Unter das »Gesetz« wird dann auch das Phänomen der Homosexualität subsumiert. Nichts weniger als originell ist die Enthüllung, daß Homosexuelle Merkmale des anderen Geschlechtes im Wesen und auch im äußeren Habitus manchmal aufweisen. Aber es ist geradezu terroristisch, gewisse Züge, Eigenschaften und Anlagen als nur »männliche« oder nur »weibliche« zu bezeichnen, die oftmals weder das eine noch das andere, sondern nur menschliche sind. Wer zum Beispiel unerotische Kollegialität zwischen beiden Geschlechtern befürworte und durchführen könne, habe schon einen starken Einschlag des anderen Geschlechtes in sich – und ist, nach Weininger, gar kein »richtiger« Mann, respektive kein richtiges Weib!
Mit den Worten »richtig«, »echt«, »absolut«, »an sich« wird in Weiningers sämtlichen Ausführungen ein haarsträubender Mißbrauch getrieben. Sie dienen geradezu als Verklausulierungen der »verwirrenden Wirklichkeit« gegenüber dort, wo sich diese – subordinationswidrigerweise – durchaus nicht in das Prokrustesbett seiner Formeln und Gesetze hineinpressen lassen will. Dann war es eben kein »echter« Typus, kein »echter« Jude, kein »echtes« Weib – sondern eine der vielen »Zwischenstufen«!
Er selbst bezeichnet den »Juden an sich« oder das »Weib an sich« als metaphysische Begriffe, weil sie so echt (d. h. mit erstaunlichen Defekten und Monstrositäten behaftet), nach seiner eigenen Aussage – gar nicht existieren. – Umso verwerflicher muß dann die Irreführung erscheinen – durch Besprechung der Juden oder der Weiber – während das Ur-Jüdische und das Ur-Weibliche »an sich« gemeint sind, – wobei auch noch fraglich bleibt, ob diese gedachten, konstruierten Typen wirklich die von ihnen ausgesagten Merkmale aufweisen würden, wenn sie existierten. Es ist dies eine »Echtheit«, der das Leben und alle Tendenzen einer natürlichen Vorwärtsbewegung unausgesetzt entgegenarbeiten, denn jedes Individuum, das da vorwärts und aufwärts strebt, wird aus der Beschränkung seiner bloßen nationalen und Gattungs-»Art« herauszutreten suchen, um dafür immer menschlicher, immer kultur-»echter« zu werden. Schildert daher jemand, wie Weininger, das Weibliche und denkt sich diesen Typus in seiner äußersten Undifferenziertheit (die in einer wilden Urzeit liegt), behaftet mit allen Lastern und Schwächen seiner speziellen Art – so hätte er ihm billigerweise das Männliche ebenfalls im kulturfremden Urzustand als den Typus alles Rohen, Gewalttätigen, Mörderischen entgegenstellen müssen.[2]
Um aber auf jene »unechten« Männer oder Weiber – solche z. B., die sich unerotische Kollegialität mit dem anderen Geschlechte vorstellen können – zurückzukommen, sei hier eine auf sie bezügliche »Forderung« mitgeteilt, die Weininger als neu und zuerst von ihm ausgehend bezeichnet: – und das ist sie in der Tat, – ebenso wie sie an Monstrosität kaum zu übertreffen ist. Er verurteilt nämlich den Brauch, daß die Menschen bei ihrer Geburt nach ihren äußerlichen, primären Geschlechtsmerkmalen in das Geschlecht, auf welches jene hinweisen, eingereiht werden, anstatt daß man auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale (wie Beschaffenheit anderer Körperteile als der Zeugungsorgane, Anlagen, Neigungen etc.) in Betracht ziehe, bevor man die schicksalsschwere Einreihung vornehme!!! Das ist das Hexeneinmaleins, und wer es ersonnen hat, dem wird eins zu drei und drei zu vier, der verwechselt in geradezu blinder Konfusion alle Beziehungen der Dinge zu einander. Daß die Verschiedenheit zwischen Männlichem und Weiblichem an jedem Körperteile zum Ausdrucke kommt[3], daß z. B. auch ein Mann weibliche Hände oder eine Frau knabenhafte Hüften haben kann, ist eine bekannte Tatsache; daß aber das Geschlecht in den Zeugungsorganen, diesen »Brennpunkten des Willens«, wie sie Schopenhauer genannt hat, kulminiert, ist doch wohl eine so einleuchtende Tatsache, daß die Berechtigung, nach ihr das Geschlecht zu bestimmen, wohl nur einem krankhaft verstrickten Geiste zweifelhaft erscheinen kann. Man stelle sich diese neue »Forderung«, die einen köstlichen Stoff für Lustspieldichter darbietet, in Wirklichkeit durchgeführt vor: vor allem wird die Geschlechtsbestimmung, die jetzt die Hebamme mit echt weiblicher Oberflächlichkeit auf den ersten Blick am Neugeborenen vornimmt, aufgeschoben werden müssen, bis sich die »sekundären« Geschlechtsmerkmale sichtbar entwickelt haben. Also: »Geschlecht unbekannt« wird es fürderhin heißen müssen. Wächst dann das Kind heran und zeigt solche