Sylva, trunken und träumerisch, mag ihr nachgeblickt haben, wie ihr helles und in seiner Flucht anmutig bewegtes Bild in der violetten Tiefe des abenddämmrigen Gartens unterging. Dann mag es in jedem Laubengange vor ihm hingewandelt sein, in tausend holden Erscheinungen wechselnd, bald mit kummervollen Augen ihn abwehrend, dann wieder lockend und verheißend mit solchem Lächeln, wie er nun bald in Wahrheit von Sabinen zu verdienen hoffte. Der junge Mann verweilte bis tief in die Nacht im dunklen Garten, und ich sehe ihn heute noch in Gedanken, wie er mit Sternen und Blumen sprach, die Zweige küßte, die das Haar der fliehenden Göttin gestreift hatten, und aufgelöst in demütiger Seligkeit vor der Rasenbank kniete, auf der sie gesessen. Wer von uns, der jung war, sieht ihn nicht so?
Am Tage darauf erhielt Sabine ein Briefchen, worin Sylva um eine neue Zusammenkunft bat. Hätte die leiseste Spur von Selbstbewußtsein sich in dem Schreiben verraten, so hätte die leichtverletzliche Schöne ohne Zweifel eine schroffe Antwort gefunden, die alles abgeschnitten hätte. Aber der liebende Jüngling ehrte so sehr den Kampf, den, wie er glauben mußte, eine edle Frau zwischen Pflicht und Liebe führte, daß er kaum in bescheidenster Weise anzudeuten wagte, zu welchen Hoffnungen ihn Sabinens Verhalten berechtigte. Die Fassung des Briefchens rührte Sabinen, und die Verantwortung, die diesem jungen Herzen gegenüber auf ihr lag, stellte sich ihr drohend vor. Sie beschloß, dem Bittenden das verlangte Wiedersehen zu gewähren, und glaubte in lauterer Absicht zu handeln: wollte sie ihm doch nur zur Vernunft reden! Und sie antwortete in freundlich gewährendem Sinne. –
In der Stunde freilich, wo Sabine in grausiger Selbstanklage gerade diesen Teil ihrer Geschichte über das Haupt ihres toten Richters hinschrie, in der Beichte am Bette des Geopferten, gab sie anderen Motiven schuld an diesem letzten törichten Schritte. In Selbstzerfleischung und Reue so maßlos, wie sonst in Selbstüberhebung und Eitelkeit, suchte sie hervor, was sie verdammen konnte, und verschmähte, was irgend zu ihren Gunsten sprechen mochte. »Nichts wollte ich,« so rief sie in ihrer Verzweiflung, »als den Weihrauch atmen, den er mir streute! Nichts, als ihn wiederholen hören, was, wie ich wußte, die Fama ihm zugeflüstert, wie groß und gut ich sei. Um das zu hören, habe ich in der zitternden Seele vor mir alle Stadien der Glut zu erregen gesucht und mich, ohne eigenes Verlangen, am Gefühle der Meisterschaft berauscht, mit welcher ich das Element dämpfte und wieder schürte: denn jedes neue Emporlodern der Flamme stellte eine neue Verherrlichung meines Selbst dar, und immer schöner und erhabener schien er mich zu sehen, je mehr ich ihn quälte. Sein armes, von sehnsuchtsvoll durchwachten Nächten blasser und blasser werdendes Gesicht war das Reklamebild meiner Tugend, und im letzten Grunde, wenn ich's recht bedenke, habe ich ihn auch in den Tod getrieben, damit nur einmal meine Unbesiegbarkeit durch einen öffentlichen Akt dargelegt werden möchte.« Es liegt mir fern, der unglücklichen Frau in dieser traurigen Übertreibung zu folgen. Vielmehr glaube ich, daß, ihr selber unbewußt, ein neuer Trieb sie beherrscht habe, der zwar nicht minder sträflich, aber weitaus natürlicher und menschlicher war; und diesem möchte ich gern alle weiteren Torheiten der Armen zuschreiben. Freilich denke ich nicht an ein solches Gefühl, das dem Sylvas auch nur im entferntesten die Wage halten konnte: dessen war Sabine nicht fähig. Aber ein leiser Widerhall davon muß doch vorhanden gewesen sein. Keine Frau kann eine solche Liebe sehen, dieses Himmelsfeuer von Gottes eigenstem Altare, ohne einen Schimmer davon mit sich herumzutragen, wie Marienkind, als es die innerste Himmelskammer geöffnet und die heilige Dreieinigkeit im Goldglanze erblickt hatte. Und dieser Abglanz, wenn schon nicht mehr, mußte in Sabinens Seele gefallen sein, ein erstes, wahrscheinlich unverstandenes Regen zarter Neigung, das sich nur noch nicht zum Erscheinen durchgekämpft hatte. Diesen Schluß zu ziehen, berechtigt mich Sabinens Gebaren an der Leiche Sylvas, das sonst unbegreiflich gewesen wäre. –
Und so geschah alles, wie es geschehen mußte. Wieder lag dämmriger Abendschein über Lauben und Büschen des stillen Gartens. Die Allee schien ein goldenes Gewölbe, wie schimmernde Schätze lag rötliches Laub über den Boden gestreut. Ein scharfes gelbes Licht, von Westen her geworfen, prallte an den Stämmen der schönen alten Bäume ab und zeichnete ihre Schatten quer über den flimmernden Grund, daß es aussah, als hemmten schwarze Balken das Wandeln über die kostbaren Fliesen. Mit jeder Elle, die Sabine im frühherbstlichen Blätterfall vorwärtseilte, überschritt sie eine dieser dunklen Schicksalsschwellen, mit jedem solchen Überschreiten stand sie tiefer in ihrem Verhängnisse. Am Ende des Ganges lag die Laube, wo Sylva sie erwartete.
