Ricchiari war es, der zuerst an das Lager des Toten gerufen wurde und der zuerst auch den rührenden kleinen Zettel las, den jener hinterlassen. Diesen zu eskamotieren, dazu fühlte sich der Arzt indes zu sehr beobachtet, bereits lief das verräterische Dokument durch die Hände hilfeleistender Frauen. In begreiflicher Erregung kehrte Ricchiari heim, und schonungslos, kopflos, zitternd und hastig teilte er Sabinen das Grauenhafte mit. Sie blickte ihn anfangs geringschätzig an, mit einem Schürzen der Oberlippe, als spräche er von dem Fremdesten der Fremden. Nach drei Sekunden etwa wurde ihr Gesicht weiß und ihr Auge starr. Sie fragte heiser: »Was sagtest du?« und als er schreiend wiederholte: »Sylva hat sich erschossen!« schritt sie langsam, wie geistesabwesend, durch das Gemach und begann mit nervösen Fingern ein Wollknäuel abzurollen. Nach einer weiteren Minute drehte sie sich rasch um, faßte nach der Lehne eines Stuhles, setzte sich hin und legte das Gesicht auf die Arme. Der Mann sah ihren Körper schauern, vernahm jedoch kein Schluchzen. Er wagte, da er nun sah, daß sie äußerst erschüttert war, kein Wort weiter zu sagen, und nach einer Weile zog er sich still zurück. Eine Stunde später trat Sabine, sehr blaß, aber anscheinend wieder ruhig, in sein Zimmer und fragte kurz und hart: »Weiß man, warum er es tat?« Der Doktor, da er sie gefaßt sah, erwiderte ebenso kurz: »Er hat einen Brief hinterlassen.« – »So? und was steht darin?« – Ricchiari, von ihrem Blicke, der wie Feuer brannte, gemeistert, sagte mechanisch die ersten zwei Zeilen des Zettels her, die er im Gedächtnis behalten hatte. Sie zog dabei die Schultern hoch, als ob Schläge darauffielen, und bewegte sich mit gesenktem Haupte gegen die Türe, durch welche sie verschwand, ohne das Ende des Berichtes abzuwarten. Gleich darauf stand sie in Sylvas Totenzimmer. –

Es wurde nun dem Doktor an Sabinens Seite besser denn je. Wenn ein Menschenkind allen Halt und allen Glauben an sich selbst verloren hat, so streckt es naturgemäß die Hände dem entgegen, der sich in Güte und Verzeihung seiner annimmt. Dazu war nun kein Mann so geschaffen, wie Ricchiari, der jeden Winkel im Herzen der Frau mit seinem stillen Erbarmen durchleuchtete und nichts als Friedensworte für sie hatte, selbst da, wo er zu strafen berechtigt war. Sein Mitleid für sie war grenzenlos, und nicht geringer war allerdings das meine. Weit entfernt, die unglückliche Frau noch tiefer zu beugen, tat Ricchiari, und ich mit ihm, das Äußerste, um ihr wieder einen Teil ihres Lebensmutes zurückzugeben. Sie nahm, wie ein krankes Kind, was der unermüdliche Gatte für sie tat; dabei war sie klug genug, das Unverdiente seiner Großmut ganz zu empfinden, und eine innige Dankbarkeit ihrerseits mußte naturgemäß dieser Erkenntnis folgen. Bald stellte sich zwischen den Gatten ein ganz erträgliches Verhältnis her, und Sabine lernte ihre unerhörte Meisterschaft über sich selbst nun in einer würdigeren Sache anwenden. Daß sie eine Natur war, die alles konnte, was sie ernstlich erstrebte, hatte sie bewiesen, und jetzt ging ihr Wollen dahin, ihren Gatten für manche erlittene Kränkung, die sie reuevoll einsah, zu entschädigen. In gewissem Maße gelang ihr auch das; wenigstens erfuhr Ricchiari nichts mehr als Liebes und Gutes von ihr, und war schlau genug, nicht ergründen zu wollen, ob dieses Liebe und Gute einem spontanen Herzenstriebe entsprang oder ob eiserne Willenskraft es aus dem Bewußtsein einer nie gutzumachenden Schuld erzeugt hatte. Er begnügte sich mit der Wirkung, und daran tat er wohl. Denn wer nach Ursachen forscht, wird irre an Gott und Welt. Die Menschenseele ist das verschleierte Bild von Sais – und vielleicht ist uns wohler, solange keiner kommt, den geheimnisvollen Flor zu heben.

Druck von F. E. Haag, Melle i. H.

Curt Hamel'sche Druckerei u. Verlagsanstalt, Charlottenburg, Spreestr. 43/44


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