König Wilhelm hatte sich erhoben, trat dem Grafen Benedetti einen Schritt entgegen und reichte ihm mit freundlicher Bewegung die Hand, welche dieser, sich tief verneigend, ehrerbietig ergriff.

„Ich glaube zu wissen, weßwegen Sie kommen,“ sagte der König, — „wir werden uns leicht darüber verständigen und aus dieser Sache wird kein Conflikt entstehen.“

Er deutete, während er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf einen
Sessel, welcher neben demselben stand.

„Eure Majestät,“ sagte Benedetti, indem er sich niederließ, „haben die Gnade, dieselbe Ueberzeugung auszusprechen, in welcher ich hierher gekommen bin, — ich bin gewiß, daß es unendlich leicht sein wird, den Gegenstand der Beunruhigung verschwinden zu lassen, welcher in den letzten Tagen aufgetaucht ist, und welcher die Regierung des Kaisers, meines allergnädigsten Herrn, sehr lebhaft beschäftigt.“

Der König blickte ruhig und erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht des Botschafters.

„Die öffentliche Meinung in Frankreich, Majestät,“ fuhr dieser fort, „erblickt in der Annahme der spanischen Throncandidatur von Seiten des Erbprinzen Leopold von Hohenzollern eine ernste Gefährdung der französischen Interessen, und die Regierung des Kaisers, welche,“ fügte er hinzu, „mehr als irgend eine andere Veranlassung hat, der öffentlichen Meinung in ausgedehnter Weise Rechnung zu tragen, kann sich, wenn sie auch weit entfernt von der allgemeinen Aufregung ist, dennoch diesem Einfluß nicht verschließen. Eure Majestät wissen, wie hohen Werth der Kaiser persönlich und alle Mitglieder seiner Regierung darauf legen, daß in den Beziehungen zwischen Preußen und Frankreich keine Trübung entstehe, und daß kein Mißverständniß die aufrichtige Freundschaft und das Vertrauen stören, welches zum Wohl beider Nationen besteht und zu dessen Erhaltung ich nach meinen Kräften mitzuwirken seit Jahren den ehrenvollen und erfreulichen Beruf habe.“

Der König nickte wie die letzten Worte betätigend leicht mit dem Kopf, ohne etwas zu erwidern.

„Die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern,“ sprach Benedetti weiter, „muß abgesehen von der Irritation in Frankreich, wie die Regierung des Kaisers glaubt und wie auch Eure Majestät gewiß nicht verkennen werden, auch in Spanien selbst eine große Aufregung hervorrufen und wird unausbleiblich dort die Ursache oder wenigstens der Vorwand großer Unruhen und Unordnungen werden. Auch in anderen Ländern, Majestät,“ fuhr er mit fast unmerklich erhöhter Betonung fort, „hat die Sache eine lebhafte Beunruhigung erzeugt, — wenn man den übereinstimmenden Aeußerungen der englischen Presse Glauben schenken darf, so ist auch die öffentliche Meinung in England einig darin, eine Combination zu beklagen, welche die Ruhe Spaniens ebenso sehr zu bedrohen scheint, als die guten Beziehungen, die in diesem Augenblick die großen europäischen Mächte miteinander verbinden. Die Regierung des Kaisers hat keinen andern Wunsch, als allen diesen Beunruhigungen so schnell als möglich ein Ziel zu setzen, und in den Händen Eurer Majestät liegt es, diese Wünsche, diese lebhaften und innigen Wünsche zu erfüllen. Eure Majestät können mit einem Wort alle diese Gefahren beschwören und den Ausbruch eines Bürgerkrieges in der pyrenäischen Halbinsel verhüten, für welche ein Mitglied Ihres Hauses die Verantwortung tragen würde. Der Prinz von Hohenzollern kann die spanische Königskrone nicht annehmen, ohne dazu von Eurer Majestät autorisirt zu werden. Sobald Eure Majestät ihn von diesem auch für ihn selbst gefährlichen Unternehmen, abzuhalten die Gnade haben, so werden die Beunruhigungen, welche jetzt alle Welt erfüllen, in einem Augenblick aufhören. Die hohe Weisheit Eurer Majestät und die großherzigen Gefühle, welche Sie erfüllen, werden Ihren Entschluß bestimmen. Ich beschwöre Eure Majestät, Europa diesen neuen Beweis von den edlen Gesinnungen zu geben, in welchen Allerhöchstdieselben bei jeder Gelegenheit beigetragen haben, den allgemeinen Frieden zu erhalten und zu befestigen. Die Regierung des Kaisers,“ fügte er hinzu, „wird in einem solchen Entschluß Eurer Majestät eine neue und innige Befestigung der guten Beziehungen zwischen Frankreich und Preußen erblicken und wird einen solchen Entschluß, wie ich versichern darf, mit hoher Freude und dankbarer Anerkennung entgegennehmen, ebenso wie sie überzeugt ist, daß derselbe in ganz Europa allgemeine Befriedigung erregen wird.“

Der König hatte vollkommen ruhig und ohne ein äußeres Zeichen seiner Gedanken die Worte des Botschafters angehört, er sah einen Augenblick schweigend zu Boden und richtete dann den klaren Blick seines offenen, freien Auges fest auf Benedetti.

„Mein lieber Graf,“ sagte er, „es ist vor allen Dingen nothwendig, jedes Mißverständniß und jede falsche Auslegung über die Art meiner Intervention in dieser ganzen Angelegenheit auszuschließen. Alle Verhandlungen, welche über den Gegenstand geführt wurden, haben sich ganz ausschließlich zwischen der spanischen Regierung und dem Prinzen von Hohenzollern bewegt. Die preußische Regierung ist allen diesen Verhandlungen nicht nur vollkommen fern geblieben, dieselbe war ihr sogar gänzlich unbekannt, auch ich persönlich habe in keiner Weise in dieselbe eingegriffen. Ich habe es sogar entschieden verweigert, einen Agenten des Marschall Prim zu empfangen, welcher in dieser Sache nach Berlin geschickt wurde und habe mich zum ersten Male über die ganze Frage überhaupt geäußert, als der Prinz Leopold bereits ganz entschieden war, die ihm gemachten Vorschläge anzunehmen und meine Erklärung darüber erbat. Dies fand bei meiner Ankunft in Ems statt, und ich habe mich einfach darauf beschränkt, dem Prinzen zu erklären, daß ich nicht glaubte, seinen Absichten ein Hinderniß in den Weg legen zu sollen. Die ganze, an sich schon sehr unbedeutende Einwirkung, welche ich meinerseits auf die Sache habe üben können, ist also rein passiver Natur gewesen und hat sich ganz ausschließlich auf meine Stellung als Chef des Gesammthauses Hohenzollern bezogen. Lediglich in dieser Eigenschaft und nicht in derjenigen als König von Preußen bin ich von dem Entschluß des Prinzen unterrichtet worden, auch habe ich meinem Ministerrath in keiner Weise die Frage vorgelegt, und die preußische Regierung als solche, ist außer Stande eine Interpellation über die Sache zu beantworten, die ihr vollkommen unbekannt geblieben ist, und für welche sie ebenso wenig verantwortlich sein kann, als irgend ein europäisches Cabinet.“