Es hatte nämlich bereits die öffentliche Aufmerksamkeit sich auf Blicke und Mienen des schmachtenden Jünglings gerichtet, und eine Schar von solchen Geistern, die nie das Unheil zu bemessen verstehen, das sie anrichten, ergriff sofort diese wahrlich ernste Sache als ein neues und willkommenes Spielzeug. Keine der Freundinnen und Nachbarinnen konnte sich das Vergnügen versagen, Sabinen die Beobachtungen zu hinterbringen, die sie an Sylva gemacht hatten, und jene bekannten neckenden Bemerkungen daran zu knüpfen, die bei solch kurz denkenden Wesen besseren Gesprächstoff ersetzen. Und diese Gefühllosigkeit gab leider der gefühllosesten unter den törichten Frauen den Anstoß, um aufs neue und tiefer als jemals in ihr altes Laster des Posierens zu verfallen.
Sabine wies die Neckereien der Freundinnen anscheinend mit Ernst und Würde zurück, dabei aber verfehlte sie nicht, mit feiner Wahl des Ausdruckes soviel Teilnahme für den stillen Anbeter zu verraten, als eine anständige Frau ohne Furcht vor Mißdeutungen an den Tag legen darf. Noch eine Nuance mehr Interesse, so gab sie, dessen war sie sich wohl bewußt, falschen Vermutungen Raum. Und dennoch – so unglaublich es scheint! – überschritt sie diese Linie, überschritt sie, während ihr selbst die Erkenntnis dessen, was sie tat, kalte Schauer über den Rücken jagte. Warum sie es tat – Gott weiß es! Sie wollte eben wieder einmal ihre Tugend zu allgemeiner Betrachtung aushängen. Sie arbeitete ihre Komödie mit gewohntem Raffinement aus, und die Freundinnen gingen mit der Gewißheit hinweg: »Sabine Ricchiari liebt den jungen Sylva. Aber mit eiserner Hand wird sie ihre Wünsche ersticken. Ihre Tugend ist über jede Versuchung erhaben.«
Alles dieses wäre noch kein Verhängnis gewesen. Aber nun gingen die schwatzenden Elstern hin und bearbeiteten den Jüngling. Sylva hatte das Unglück, jene sanfte und weiche Schönheit zu besitzen, auf welche ältliche Weiber besonders toll sind. Jede einzelne der müßigen Redespinnerinnen suchte aus der eben gemachten Entdeckung einen Vorwand zu konstruieren, um sich dem jungen Manne zu nähern, sein Vertrauen zu gewinnen, als sympathetische Seele seinen Schmerz zu teilen und – aber dieser Gedanke lauerte nur ganz verborgen im Hintergrunde! – womöglich zu heilen. Sylva, jung und nicht übermäßig erfahren, war schnell umgarnt. Bald hatte er drei oder vier »mütterliche Freundinnen«, die sich darin überboten, ihm zu sagen, was er zu hören brannte. Und bald war auch er von der Überzeugung durchdrungen, daß Sabine ihn im stillen liebe. Jetzt erst stiegen seine Hoffnungen zu äußerster Kühnheit empor, und jetzt erst lag sein Herz zu tiefst im Staube vor dieser Frau, die er unglücklich glaubte und doch von siegreicher Reinheit in ihrem Unglücke. Hatte er sie vorher schon mit heißester Glut begehrt, so betete er jetzt geradezu die Spur ihrer Füße im Sande an, überwältigt von ihrer unantastbaren Tugend.
Und seine Trösterinnen sorgten dafür, daß ihm der Mut nicht sank. Jedes Wort Sabinens wurde ihm hinterbracht; und da es die Frau in entsetzlicher Verblendung nicht lassen konnte, ihre Rolle weiter und weiter zu verfeinern und auszugestalten, so gab es bald ordentlich was zu hinterbringen. Die Phantasie der Zwischenträgerinnen tat das ihre.
Sylva schien zu glauben, daß dieser Frau gegenüber, die es verschmähte, sich um ihr Glück zu wehren, gewaltsamere Schritte erlaubt wären. Er suchte eine Zusammenkunft mit ihr, und die Trösterinnen rangen um den Vorzug, sie ihm zu verschaffen. Diejenige, der in dieser edlen Konkurrenz der Sieg zufiel, besaß einen schattigen und abgelegenen Garten, dahin lud sie Sabinen zu einem Plauderstündchen, und Sylva erschien wie zufällig. Nun verschwand die hilfsbereite Freundin, und das Paar stand sich gegenüber.
