Aber noch verführerischer, noch blendender als der Dichter – kommt der Philosoph. Mittels übersinnlicher Spekulation konstruiert er seine Waffen, und er, der Metaphysiker, wäre der einzig zu fürchtende Feind, weil er sich in Regionen bewegt, in denen sich nicht hart und wahrnehmbar »die Sachen stoßen«, – und je weniger verfolgbar und kontrollierbar seine Hypothesen sind, um so mehr Gläubige finden sie. »A beau mentir qui vient de loin« sagt ein altes französisches Sprichwort. Aber auch er kann dem Tatsächlichen nicht ausweichen, er muß von der abstrakten Theorie zur Wirklichkeit übergehen – und paßt sie nicht in die vorbereiteten Formen und Formeln (die er schon deshalb nicht preisgibt, weil ihn ja ihre Konstruktion unendlich viel Mühe kostete) – so wird ihr einfach Gewalt angetan. Und das ist der Moment, wo er strauchelt, wo er fällt, wo er seinen Nimbus verliert. Drückt da nämlich irgendwo der Schuh, so wird er nicht weggeworfen, bewahre, sondern wie im Aschenbrödelmärchen am lebenden Fuße das abgehackt, was nicht hineinpassen will. Aber die Sache stimmt nicht, sie verrät sich durch eine rote Spur, die selbst kindlichste Einfalt und gutmütigste Gläubigkeit nicht übersehen kann: Ruckediguck, Blut ist im Schuck!

Dieser Fall war der des Dr. Weininger, der jüngst durch Selbstmord seinem Leben ein Ende gemacht hat. Sein Buch »Geschlecht und Charakter« ist eine wahre Encyklopädie der Weiberverachtung. Es ist schwer, gegen einen Toten zu sprechen. Stimmen von jenseits des Lebens gebieten Ehrfurcht und Schweigen. Dies Buch aber ist eine irdische Stimme, und daß sein Schöpfer in einer jener tiefen, entsetzlichen Depressionen, wie sie alle Begabteren, Strebenden und Ringenden kennen – einer Depression, die der Selbstvernichtung unheimlich zutreibt und die zu überwinden ein gewisses Maß physischer Kraft notwendig ist, die er vielleicht nicht hatte, – seinem Leben ein Ende machte, das verringert die irdische Wirkung des Buches nicht, es erhöht sie vielmehr.

Über das Problem des Selbstmordes selbst – nicht des Weiningerschen, sondern des Selbstmordes im allgemeinen – teilen sich die Meinungen von jeher in zwei Hauptlager: die einen umgeben die freiwillige Abkürzung des eigenen Lebens mit der Heldengloriole – die anderen verdammen sie in Grund und Boden als Feigheit. Es wird mit diesem Probleme ähnlich verfahren wie mit dem der Sexualvorgänge: abwechselnd wird auch dieses in den Himmel gehoben, als göttliches Mysterium empfunden – dann wieder als tierisch und niedrig verdammt und verflucht. Die Wahrheit wird wohl bei beiden Problemen – wie bei so vielem – in der Mitte liegen und sich von Fall zu Fall anders offenbaren.

Jedenfalls wäre der Selbstmord Weiningers, wenn er wirklich seinem Prinzipe einer radikalen Abkehr vom Leben entsprungen sein sollte, wie einige seiner Freunde behaupten (andere sprechen von bösartiger Krankheit, unter der sein ohnedies zerrütteter Körper, der einem nahen Verfall entgegenging, zusammenbrach) – in seiner Art eine heroische Besieglung seiner Anschauungen. Aber solche Anschauungen, die vom Leben wegführen und der Vernichtung zuführen, – sind für das Leben selbst unbrauchbar. Sie mögen kostbar sein für einen mystisch-halluzinativen Jenseitsglauben, vielleicht wonnig wie Haschisch in ihrer berauschenden Wirkung, – aber das Leben selbst kann nur auf Tatsachen bauen, – die wieder neues Leben, neue Wirklichkeit, positives Vorwärtsrücken ergeben.

Nicht gegen den toten Mann soll sich diese Polemik kehren, – sondern gegen das lebende Buch. Wie dieses Buch die Frage erledigt, die sein und unser eigentliches Thema ist, – dies soll durch kein vorgegriffenes Urteil bezeichnet werden, sondern das Buch selbst möge in seinen markantesten Stellen zum Worte kommen, auf die sich dann die Antwort ergeben wird.


