Man komme nicht immer wieder mit der abgeschmackten Phrase, die man der Frauenbewegung (und der Sozialdemokratie) fälschlich in den Mund legt und die in der plumpen Formel gipfelt: alle sollen »gleich« sein! Auf Aufhebung aller individuellen Variation, die allein das Leben reizvoll und beziehungsreich gestaltet, zielt weder die Frauenbewegung noch die Sozialdemokratie ab, indem sie gleiche oder einander analoge wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten für jedes Individuum verlangen. Nach Weininger hat aber das »echte« Weib gar nicht die Fähigkeit zu diesem Emanzipationsziel (das glücklicherweise gar nicht existiert, ihn aber das wahre und rechte dünkt) zu gelangen. Das »echte« Weib ist das, welches kein oder nicht genug »M« in sich hat, während hingegen alle Frauen, die irgendwie geistig oder künstlerisch hervorragen, dies lediglich dem starken Einschlag an »M« danken, der in ihnen steckt! Eine für den, der sie handhabt, ebenso bequeme, als für den, dem sie zugemutet wird, kuriose Logik!

Es scheint wahrlich ein ebenso billiger als terroristischer Spaß – alles das, was klug, tüchtig, hervorragend an Frauen ist (da es nun einmal doch nicht wegzuleugnen und wegzudisputieren geht), dem in ihnen wirksamen Anteil an »M« zuzuschreiben – und alles Kleine, Feige, Schwache der männlichen Menschheit einfach ihren Prozentsatz an »W« zu nennen! Eine Debatte über solch eine These wäre mehr als lächerlich, da das leere Aufeinanderdröhnen selbstkonstruierter Fiktionen sie selbst und ihren Wertgehalt genügend charakterisiert. Wo sich diese Fiktionen gar in der Wirklichkeit nach Beweisen umsehen, werden sie immer erfinderischer und immer humoristischer. So seien z. B. hervorragende, bedeutende Frauen auch durch »ein körperlich dem Manne angenähertes Aussehen« erkennbar! Ein Lachen allein kann die Antwort auf diese Behauptung bilden, der ein einziger Blick in die Wirklichkeit widerspricht.

Diese tiefsinnig vorgebrachte Beobachtung scheint aus »Meggendorfers Illustrierten« geschöpft; jede Bewegung bringt ja gewiß neue Karikaturen mit sich, die in weit übers Ziel hinausschießenden Äußerlichkeiten ihre Gesinnung dokumentieren wollen. So mag es auch kleine Frauenzimmer geben, die einen männlichen Habitus sich anzuzüchten bemüht sind, – um beachtet zu werden. Daß die Bedeutenderen sich unter ihnen befinden, ist rundweg zu verneinen – ebenso die Behauptung, daß körperlich-maskuline Anlagen einer bedeutenden Frau eigen sein müssen und sie als solche »erkennbar« machen. Vielmehr kenne ich hochbedeutende Frauen, die gleichzeitig einen reizenden, berückenden weiblichen Typus repräsentieren. Die deutsche Dichterin, die im vorigen Jahre hier zu Gaste war und die das stärkste deutsche Romantalent der Gegenwart repräsentiert, ein Talent, das an Kraft, Wucht und erschütternder Tiefe seinesgleichen derzeit in Deutschland nicht hat, ist ein entzückendes »molliges Weiberl« (ich wähle absichtlich, um des Kontrastes willen, diesen Ausdruck), eine sieghafte, blonde, rheinische Schönheit, die nichts »Männliches« in ihrem äußeren Habitus aufweist, man müßte denn (wie Weininger dies tatsächlich auch tut) eine gut entwickelte Stirn, ein prächtiges Schädelgehäuse und vielleicht zwei in Klugheit strahlende schöne Augen a priori als »männlich« bezeichnen.

Zahllose andere schweben mir vor – jene großen Frauen der Bühne – bei denen gerade der Zauber ihres Geschlechtes kulminiert, große, »einsame Seelen« mit echt weiblichen Schicksalen; an eine Bildhauerin muß ich denken, an ihre Werke, an diese gewaltigen Steine, denen eine imponierende Geistigkeit und eine imponierende Kraft Seele gegeben, so daß sie zu leben, zu rufen, zu ringen und zu leiden scheinen wie das Leben selbst; und die Person dieser (noch nicht allgemein bekannten) Künstlerin: ein zartes Mädchen von vielleicht allzu zartbesaiteter Weiblichkeit, das fast scheu unter seinen Werken wandelt.