Als die Nacht sank und die Frau durch die Allee zurückhuschte, waren die finsteren Schattenschwellen verschwunden. Auf den Weg zur Sünde hin hatte das Schicksal ihr die warnenden Zeichen gelegt; jetzt war alles bleiches Grau; den Weg zurück wies keine Hand von oben. –
Sabine glaubte einen Teil ihres Selbst zu retten, als sie in ihre wilde Beichte die scheue Bemerkung einschob, Ehebruch im landläufigen Sinne des Wortes habe sie immerhin nicht begangen. Mein Gott, das glaubte ich ihr nur zu sehr! Wollte ich doch, um des armen Jungen willen, diese Armseligkeit wäre weniger glaubhaft gewesen! Wie mag sie ihn hingehalten haben, wie seine Sehnsucht gefoppt! Das sehe ich, ohne daß sie es zu schildern brauchte, das sehe ich, wie sie spärliche Liebkosungen sich mühsam abringen ließ, als wäre es königliche Gunst, ihre kalten Fingerspitzen zu berühren; wie sie den äußersten Rand ihres Kleidersaumes erst nach tausend Bitten preisgab, eine welke Blume für hundert treue und gute Worte, und einen lauen Kuß auf die Stirne erst dann, wenn sie fürchten mußte, den allzu Geduldigen für immer zu entmutigen. Ich sehe sie! Und ich hätte nicht selbst einmal ein armer junger Narr sein müssen, hätte es mich wundern sollen, daß diese Kargheit, die den Schein der Ehre für sich hatte, den gläubigen Knaben nur fester an seine Göttin band.
Sabinens Kunst, diese Sprödigkeit, die zum Teile in ihrem hochfahrenden Charakter begründet lag, für das Ergebnis schwerer Seelenkämpfe, für einen Sieg ihres Entsagungsmutes auszugeben, muß indes bis zur höchsten Vollendung gewaltet haben. Denn nicht nur das gute fromme Kind war betrogen – auch der Klatsch, der alles zu entstellen geneigt ist, der Klatsch im Kaffeekranz und der weitaus schlimmere am Biertisch – der Klatsch, der natürlich in den treulichen Berichten der emsig lauschenden Gartenbesitzerin seine Quelle hatte – auch der nahm die Sache ohne weiteres von derselben Seite. Alle Sympathien galten der Frau, den Jüngling bedauerte man kaum, Ricchiari hätte mancher vielleicht eine Schlappe vergönnt. Ich glaube fest, daß es Wetten gab um den Ausgang der Sache; war dem so, so setzte die Mehrheit auf Sabine Ricchiaris Tugend.