Sabinens Augen funkelten. Sie begriff sofort das Beabsichtigte der Situation, und neben einem kleinen Ärger über die niedrige Kuppelsucht ihrer Vertrauten, die ihr jetzt klar zum Bewußtsein kam, regte sich sofort und übermächtig auch die Freude darüber, daß endlich für sie der Augenblick gekommen sei, ihre sittliche Größe ganz zu zeigen. Sie bedauerte nur die Abwesenheit der Freundin, die ihr eine willkommene Zeugin gewesen wäre. Daß diese Freundin in sicherem Verstecke die ganze Szene belauschte, konnte sie freilich nicht ahnen.
Der Jüngling, ehrlich und geradeaus in seiner Liebe, ergriff alsbald das Wort und erklärte freimütig, daß er keineswegs zufällig gekommen sei, sondern in der bestimmten Hoffnung, Sabine allein zu sehen und zu sprechen. Sie habe ihm diese Möglichkeit bisher versagt, obgleich sie wissen müsse, was er für sie empfinde; doch sei er sich seines Unwertes vor ihr bewußt, wie seiner Vermessenheit, vor sie zu treten. Dies habe er nun gewagt, weil er den Zustand der Dinge unmöglich länger ertragen könne und lieber ein verdammendes Urteil für alle Zeit auf sich nehmen wolle, als fürder zwischen Hoffen und Verzweiflung zu schweben. »Und warum Hoffen?« unterbrach ihn Sabine voll Hochmut. »Habe ich Ihnen je ein Recht dazu gegeben?« – »Nicht Sie,« antwortete Sylva in einiger Verwirrung, »aber die schlimmen Verhältnisse, in denen Sie leben, und die, verzeihen Sie mir! leider genugsam bekannt sind.« Sabinens Antlitz flammte auf, und jetzt stand sie im Begriffe, das Lügengespinst zu zerreißen. »Was sagen Sie?« rief sie in echter Entrüstung. »Welche Verhältnisse? Ich bitte, sich deutlicher zu erklären!« Sie rang, von Scham eine Sekunde lang überwältigt, nach Worten, den verhängnisvollen Irrtum zu heben, wußte nicht, wo beginnen, wurde aufgeregt und ängstlich. Unterdessen sprach Sylva, der ihren Zorn nach seiner Art deutete, auf sie ein, schilderte mit Farben, die er aus der Tiefe seines gläubigen Herzens holte, ihr Bild, wie es ihm erschien, in all der Heiligkeit entsagungsvoller Treue, in all der Größe, Reinheit und süßen Trauer, die er ihr andichtete, und bemerkte beglückt, daß sie ruhiger wurde und endlich in augenscheinlicher Ergriffenheit ihm zuhörte. Wirklich dämmerte ihr etwas von dem bitteren Ernste der Lage. War bei ihrer plötzlichen Besänftigung auch vielleicht in erster Linie wieder das kindische Wohlgefallen an sich selbst im Spiele gewesen, das Sylvas Worte so angenehm streichelten, so möchte ich doch annehmen, daß der Anblick der unschuldigen, heiß flehenden Augen, die köstlich reine Verehrung des armen Jungen etwas von ihren weiblichen Empfindungen wachriefen und vibrieren machten. Denn von hier an kann ich Sabinens Verhalten nicht mehr ganz als Pose auffassen.
