Ich sagte ihm immer: »Ich würde mich überschütten lassen, ich würde dich ausbeuten, wenn du reich wärst!«

Dann war er zufrieden und nahm leichteren Herzens die Tasse Tee bei mir. Aber wahr war's nicht; ich sagte es nur, weil er so arm war.


Dimitris erste Frau, Helene, war eine junge, ernsthafte Person.

Eine gewaltige Stirn hatte diese Frau. Eine Stirn, die sich hoch über den Augenbrauen wölbte, dann mit einem einzigen mächtigen Ruck sich zurückbog. Erfinder stelle ich mir mit einer solchen Stirn vor. Sie war, von innerstem Beruf, Naturforscherin. Hatte Physik studiert, bevor sie sich mit Dimitri verheiratet hatte. Er war zweiundzwanzig gewesen, sie achtzehn.

Dann waren sie hinuntergezogen nach Slavonien, wie in eine Verbannung. Weil er da gleich Konzipist wurde, während man hier »oben« jahrelang auf Ernennung warten mußte.

Sechs Jahre hatten sie da gelebt. Sie hatte zuviel Kinder geboren in dieser Zeit. Zwei waren nicht ausgetragen worden, drei lebten. Er hatte seine Prüfungen gemacht, um Brot gerackert und die Unruhe in seinem Kopf war von der Faust des Erwerbszwanges niedergedrückt und scheinbar niedergehalten worden. Da lag sie, geduckt, gehemmt, sprungbereit. An einander aufgerieben hatten sich diese beiden.

Dann wurden sie vom Vater der Frau nach Wien gerufen. Eine andere Existenz winkte. So kamen sie los von da unten.

Der Blick dieser Augen, unter solcher Stirn, war mir seltsam und schmerzlich: dieser arme verschreckte Blick. Doppelt bange wirkte er, da er hier an einer Frau von ganz selbständiger Persönlichkeit zu finden war, an einer Emanzipierten eigentlich, nicht etwa an einem hilflosen, schwächlichen, anlehnungsbedürftigen kleinen Frauenzimmer. Eine latente Angst vor wilden Griffen war in diesem Blick.

Als sie beide in Wien waren, hatten sie sich geschieden. »In Frieden«. Er wollte frei sein. Und sie war – weise.