Die »Männlichkeit« im Weibe ist nach Weininger die »Bedingung ihres Höherstehens«, daher auch – man höre! – »homosexuelle Liebe gerade das Weib mehr ehrt als das heterosexuelle Verhältnis«! Denn was das Weib zum Weibe zieht, wäre die ihm innewohnende Männlichkeit (wie steht's dann aber mit der Partnerin?), während es »das Weibliche ist, das das Weib zum Manne treibt«; gewiß: Weiblichkeit ist nun aber einmal ein »Greuel«, daher »ehrt« sie die homosexuelle Liebe! Jedenfalls recht interessante Resultate einer pathologischen Aversion, die nur aus dem einen Grund verdient ernstlich diskutiert zu werden, weil sie mit ungeheuerlicher Anmaßung konsequent das Krankhafte für das Gesunde einsetzt und dementsprechend ihre »Gesetze« konstruiert. Ein weiteres Merkmal, wodurch bedeutende Frauen »ihren Gehalt an Männlichkeit« offenbaren, sei der Umstand, daß ihr männliches sexuelles Komplement fast nie ein »echter« Mann ist. Ja, aber warum ist er es meistens nicht? Weil es deren, wie mir scheint, überhaupt nicht allzu viele gibt. Finden sich bedeutende Menschen, werden sie einander wohl zu würdigen wissen, was gerade die Beispiele beweisen, die Weininger zur Unterstützung seiner Anschauung anführt: die Schriftstellerin Daniel Stern war die Geliebte von Franz Liszt, der nach Weininger »etwas Weibliches an sich hatte«, ebenso wie – nun kommt in der Tat eine sensationelle Enthüllung – wie – Wagner! Wagner der Gigant – verweiblicht! Nun, jedenfalls wäre es selbst bei den bedeutendsten Frauen nicht zu verwundern, wenn solcher Unmännlichkeit ihr ganzes Herz zufliegt. Auch daß Mysia, die berühmte pythagoräische Philosophin, dem stärksten Athleten ihres Landes ihre Hand versprach, zeigt nicht gerade von der Abneigung der bedeutenden Frau gegen das »echt Männliche«. Daß Vittoria Colonna, die Dichterin, die Liebe eines Michel Angelo genoß, beweist wohl, daß sie gewaltiger Männlichkeit nicht abhold war; – ebenso die selten erhabene Liebes- und Ehegeschichte der englischen Dichterin Elisabeth Barret, an deren Krankenlager der gefeierte Browning trat – schön und strahlend wie ein junger Gott, gefeiert, berühmt, stark und liebreich – um sich nie wieder von der von ihm angebeteten Frau zu trennen; und diese beiden Menschen, die beide zu den bedeutendsten ihrer Epoche gehörten, die in ihrem dichterischen Schaffen beide nicht erlahmten, führten das innigste, verständnistiefste, zärtlichste und glücklichste Eheleben!

Auch daß Schriftstellerinnen »so oft« (?) einen Männernamen annehmen, hat nach Weininger einen »tieferen« Grund, als man glaubt: »das Motiv zur Wahl eines männlichen Pseudonyms muß in dem Gefühle liegen, daß nur ein solches der eigenen Natur korrespondiert«. So? Nicht viel eher in dem Vorurteil, welches lange Zeit gegen die literarische Betätigung der Frauen herrschte, und das selbst noch in der Zeit der Sonja Kowalewska so stark war, daß ihr Vater deren Schwester aus dem Hause jagen wollte, als er erfuhr, diese habe dem Dostojewsky für seine Zeitschrift eine Novelle »verkauft«, – indem er seinen Zorn damit begründete, – eine Frau, die heute ihre Novelle »verkaufe«, – verkaufe morgen ihren Leib! – Heute noch ist es Frauen sehr schwer, redaktionelle Stellungen zu erlangen, welche Männer, die ihnen an literarischer Befähigung und an Namen gleichstehen, mühelos erlangen; ein weiblicher Theaterreferent – fix angestellt und besoldet – scheint noch immer eine ungeheuerliche Vorstellung, die, um sich durchzusetzen, mit tausend Schwierigkeiten zu kämpfen hat, so daß es nicht verwunderlich wäre, wenn ein männliches Pseudonym für dieses Amt benützt würde – lebten wir nicht in einer Zeit, wo es schon aus Prinzip geboten erscheint, auch in den angefochtensten literarischen Situationen die weibliche Autorenschaft zu bekennen ....

In dieser zum Kampfe drängenden farbebekennenden Zeit der neueren Literaturperiode sind denn auch die männlichen Pseudonyme weiblicher Autoren immer seltener geworden, so daß der Grund für ihr ehemaliges Überwiegen wohl kaum in maskulinen Anlagen, sondern in äußeren Verhältnissen zu suchen ist.

Die »wahre« (innerliche) Emanzipation des Weibes wird von Weininger nicht verworfen (wohl aber für unmöglich erklärt), – aber – »der Unsinn der Emanzipationsbestrebungen liegt in der Bewegung, in der Agitation«.

»Unsinn« – der entsetzliche Kampf nach Brot, »Unsinn« der endlich erfolgte Zusammenschluß der als einzelne Hilflosen, »Unsinn« die planmäßige Organisation der nur durch ihr Geschlecht von zahllosen wichtigsten Erwerbszweigen Ausgeschlossenen, die auf die immer seltener gewordene »Versorgung durch den Mann« – oder aber auf Hunger, Prostitution oder erdrückende Familienabhängigkeit angewiesen waren! »Unsinn« die mächtige Propaganda, die die Ringenden kampfesfähig machen, die ihnen die Mittel erkämpfen soll, sich vor widerstandslosem, sicherem Untergang zu retten, »Unsinn« das Sichaufraffen aller jener weiblichen Existenzen, die nicht »als Leichen auf dem Wege liegen bleiben« wollen, wie dies nach der Ansicht eines mir bekannten, sonst bedeutenden Philosophen »nun einmal sein muß«.

Und warum ist diese Bewegung, diese Agitation nach Weininger »Unsinn«? Weil »nur durch diese« (und außerdem »aus Motiven der Eitelkeit – des Männerfanges!« – Herrjemine!) viele Frauen jetzt Bildungs- und Berufsbestrebungen entwickeln, deren bloße »psychische Bedürfnisse« sie nicht dazu getrieben hätten!