Der einzige Mensch, der nicht betrogen war, war Ricchiari selbst. Ihm, dem Menschenkundigen, mußte vor allen Dingen die sonderbare Erregung auffallen, in welcher er seine Frau jetzt öfters sah, ihre heimlichen Gänge, ein häufiges Kommen und Gehen von Freundinnen, die stets über Gebühr zärtlich Abschied zu nehmen pflegten – und dergleichen wohlbekannte Anzeichen mehr. Und da er ein Mann am Platze war, so beherrschte er die eigene Unruhe, forschte gewandt umher, spähte, folgerte, kombinierte – und erriet endlich, was zu erraten war. Noch immer freilich kannte er die ganze Hohlheit des Wesens nicht, auf das er einst so viel gebaut; doch überraschte ihn an Sabinen, daß sie heimlicher Leidenschaft sollte fähig sein. Er grübelte unter heftigen Schmerzen über diese neue Wendung der Dinge nach, versuchte seine Frau bald durch Laune, bald durch Zärtlichkeit, fand sie aber in ihrem Verhalten gegen ihn unverändert; er wurde irrer und wirrer an ihr, als er je gewesen, und das Rätselhafte der Erscheinung quälte ihn fast mehr, als seine immerhin nicht geringe Eifersucht. Endlich verfiel er auf eine List von so lächerlicher Art, daß er sich fast schämte, sie anzuwenden, eine Niedrigkeit, die nur seinem äußerst gereizten Zustande zugute gehalten werden muß: und siehe, da fing er die Törin! Er brachte nämlich mehrfach das Gespräch, und zwar in Gegenwart möglichst zahlreicher Zeugen, auf das Recht freier Liebe und auf einzelne Beispiele hypermoderner Ansichten über diesen Punkt, wie jede Gesellschaft sie liefert; und zwar vertrat er listig herausfordernd die Sache der frevelhaftesten Ungebundenheit. Wie er es erwartet, so nahm Sabine höchst eifrig die Partei der strengsten Ehemoral und rasselte förmlich mit Tugendsprüchen. Ricchiari redete von Tag zu Tag ketzerhafter, schien sich in die Sache zu verbeißen, nannte die Ehe ein Kulturübel und wollte jeden vernunftbegabten Menschen sich über die erniedrigende Fessel erheben sehen; seine Zuhörer saßen ordentlich entgeistert, denn in diesem Tone hatte man im Städtchen bislang noch nicht reden hören, wenigstens keinen Familienvater; das aber schien den Doktor nicht anzufechten, oder auch: er mochte wissen, daß er in der Achtung seiner Mitbürger ohnedies als Mensch nicht mehr viel zu verlieren hatte. Sabine dagegen nahm in der sonderbaren Sache wieder nur die Gelegenheit wahr, sich in Szene zu setzen, und genoß das unheimliche Geplänkel ordentlich, ohne auch nur zu ahnen, daß eine Absicht dahinterstecken konnte. Sie sagte Dinge, die so rührend und schön waren, daß man einen Ehestandskatechismus davon zusammenstellen konnte, und deren schlagende Wirkung sie wahrscheinlich vorher an dem armen Sylva erprobt hatte. So setzte sie zum Beispiel auseinander, daß die wahre Liebe – im edelsten Sinne Liebe! – zwischen Mann und Weib erst dann beginnen könne, wenn die Leidenschaft dahingegangen; denn im Jugendrausch das Geliebte anzubeten, sei keine Kunst und kein Verdienst; wohl aber sei es edler Naturen würdig, Schwächen und Torheiten des Gefährten geduldig und verstehend zu ertragen, und erst, wo dieses göttliche Allesverzeihen eingetreten sei, da könne sie, Sabine Ricchiari, von Liebe reden. Sie blickte dabei ihren Gatten in hinreißender Weise an, und das gute Publikum war natürlich überzeugt, daß Sabine dieses schöne Dulden nach eigener täglicher Übung geschildert habe. Wer hätte ahnen sollen, daß sich die Sache gerade umgekehrt verhielt? Ricchiari knirschte mit den Zähnen, aber nicht nur ob der nun zu lang gewohnten Falschheit seiner Frau. Sein feines Ohr unterschied in ihrer Beredsamkeit etwas mehr als den gewöhnlichen Eifer für das Wohlanständige, aber auch etwas mehr als gewöhnliche Erfahrung. Was für Situationen wußte Sabine plötzlich zu schildern, und wie wußte sie in die Seelenregungen einer schwer angefochtenen und tapfer widerstehenden Frau einzugehen! »Wirklich?« fragte sich Ricchiari erschrocken, »hat sie solche Kämpfe durchlebt?« Es schien ihm, daß hier nicht mehr alles Phrase sein konnte; und, wie ich bereits gesagt, ich für mein Teil möchte das am liebsten glauben und bin dankbar, daß auch der kluge Doktor etwas von der neuen Unterströmung in dem Gemüte seiner Frau bemerkte. Immerhin, als Ricchiari so weit gekommen war, dachte er, nun sei es genug. Und nun begann er, die Auseinandersetzung mit seiner Frau unter vier Augen zu führen. Die ganze Behandlung bis hierher hatte ungefähr drei Wochen gedauert, und Sabine war in eine Leidenschaftlichkeit der Parteinahme hineingesteigert worden, die sie alle Vorsicht vergessen ließ. Nun brauchte der Doktor nur noch eine Frage zu tun: »Willst du mich wirklich glauben machen, daß du unter so und so gegebenen Umständen nach deinen Worten handeln würdest?« Sabine rief entrüstet: »Zweifelst du an meiner Festigkeit? Liebe ich dich schon nicht, so sollst du mir doch nichts vorzuwerfen haben!« und sprudelte in höchster Erregung die ganze Geschichte ihrer Versuchung und musterhaften Abwehr hervor. Nach dieser Erleichterung wandelte sie mit höchst zufriedener Miene im Zimmer auf und ab, den schönen Kopf hoch auf steifem Nacken tragend, als wolle sie jede beliebige Kritik gegen ihr Tun herausfordern und entwaffnen. Ich glaube wahrhaftig, sie kam sich in dieser Stunde sehr verdienstreich vor.
