Ich muß gestehen, daß mir dieses grandiose, dieses absolute Laufenlassen nicht wenig imponierte. So anscheinend tragödienlos, so ohne Szenen, Tränen, Jammer. Freilich sah ich es in dem Stadium, wo sie, Helene, eben schon da angelangt war. Vorher – mag es Szenen, Tränen und Jammer genug gegeben haben.
»Ich kann ihr nichts mehr anhaben, ihr nichts antun,« sagte Dimitri, »und das ist mir ein wunderbar angenehmer Gedanke und macht mir jetzt den Verkehr mit ihr zur reinen Seligkeit.«
Er hatte recht. Volle Berechtigung hatte er zu diesem wunderbar angenehmen Gedanken. Er konnte ihr nichts mehr anhaben. Ihr nichts mehr antun. Denn er hatte ihr schon alles angetan.
Sie nahm mich auf wie eine Freundin. Dimitri, sie nannte ihn Zdenko, war der Vater ihrer Kinder. Nun gehörten wir alle drei zusammen.
Ich wunderte mich nur über die sonderbare Verschiedenheit dieser drei Kinder: niemand hätte sie für Geschwister gehalten. (Das soll so sein, wenn die elterlichen Elemente allzu verschieden sind.) Elias war ein weißblonder Cherub, Ludo ein dicker, kleiner, brauner Bär und Zora ein schwarzes Mäuschen mit wunderbar blanken Äuglein.
Er besuchte mich täglich. Er kam gewöhnlich spät nachmittags. Bis dahin arbeitete er, oder suchte zu arbeiten. Der Abend sollte uns gehören.
Seine Art, ein Gespräch zu führen, war eine fast feindselige. Er warf Spieße, Lanzen, Keulen.
In der ersten Zeit unserer Verbindung trat das Aggressive seines Wesens zurück. Doch das dauerte nicht lange. Dann hatte er sich – gewöhnt.
Er »gewöhnte« sich gleich an alles. Obwohl Künstler durch und durch, hatte er mehr die schwebenden Elemente als die beharrenden in sich. Der Künstler gewöhnt sich nie und an nichts. Der Stephansturm – er sieht ihn immer wieder das erstemal. Er staunt und schaut und sieht. Dimitri ward alles, was ihn entzückte, erregte, entflammte, allzubald selbstverständlich. »Ich seh' nichts«, war eine seiner Lieblingsredensarten. »Ich bin leer.« Und ich »füllte« ihn. Aber, ach, alles rann blitzesgeschwind durch ihn hindurch! Man hatte immer das Gefühl, es sei zu schnell entwichen.