Merkmale, vermag es z. B. als (wahrscheinlicher) Jüngling oder als (wahrscheinliches) Weib kollegialen, unerotischen Umgang mit Altersgenossen des (mutmaßlich) anderen Geschlechtes zu pflegen, so ist es klar, daß es kein »richtiger« Mann, respektive kein »richtiges« Weib ist, und eine Einreihung in das andere Geschlecht, mit dem sich so verdächtig ungefährlich verkehren läßt, scheint geboten. Bei den modernen pädagogischen Tendenzen, die sogar auf Ko-Edukation (gemeinsame Erziehung beider Geschlechter) hinzielen und wahrscheinlich die Möglichkeit einer unerotischen Massenkollegialität, eines von Scheu und Komödie befreiten kameradschaftlichen Verkehres der jungen Menschen untereinander mit sich bringen dürften, – müßte die Umstellung in das andere Geschlecht gleich in Massen erfolgen und die Vertauschung von Höschen und Röckchen am besten wechselseitig vorgenommen werden. Man muß solche Menschen (die unerotische Kollegialität mit dem anderen Geschlechte zu halten vermögen) kennen und sich die »Anregung«, daß sie auf Grund dessen nicht die »schicksalsschwere Einreihung« in ihr Geschlecht erfahren hätten, sondern ins andere übergehen sollten, ausgeführt denken, um die Ulkigkeit eines solchen Effektes voll zu begreifen!
Man würde es nicht für möglich halten, daß in einem Buche, das sich ernsthaft gibt und ernsthaft in den weitesten Kreisen aufgenommen wurde, solche Vorschläge entwickelt werden, man traut seiner Auffassung nicht recht, bis man es mehrfach und unzweideutig wiederholt findet! Der Autor spricht auch – in fetten Lettern – von Individuen, die »zur Hälfte Mann und zur Hälfte Weib sind« (?!), – und nicht in der Pathologie bekannte Spezialfälle meint er damit, nicht bei Barnum & Bailey ausgestellte Mißgeburten, sondern Individuen mit menschlichen Weichheiten (das sind die verweiblichten) oder menschlichen Härten (die vermännlichten), die angeblich auf ihr Geschlecht nicht »passen« und sie daher in das andere verweisen! Das Neue der eigenen Darlegung wird dabei mit besonderer Deutlichkeit betont, gewöhnlich um irgend etwas besonders Monströses zu verkünden. So sei z. B. die Homosexualität nicht als Anomalie zu betrachten, sondern als die normale Geschlechtlichkeit der sexuellen »Zwischenstufen« (?), indeß »die Extreme nur Idealfälle sind!« (!) Jeder Satz beinahe – Zeile für Zeile – windet neue Irrschlüsse ineinander. Daß bei eingesperrten Stieren oder abgesperrten Menschen (Matrosen, Gefangenen, Mönchen) die Homosexualität gebräuchlich ist, beweist ihm – nicht etwa, daß ein gezwungenes Vorliebnehmenmüssen mangels andersgeschlechtlicher Komplemente sie dazu treibt, sondern – er erblickt darin »eine der stärksten Bestätigungen des aufgestellten Gesetzes der sexuellen Anziehung«. (!)
Der Schlußresolution dieses Kapitels, die dafür eintritt, daß Homosexuelle weder durch das Irrenhaus noch durch das Strafrecht zur Verantwortung zu ziehen sind, sondern man sie einfach Befriedigung suchen lassen soll, wo und wie sie sie finden, ist vollständig beizustimmen, – natürlich nur soferne es sich um Erwachsene handelt und nicht um die Verführung minderjähriger Kinder. Weininger selbst glaubt nicht an Homosexualität durch Verführung oder Gewohnheit, sondern nur durch angeborene Anlage wie er überhaupt überall wurzelhafte Anlagen sieht, wo es sich oft um sichtlich Erworbenes, Erzogenes handelt. Er begründet diesen Unglauben an »Verführung« mit einem wahrhaft unglaublichen Argument – nämlich: »Was wäre es dann mit dem ersten Verführer? Würde dieser vom Gotte Hermaphroditos unterwiesen?«
Nachdem uns endlich noch enthüllt wird, daß dem gewöhnlichen, sozusagen dem »normalen« Homosexuellen das typische Bild des Weibes seiner ganzen Natur nach ein Greuel ist, eine Enthüllung, die umso interessanter ist, als sie den Schlüssel für so manche »wissenschaftlich fundierte« Weiberverachtung enthalten dürfte – wird abschließend von der ganzen eigenen Theorie ausgesagt – »daß sie völlig widerspruchslos und in sich geschlossen erscheint und eine völlig befriedigende Erklärung aller Phänomene ermögliche«. Von der Bescheidenheit, ja Demut, die dem Autor dieses Buches im persönlichen Verkehr eigen gewesen sein soll, ist jedenfalls in dem Buche selbst nichts zu merken. In vielen Fällen ist ein unsicheres, verschüchtertes Auftreten – eben diese Bescheidenheit – auf Mangel an physischem Selbstbewußtsein zurückzuführen – und ein umso eifrigerer Grimm gegen eine bestimmte Vorstellung stammt meist aus derselben Quelle.
