„Der Würfel ist gefallen,“ sagte er mit düsterem Ton, „das Verderben ist entfesselt! Wen wird der Blitz treffen, der noch verborgen im Schoß der Wolken ruht, welche den Himmel des europäischen Friedens überziehen.“
Er öffnete die Thür des Nebenzimmers und rief seinen Secretair.
„Bereiten Sie Alles zur Abreise vor,“ sagte er im ernsten Ton, „meine Mission hier ist zu Ende. Doch,“ fuhr er fort, „ich will bis zum letzten Augenblick alle Pflichten der Höflichkeit erfüllen. Wenn es das Schicksal will, kann sich vielleicht doch noch eine Gelegenheit bieten, das Verhängniß zu beschwören. Gehen Sie zum Hause des Königs und sagen Sie dem Adjutanten vom Dienst, daß ich um die Erlaubniß bäte, mich von Seiner Majestät verabschieden zu dürfen. Damit verletze ich keine Form und kann zugleich meinen persönlichen Wunsch erfüllen, von dem Monarchen, der mir soviel Gnade und Wohlwollen bewiesen hat, und von dem ich in so verhängnißvollem Augenblick scheiden muß, einen freundlichen Abschied zu nehmen.“
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Die Aufregung unter den Badegästen in Ems, welche die ersten Nachrichten von den Differenzen über die Hohenzollersche Candidatur erregt hatten, war fast vollständig wieder verschwunden. Man hatte zwar die heftigen Artikel der französischen Journale gelesen, die nationale Entrüstung, welche ganz Deutschland bei diesen Provocationen erfaßte, war auch dorthin in die stillen Kreise des Badelebens gedrungen, aber man hatte auch wieder Gelegenheit gehabt, hier in unmittelbarer Nähe den so freundlichen Verkehr des Könige mit dem französischen Botschafter zu sehen. Man hatte gesehen, wie Seine Majestät den Grafen Benedetti täglich auf der Promenade auf das huldvollste anredete und einige Zeit in lebhafter Conversation mit ihm auf- und niederging. Das Lächeln verschwand keinen Augenblick von dem glatten Gesicht des Botschafters und der König war ruhig und heiter wie immer.
Baron Werther war wieder nach Paris zurückgereist; der Minister des Innern, welchen der Graf Bismarck, der von Barzin kommend, in Berlin leicht erkrankt war, zum Könige nach Ems entsendet hatte, war wieder nach Berlin zurückgekehrt; der Finanzminister war angekommen, um wie man erzählte, Seiner Majestät über Angelegenheiten seines Ressorts Vortrag zu halten, und Alles schien wieder in das gewohnte Geleis zurückzukehren.
Als nun gar der Telegraph die Nachricht brachte, daß der Prinz Leopold von Hohenzollern auf seine Candidatur Verzicht geleistet, und daß Graf Bismarck, darin die vollständige Erledigung der ganzen Angelegenheit erblickend, seine Reise nach Ems aufgegeben habe, da verschwanden vollends die letzten Besorgnisse, und man sah auf der Brunnenpromenade nur heitere und lächelnde Gesichter, man verabredete Partien in die Berge, und die Unterhaltung, welche so lange von den ernsten Gegenständen der Politik in Anspruch genommen war, wandte sich wieder den kleinen Ereignissen des Tages zu.
Man sprach von den Toiletten der Herzogin von Ossuna, welche soeben mit ihrem Gemahl angekommen war und Alles durch ihren Geschmack und ihre Eleganz in den Schatten stellte. Man wiederholte die märchenhaften Erzählungen über den Reichthum dieses spanischen Granden, welcher die Königin Isabella am Hofe von St. Petersburg vertreten und an diesem prachtvollsten Hof Europas einen Glanz entwickelt hatte, der selbst dort noch nicht gesehen worden war.
Da plötzlich drang am Nachmittag des 14. Juli in diese wieder zu sorgloser, heiterer Geselligkeit sich zusammenschließenden Kreise wie ein unvorbereiteter Wetterschlag die Nachricht, daß der König, den man, wie er öfter that, nach Coblenz zu seiner Gemahlin hatte fahren sehen, der am Abend zurückerwartet wurde, schon in der Frühe des nächsten Morgens nach Berlin abreisen werde, daß alle Verhandlungen abgebrochen seien, daß Seine Majestät sogar jede weitere Unterredung mit dem Botschafter abgelehnt habe, und daß der Krieg unvermeidlich scheine.
Die tiefste Bestürzung verbreitete sich überall. Diejenigen, welche mit dem einen oder dem andern Herrn aus der Umgebung des Königs bekannt waren, suchten sich demselben zu nähern, um Ausführliches zu erfahren — die Umgebung des Königs vermied es zwar, sich in lange Gespräche über die Situation einzulassen, doch der ernste, fast feierliche Eindruck, welcher auf den Gesichtern aller dieser Herren lag, einzelne hingeworfene Bemerkungen und die Bestätigung der für den nächsten Morgen feststehenden Abreise des Königs zeigten deutlich genug, daß die Befürchtungen, welche überall erregt waren, vollkommen begründet seien.