Ricchiari, ob er schon alle erdenkliche Herrschaft über sich besaß, mußte während dieses Vorganges die Hände in den nächsten Vorhang krallen, um nicht in Gefahr zu kommen, seine Frau zu schlagen. Ekel und Verachtung stiegen ihm bis zum Halse, sprechen hätte er nicht können, und er dankte Gott, daß er's nicht konnte – denn was hätte er dieser Frau sagen sollen? Daß er einen Fehltritt, in spontaner Leidenschaft begangen, leichter verziehen hätte, als diese Tugend? Des unglücklichen Mannes Gehirn, von einem Wirbel häßlicher Vorstellungen ergriffen und betäubt, vermochte in dieser Verwirrung die Anklage nicht zu formen, die sein ganzes Selbst in rasender Empörung gegen das armselige Weib zu schreien schien. Er fühlte nur dunkel und peinigend, daß er sie verdammen müsse, weil sie nicht schuldig geworden sei, und der Wahnwitz dieses Gedankens erfüllte ihn mit Schrecken vor sich selbst. Er glaubte verrückt geworden zu sein, und es dauerte mehrere Stunden, bis er soweit mit sich zurechtgekommen war, um mit seiner Frau über den Fall zu sprechen. Er stellte ihr eindringlich und mit wahrer Himmelsmilde die Schändlichkeit, aber auch die Gefahr eines solchen Verhaltens vor, wie sie Sylva gegenüber an den Tag gelegt, und gab ihr zugleich noch einmal in großmütiger Weise Freiheit, dem jungen Manne zu folgen, wenn sie etwa Neigung für ihn empfände. »Verzeihe mir, wenn ich dir zu nahe trete,« sagte er sanft, »aber es dünkt mich doch, der Mann könne dir nicht ganz gleichgültig sein. Hättest du ihn solange hingehalten und gefesselt, wenn seine Gegenwart dir nicht einen gewissen Reiz böte? Täuscht man sich doch selbst über solche Empfindungen, und vielleicht entspringt auch dein gedankenloses Spiel einer solchen Selbsttäuschung, die wiederum auf deinen maßlosen Stolz gebaut ist. Ich würde es als Segen empfangen, wenn es so wäre, wenn ich schon dabei der Verlierende bin. Besser, es sei einer unglücklich, als drei!« Sabine rief: »Wer sagt, daß ich unglücklich bin?« und ihr Gesicht überzog sich mit Purpur. Ricchiari antwortete: »Mich liebst du nicht, aber ihn liebst du vielleicht!« – »Und wenn schon,« rief sie mit geballten Fäusten, »so will ich doch nicht zum Kinderspott werden! Leidenschaften treten wie Krankheiten an uns alle heran, aber ich möchte mich lieber aus dem Fenster werfen, als so läppisch erliegen wie andere Frauen. Ich werde mich durchkämpfen.« – »Du bist zu klug,« sagte der Mann traurig. »Ich weiß nicht, soll ich dich bewundern oder verachten.« Sie erwiderte finster: »Ich dächte doch, das letztere hätte ich nicht verdient,« worauf er voll Schmerz zurückgab: »Das ist es ja gerade, was mich wirbelsinnig macht, daß ich das nicht weiß. Du mußt Geduld mit mir haben.« Sie gingen auseinander, ohne daß Ricchiari um vieles klüger geworden wäre.
Aber für Sabine war die Sache nun doch nicht so glatt abgetan. Daß sie sich durch ihr ruhmrediges Geständnis die Möglichkeit abgeschnitten habe, sich ferner zu den absonderlichen Stelldicheins zu begeben, das leuchtete ihr natürlich sofort ein. Doch fiel ihr diese gezwungene Entsagung durchaus nicht leicht, und sie bereute heftig ihre unzeitige Offenheit, die sie nun unerbittlich vor eine endgültige Entschließung stellte: entweder mußte sie Sylva aufgeben, oder sich vor Gott und der ganzen Welt die Seine nennen. Und eines kostete sie soviel wie das andere. Immerhin war der Kampf in ihr verhältnismäßig rasch entschieden. Sie setzte sich hin und verfaßte ein Schreiben an Sylva, worin sie ihm endgültig absagte. Den Brief hat niemand gesehen; Sylva muß ihn sofort vernichtet haben. Er ging alsbald hin und erschoß sich.