Recht auffällig macht sich das Bedürfnis bemerkbar, an jeder Erscheinung, sei sie auch noch so einfach und sinnfällig, solange herumzudeuteln bis sie kompliziert und verwickelt erscheint – um dann eine umständliche Lösung dieses selbstgewundenen Knotens vorzunehmen. Das Selbstverständliche – durch sich selbst Verständliche – durch seinen Tatbestand sich Erklärende – scheint ihm weitschweifiger Erklärungen bedürftig – so z. B. die Tatsache, daß kein Mensch ganz so ist wie der andere. Die psychologische Verschiedenheit der Menschen erklärt er damit, – daß jeder Mensch zwischen Mann und Weib »oszilliere«, und der Grad dieser »Oszillation« ergebe ihre Verschiedenheit. Darauf sei auch das wechselnde körperliche Aussehen zurückzuführen!!! So fühlen z. B. »manche Menschen am Abend ›männlicher‹ als am Morgen«; – recht begreiflich ... Die Vergewaltigung aller Erscheinungen durch Formeln, gegen die sich diese meist ihrer ganzen Natur nach sträuben, ruft nach und nach den Eindruck einer beherrschenden maniakalischen Vorstellung hervor. Erstaunlich ist die Oberflächlichkeit, mit der die Merkmale der »Männlichkeit« und »Weiblichkeit« aufgezählt werden. So heißt es z. B. als das Merkmal »männlicher« Weiber, daß sie – studieren, Sport treiben und – kein Mieder tragen!!! Sollen dies wirklich die Anzeichen »männlicher Anlagen« sein – nicht vielleicht eher die Resultate einer vernünftigen Propaganda?!
Freilich – Nietzsche hat ja schon in dem Zeitungslesen der Weiber ihre Vermännlichung und damit die »Verhäßlichung Europas« befürchtet! Übrigens tritt Weininger nicht etwa gegen diese Vermännlichung auf; nur nennt er Vermännlichung schlechtweg alles, was von rechtswegen Vermenschlichung heißen soll und dem Manne zumindest ebenso nottut wie der Frau. Alle Kultur geht ja dahin, das Urtümliche zu differenzieren, das Individuum über die bloße Gattungssphäre emporzuheben und in diesem Sinne soll jede Nur-Weiblichkeit, aber auch jede Nur-Männlichkeit einer verfeinerten und vertieften Menschlichkeit Raum geben; ohne aber das Eigentümliche, Unersetzliche, zum Fortbestand der Gattung Notwendige der eigenen Art und Gattung preiszugeben – wie es Weininger in seinem Haß gegen weibliche Art im besonderen und gegen den Fortbestand der Gattung im weiteren – verlangt. Daß aber seine blinde Verneinung des Weiblichen ihn in letzter Konsequenz dahinführt, eine allgemeine Vermenschlichung zu befürworten – nennt er sie auch fälschlich »Vermännlichung«, – gibt die Berechtigung, ihn und sein Werk als einen Teil »von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft«, zu betrachten.
Nach diesen weitschweifigen Präliminarien kommt der Verfasser endlich zu jener Frage, deren »theoretischer und praktischer (!) Lösung dieses Buch gewidmet ist« – nämlich zur Frauenfrage – »soferne sie nicht« – man höre und staune über die merkwürdige Klausel – »theoretisch eine Frage der Ethnologie und Nationalökonomie, also der Sozialwissenschaft im weitesten Sinne, praktisch eine Frage der Rechts- und Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist«. Das ist sie aber doch in eminentester Weise! Von ihrem wirtschaftlichen Hintergrunde absehen, heißt, einen metaphysischen Begriff, der erst in letzter Linie in Betracht kommt, an Stelle des wahrhaft treibenden, ehernen Motives der Frauenbewegung setzen – der gebieterischen, wirtschaftlichen Gründe, – die sich gegenüber dem tragischen Mißverhältnis zwischen blühender, brauchbarer, unbenützter Kraft und materieller Not oder Abhängigkeit nicht mehr länger zurückweisen ließen. Aber nicht die wirtschaftlichen, die gesellschaftlichen, die moralischen Bestrebungen der Frauenbewegung will Weininger als Emanzipation bezeichnet wissen – sondern – (man rate erstaunt, was sonst noch bleibt) – »das Phänomen des Willens der Frau – dem Manne ›innerlich gleich‹ zu werden«. Aber den hat sie ja gar nicht!