Keine Heuchelei seinerseits lag vor. Nichts lag ihm ferner. Ein Doppelgesicht hatte er, ein Janusgesicht, vor dem mir anfing zu – grauen.
Zu grauen begann mir vor dieser in die Seele hineingewühlten Natur, die alles nur aus sich herausholte, in sich wieder zurückführte, in sich nur ging, und zu wenig im äußern Anschauen ruhte.
Erlösung: Eingehen ins Objekt. Es ist der Einzug in die Natur: erlebter Pantheismus. Ichsucht: verhängnisvollster Fetischismus. Zuviel Selbstanschauung – keine Weltanschauung, das trifft gewöhnlich zusammen.
Ich fühlte dunkel: man nahm ihn eigentlich zu ernst; ich vor allem. Man hätte über vieles hinweggehen müssen. Aber so schonungslos er in seiner Kritik anderen gegenüber war, so sehr es ihn trieb, ins Innerste hineinzuleuchten, für seine Person liebte er das nicht. Wenn ein scharfes Wort zu ihm flog, er erbleichte, wandte sich ab (für den Moment), um sich meist nachher, zu neuem »Angriff« vorzubereiten. Und immer war die Art seines »Angriffes« so – interessant, daß man gespannt hinhorchte, wenn es auch in den Nerven stach und brannte. Und wenn man nicht darauf einging, litt er drunter, »Du hast kein objektives Urteil, du verwandelst dich in eine feindliche Festung, du bist ein platter Mensch« – war dann sein Refrain. Und ich wollte ja Verständnis mit ihm, Übereinkommen, Frieden, Frieden!
Was hörte ich doch täglich von fünf Uhr nachmittags bis zwei Uhr nachts alles an! Mit erstaunlicher Geduld, erstaunlichem Interesse, erstaunlichem Ernst.
Meine gute Mutter pflegt ein Lied zu summen:
| »Und der Himmel voller Huld |
| Hört das alles mit Geduld!« |