Wesen und Wert der beiden Geschlechter und ihre Beziehungen zu einander bilden das Hauptthema des Buches. Eingeleitet wird dieses Thema durch die Verkündigung eines »neuentdeckten Gesetzes« über die Affinität der Geschlechter. Dieses Gesetz, nach welchem jene Individuen einander anziehen, die gegenseitig die ihnen fehlenden Bruchteile an Männlichkeit und Weiblichkeit komplettieren, hat zur Voraussetzung die Tatsache, daß kein Mensch ganz M (Mann) oder ganz W (Weib) ist, sondern stets auch Anlagen vom andern Geschlechte in sich hat. Daß niemand aus einem Gusse ist und es ganz einheitliche Exemplare irgend einer Art – reine Typen »an sich« – kaum irgendwo gibt, ist eine altbekannte Tatsache, und es liegt kein Grund vor, sie mit tiefgründiger Beredsamkeit auseinander zu setzen, als wäre sie eben erst entdeckt; deswegen aber kann man doch nicht – wie Weininger es tut – die Gesamtheit der Menschen als »sexuelle Zwischenstufen« bezeichnen, da die Geschlechtsmerkmale bei jedem normalen Individuum genügend überwiegen, um diese Bezeichnung auszuschließen. In fetten Lettern wird auch die uralte Wahrheit vorgebracht, daß es nicht jedem Individuum gleichgültig sei, mit welchem Individuum des anderen Geschlechtes es eine sexuelle Vereinigung eingeht, daß nicht jeder Mann für einen anderen Mann, nicht jedes Weib für ein anderes Weib seinem sexuellen Komplement gegenüber eintreten kann. Ganz gewiß kann nicht irgend ein geschlechtlich begehrtes Individuum durch jedes beliebige andere ersetzt werden. Aber daß diese Anziehung gerade darauf beruht, daß das eine Individuum in dem andern die ihm fehlenden Bruchteile an Männlichkeit oder Weiblichkeit sucht – eine Formel, die Weininger etwa so darstellt, daß ein Individuum mit ¾ M + ¼ W sich von einem andern mit ¾ W + ¼ M angezogen fühlen muß, – ist wohl eine etwas naive Deduktion, denn Menschen decken einander nicht wie Zahlen. Grüblerisch und im Entdeckerton wird diese Formel lang und breit demonstriert. Als Prämisse setzt sie die angeblich »von niemand zu bestreitende« Tatsache eines »ganz bestimmten sexuellen Geschmackes« voraus, »der jedes Individuum beherrscht« – und der eben auf dieses »Gesetz« zurückzuführen sei. Diese Tatsache ist aber durchaus zu bestreiten. Nicht jedes Individuum hat nur einen einzigen Typus des anderen Geschlechtes zum Korrelate. Es gibt wohl Leute, die ein bestimmtes sexuelles »Ideal« haben, aber sie sind weitaus in der Minderheit; während hingegen den meisten Menschen, soferne sie gesund und unraffiniert sind, oft die verschiedensten Typen nacheinander recht gut gefallen. Auf den alten Gemeinplatz, daß Gegensätze einander anziehen, scheint die fulminante Entdeckung hinauszulaufen; diese Tatsache stimmt aber nicht öfter als etwa das Gegenteil, so daß zur Annahme eines sie bedingenden Gesetzes die Berechtigung fehlt. Eine fast krankhafte Ablehnung jeder Bezweiflung der eigenen Ausführungen und der durch selbstkonstruierte Prämissen erzielten Resultate macht sich in dem Buche ganz auffällig bemerkbar. So heißt es eben in Bezug auf das besprochene »Gesetz« – mit ängstlicher Beflissenheit schon im vorhinein jeden Widerspruch abwehrend: »... es hat nicht das geringste Unwahrscheinliche an sich; es steht ihm weder in der gewöhnlichen noch in der wissenschaftlich gereiften Erfahrung das geringste entgegen.« (!) Des weiteren wird von dieser gesetzmäßig zu begründen gesuchten sexuellen Anziehung ausgesagt, daß sie fast »ausnahmslos eine gegenseitige ist«. Und das stimmt erst recht nicht! Ein jeder fast strebt nach einem andern als dem, der nach ihm strebt! »Ein Jüngling liebte ein Mädchen – die hat einen anderen erwählt – der andere liebt eine andere – und hat sich mit dieser vermählt.« Eine uralte Geschichte, die ewig neu und wahr bleibt. Und eine Vereinigung ist fast immer auf der einen Seite ein Kompromiss – eine Art Resignation – und glückliche Ausnahmen bestätigen nur diese Regel.

Hochinteressant ist das vielseitige Wissen, welches besonders aus den Disziplinen der Botanik und Mathematik zur Unterstützung der eigenen Thesen herbeigeholt wird und sich auf einem mit sicherer Hand konstruierten Geleise den Zielen und Zwecken, denen es zu dienen bestimmt ist, zubewegt: Ergebnisse einer eminenten, aber nichts weniger als »voraussetzungslosen« Forschung. Solange sich Weininger in konstatierender Weise an das rein Wissenschaftliche hält – sei es auch hypothetisch – imponiert der tiefgründige Scharfsinn, mit dem besonders Analogien aus Tier- und Pflanzenreich herbeigezogen werden, um irgend eine Formel, wie eben das interessant, ja künstlerisch gedachte, aber phantastische und unhaltbare Gesetz von der Affinität der Geschlechter zwecks wechselseitigen Ausgleiches von Potentialdifferenzen (nirgends ist die Natur zweckloser, wüstlingshaft verschwenderischer als gerade in der Liebe!) – zu illustrieren. Es fesselt und interessiert die dialektische Gewandtheit, die Agilität des Geistes, die sofort in Zahlen und Ziffern herauszubekommen sucht, – was sie schon als vorgezeugtes Resultat bereithält und auf die der von Weininger selbst zitierte Kantsche Ausspruch von der »Eitelkeit auf das mathematische Gepränge« recht gut zu passen scheint.