Der Herzog stieg aus und schritt eiligst die Treppe zu den Appartements des Kaisers hinauf, in welche er nach der Meldung des Dienst thuenden Adjutanten unmittelbar eingeführt wurde.

Auf dem Tisch des Kaisers brannte bereits eine hohe Lampe mit großem flachem Schirm von bläulichem Glas, während durch das geöffnete Fenster mit den Düften der blühenden Rosenbeete die letzten Strahlen des sinkenden Tages hineindrangen.

Der Kaiser, welcher sich nach dem Familiendiner so eben zurückgezogen und den Frack mit einem leichten weiten Sommerrock vertauscht hatte, lag halb in einem jener großen amerikanischen Schaukelstühle von feinen elastischen Holzstreifen, den Kopf auf eine an der Lehne des Stuhls hängende Schlummerrolle gestützt und in ruhiger Träumerei seine Cigarre rauchend. Mit einem leisen Seufzer über die Störung seines Dolce far niente erhob er sich mit einiger Mühe und ging dem Minister einige Schritte entgegen, welcher sich in einer gewissen Erregung zu befinden schien.

„Ich habe Eurer Majestät eine günstige und wichtige Nachricht mitzutheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „und Ihre Befehle zu erbitten, wie die durch dieselbe geschaffene neue Situation behandelt werden soll.“

Der Kaiser athmete wie erleichtert auf.

„Hat der König Wilhelm die Forderung Benedetti's erfüllt,“ fragte er.
„Ist dieser unangenehme und peinliche Fall erledigt?“

„Der Prinz von Hohenzollern, Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „hat seine Candidatur zurückgezogen. Olozaga ist so eben bei mir gewesen, um mir dies mitzutheilen und nach einem Telegramm von Benedetti hat der König Wilhelm ihm ebenfalls die Verzichtleistung des Prinzen durch einen Adjutanten mittheilen und erklären lassen, daß er diese Verzichtleistung autorisire.“

„Ah,“ sagte der Kaiser mit zufriedenem Lächeln, „unser energisches
Auftreten hat also schnell seine Früchte getragen.“

„Wie immer, Sire,“ sagte der Herzog mit dem Ausdruck stolzer Befriedigung, „für eine Macht wie Frankreich ist Energie und Festigkeit immer die beste Politik, und ich freue mich von ganzem Herzen, daß durch unser Auftreten in dieser Sache nicht nur vor der Nation, sondern vor ganz Europa der Beweis geliefert worden ist, daß das Wort Frankreichs noch nicht ungehört verhalle, und daß die Zeit beendet sei, in welcher man glaubte, ohne unsere Zustimmung die großen und wichtigen europäischen Fragen entscheiden zu können. Das einfache Wort Eurer Majestät hat genügt, um diese Combination des Grafen von Bismarck scheitern zu lassen. Die Situation hat sich ungemein günstig für uns verändert, denn wir haben alle europäischen Cabinette für uns, welche sämmtlich in der Thronbesteigung eines Hohenzollerschen Prinzen in Spanien eine bedenkliche Gefahr für die Ruhe und das Gleichgewicht Europas erblickten. Es kommt nun nur darauf an, den Erfolg, den wir errungen haben, vor den Kammern und der öffentlichen Meinung in das richtige Licht zu stellen, damit alle die Feinde der Regierung sich überzeugen, daß das Kaiserthum noch groß und glänzend da steht, und daß Frankreich nach der langen Zurückhaltung, welche auf die Schlacht von Sadowa folgte, wieder entschlossen ist, mit entscheidender Hand in die Politik einzugreifen.“

„Sehr gut, sehr gut,“ sagte der Kaiser, „das wird einen vortrefflichen Eindruck machen. Wir haben da einen großen Schlag gethan, und zwar ohne alle heftigen Verwickelungen und ohne daß selbst unsere Beziehungen zu Preußen irgend wie getrübt werden, denn Benedetti berichtet ja, daß er mit der größten Auszeichnung vom Könige Wilhelm behandelt worden sei. Ich gratulire Ihnen, mein lieber Herzog, zu diesem ersten Debut als Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Es ist ein Triumph ohne Opfer, und ich bin überzeugt, daß einem solchen vortrefflichen Anfang immer glänzendere Resultate folgen werden.“