrichten aus Frankreich gelesen,“ sagte der Präsident des evangelischen Oberkirchenraths Dr. Matthis, eine hagere, trockene Gestalt mit bureaukratisch faltigem, kränklichem Gesicht, indem er sich zu dem Regierungspräsidenten von Bernuth, einem schlanken, hoch blonden Mann mit starkem Schnurrbart, welcher in militairischer kräftiger Haltung neben ihm ging, wandte, „es scheint mir doch ein wenig bunt in Frankreich auszusehen. Wenn ich dazu die plötzliche Ankunft des Baron von Werther nehme, so kommt mir die Lage der Dinge doch etwas beunruhigend vor. Mir scheint die öffentliche Meinung in Paris sehr montirt zu sein, und die Erklärung des Herzogs von Gramont im Corps legislatif beweist, daß die Regierung sich ein wenig unter dem Druck dieser öffentlichen Meinung befindet. Es wäre doch entsetzlich,“ sagte er seufzend, „wenn wir hier aus unserm ruhigen Badeleben durch ernste und gefährliche Catastrophen aufgeschreckt werden sollten.“
„Ich glaube nicht daran, Excellenz,“ sagte Herr von Bernuth, „dieses Spiel hat sich ja seit 1866 schon oftmals wiederholt, — erinnern Sie sich nur an Luxemburg. Damals schrieben die französischen Journale flammende Artikel, und so viel man davon erfuhr, führte auch die französische Diplomatie eine sehr hochmüthige Sprache, so daß Jedermann damals an den Ausbruch des Krieges glaubte. Die ruhige kaltblütige Heftigkeit des Kaisers und des Grafen Bismarck haben damals dem Sturm getrotzt und derselbe hat keine gefährlichen Wetterwolken empor getrieben, — so wird es auch diesmal wieder sein, man wird sich wohl jetzt ebenso wenig einschüchtern lassen, wie damals und die ganze Sache hat ja auch für beide Theile lange nicht die Bedeutung wie die Luxemburger Affaire.“
Der Geheimrath Matthis schüttelte bedenklich den Kopf.
„Mir will das nicht recht geheuer vorkommen,“ sagte er, — „es wäre wirklich traurig, wenn die Kur, die mir so gut bekommt, unterbrochen werden sollte.“
Sie waren an die Quelle gekommen, Herr Matthis füllte seinen Becher und schlürfte vorsichtig in kleinen Zügen das Heil bringende Wasser ein, während Herr von Bernuth rasch in kräftigen Zügen seinen Becher leerte.
„Sehen Sie, Exzellenz,“ sagte er dann, „dort kommt Seine Majestät. Ich bitte, sehen Sie den Herrn an, so lange dies Gesicht so heiter und ruhig blickt, haben wir nichts für den europäischen Frieden zu fürchten.“
Der Geheimrath Matthis hatte bei den Worten des Präsidenten hastig seinen Becher geleert, von der schnell in seine Kehle dringenden Flüssigkeit gereizt, begann er heftig zu husten, und sein Taschentuch vor den Mund haltend, blickte er nach dem Eingang der Allee hin, wo so eben der König Wilhelm in einem einfachen dunklen Civilanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, einen Stock in der Hand erschien, begleitet von dem Flügeladjutanten, Grafen Lehndorf, einem schönen, hoch gewachsenen Mann mit starkem dunklem Bart, der ebenfalls in Civil erschienen war.
Der Präsident von Bernuth hatte Recht; der König ging so frisch, so leichten und kräftigen Schritts einher; sein Gesicht strahlte von einer so ruhigen milden Heiterkeit, daß man unmöglich dem Gedanken Raum geben konnte, daß ernste Sorgen um den Frieden der Welt ihn erfüllen könnten.