»Der Anblick Ihres Jammers«, so sprach Sabine, »zerreißt mir das Herz. Wollte Gott, ich dürfte milder sein, denn Strenge wird mir schwer, wo ich an ein echtes Gefühl glauben muß. Nicht oft im Leben ist mir ein solches begegnet, und ich wünschte, ich müßte nicht zurückweisen, was manche andere Frau mit Stolz und Freude annehmen würde. Aber bedenken Sie, daß diese Liebe, die Sie mir entgegenbringen und die in ihrer hohen und edlen Natur das Wertvollste ist, was eine Frau auf ihrem Lebenspfade finden kann, zugleich eine erniedrigende Zumutung an mich enthält. Nein, erschrecken Sie nicht – ich zürne nicht, denn ich weiß, was Sie leiden! Dennoch haben Sie es sich allzu leicht vorgestellt, das Pflichtbewußtsein einer Frau zu überwinden. Vergaßen Sie, daß ich Kinder habe? Wenn ich unterliege, so trifft mich kein Verlust, den eine Liebe wie die Ihre mir nicht ersetzen könnte; aber die ganze Härte der Konsequenzen fällt auf die unschuldigsten Häupter, die somit mein und Ihr Vergehen zu büßen haben werden. Welches Glück könnte auf solchem Grunde aufgebaut werden? Lassen Sie mich, um Ihrer selbst willen, an Ihr besseres Selbst appellieren! Sie werden überwinden, Sie können es! Es gibt unfehlbare Tröster: die Arbeit, die Kunst – zu diesen flüchten Sie! Erhalten Sie Ihr Leben rein, bessere Menschen als ich bin haben noch Rechte an Ihre Zukunft. Diese erhalten Sie unbefleckt, diese opfern Sie nicht einer vielleicht flüchtigen Leidenschaft! Seien Sie stark – Sie sind ein Mann: muß ich es doch sein, die ich nur ein schwaches Weib bin!«
Sylva hatte von Sabinens Rede nichts gehört, als daß sie an seine Liebe glaubte, und das war mehr, als er geträumt hatte. Zitternd vor Seligkeit warf er sich vor ihr nieder, mächtig hinströmend ergoß sich sein Gefühl, so daß es der erschrockenen Frau wohl scheinen mochte, als wankte der Boden und die alten Stämme gewaltiger Bäume rings um sie vor dem Anprall einer Flut, die sich rauschend und klingend durch das All verbreitete. Wieder, wie schon einmal im Leben, stand sie dem Elemente gegenüber und hatte die Kraft nicht, sich darüber zu erheben. Wieder ließ sie sich hinreißen. Über solche Wellen hatte der flache Kiel ihres Seelenschiffleins keine Gewalt. Es trieb, es schwankte und wäre zerschellt, wenn nicht Sylva selbst in seiner Redlichkeit den Sturm gemeistert hätte. Mehr auf die Geliebte als auf sich selbst bedacht, kam es ihm durchaus nicht zu Sinn, ihre Verwirrung zu nützen, und bereits hatte seine fromme Phantasie Mittel und Wege einer rechtlichen Verbindung zwischen ihm und der angebeteten Frau gefunden. »Kein Unrecht!« so rief er aus, »keine Schmach auf dir, du einzig Geliebte! Ich trete vor deinen Gatten, ich stelle ihm deine Entsagung, deinen Opfermut vor, ich zeige ihm, wie du um deiner Pflicht willen dein Herz ersticken wolltest! Ist etwas Menschliches in ihm, so muß er dich freigeben!«
Ernüchtert und entsetzt riß Sabine sich los. Ihr Verstand, der einige Minuten lang geschwärmt hatte, stand plötzlich wieder auf festen Füßen, und sie überblickte nun mit ziemlichem Schrecken den Schaden, den sie angerichtet. Nichts konnte dieser Frau, deren Abgott das »Qu'en dira-t-on?« war, unwillkommener sein, als die Aussicht, daß Sylva in seinem Eifer bis zur ernsthaften Forderung einer Scheidung gehen könnte. Hunderte von Fällen ähnlicher Art, an denen ja heutzutage Wirklichkeit und Dichtung so Artiges liefern, fielen ihr ein: immer und unter allen Umständen haftete der Frau, die einen gesicherten und geachteten Hausstand preisgab, um sich der abenteuerlichen Liebe eines weit jüngeren Mannes anzuvertrauen, mindestens Lächerlichkeit an. Und was fürchtete Sabine mehr als Lächerlichkeit? Und allen Grund hatte sie, diese zu fürchten, denn gerade sie fiel furchtbar, wenn sie fiel. »Das war die Tugend Sabinens?« schallte ihr's im Ohr, hundert lachende Stimmen, hämisch, triumphierend, fröhlich und harmlos spottend, aber alle lachend schienen aus allen Ecken des Gartens den lustig erstaunten Ruf zurückzugeben. Flammen der Scham loderten ihr im Antlitz. Sie stieß den Jüngling von sich, stammelte in höchster Ratlosigkeit ein paar Worte von Überlegung und Zeit zum Sammeln und enteilte.