Der König schritt rasch durch die Allee nach der Quelle hin und erwiderte rechts und links freundlich mit der Hand winkend die ehrerbietigen Begrüßungen der bei seinem Vorbeischreiten tief sich verneigenden Badegäste. Der König begrüßte schnell, aber herzlich den Prinzen Georg, welcher ihm entgegentrat und wandte sich dann zu seinem Leibarzt Dr. von Lauer, der den Becher Seiner Majestät aus dem Kränchen-Brunnen füllen ließ.

„Ich habe vortrefflich geschlafen, mein lieber Lauer,“ sagte der König, indem er den Becher ergriff, „überhaupt bekommt mir diesmal die Kur ganz ausgezeichnet. Es ist eine vortreffliche Quelle, die Sie mir verordnet haben, sie bringt meine Natur für ein Jahr immer wieder in Ordnung.“

Er leerte mit langen Zügen seinen Becher und athmete dann tief auf, als fühle er die wohlthätige Wirkung des Getränks.

„Eure Majestät sehen in der That in den letzten Tagen und heute besonders ganz ausnehmend wohl und kräftig aus,“ sagte Herr von Lauer, indem er den scharfen Blick seines klugen und geistvollen Auges auf der kräftigen Gestalt des Königs ruhen ließ. „Aber ich würde, um die Quelle zur vollen Wirksamkeit zu bringen, am liebsten sehen, daß Eure Majestät Ihr Militair- und Civilcabinet zu Hause gelassen hätten, denn die Enthaltung von allen Arbeiten, von aller geistigen Unruhe ist die erste Bedingung einer guten Wirkung des Bades, und leider halten Eure Majestät diese nothwendige geistige Diät nicht mit eben der Sorgfalt, mit welcher Sie die materiellen Diätvorschriften beobachten.“

„Leider ist das nicht so ganz möglich,“ erwiderte der König, „indeß kann ich Sie versichern, daß ich auch in dieser Beziehung so viel als es angeht, Ihren Vorschriften nachkomme, und namentlich habe ich keine aufregenden und beunruhigenden Arbeiten,“ fügte er hinzu, während es wie ein leiser vorübergehender Schatten über sein Gesicht flog.

„Ich fürchte doch, daß Eure Majestät als Bade-Patient immer noch zu viel arbeiten, denn nach der Anzahl von Depeschen, welche einlaufen —“

„Controliren Sie meine Depeschen?“ fragte der König lächelnd.

„Als Eurer Majestät Leibarzt,“ sagte Herr von Lauer, „müßte ich hier im Bade eigentlich Alles controliren, was in Eurer Majestät Leben eingreift; aber zu der Bemerkung, welche ich so eben zu machen mir erlaubte, bin ich auf zufällige Weise gekommen; ich wohne im steinernen Hause neben dem Zimmer des Hofraths St. Blanquart“ —

„Nun,“ fragte der König.

— „der Geheimrath Abeken, Majestät, kommt nun sehr häufig von seiner Wohnung in Huyns Gartenhaus zu St. Blanquart, um von den Depeschen nach ihrer Dechiffrirung sofort Kenntniß zu nehmen, und seit einigen Tagen höre ich bis tief in die Nacht hinein fortwährend das Vorlesen der Zahlen der Chiffres. Diese ruhig und monoton ausgesprochenen Zahlen tönen in meinen Schlaf hinein, und wenn ich morgens früh aufwache, so höre ich bereits wieder, wie sich Zahl an Zahl in der Arbeit des Dechiffrirens an einander reiht; — ob man in der Nacht überhaupt aufgehört hat, weiß ich nicht. Und alle diese unendlichen Zahlenreihen,“ fuhr er fort, „haben doch einen Inhalt, dieser Inhalt muß endlich zu Eurer Majestät gelangen und ist jedenfalls der Feind meiner Kur. Ich bin mehrmals schon sehr böse gewesen und möchte am liebsten das ganze Dechiffrirbureau von Eurer Majestät durch eine chinesische Mauer trennen, so lange bis mein Brunnen seine Wirkung gethan.“