Den ganzen Tag wandelte sie in stumpfer Gleichgültigkeit umher. Daß sie die Großstadt und ihren Vasallenkreis vermißte, daß Haushalt und Kinderstube sie langweilten, daß sie hungerte nach rauschenden Festen, wo ihre Schönheit Siege gefeiert hätte, daß der schlichte, stäte und zuverlässige Gatte ihrem phantasievollen Köpfchen nichts zu denken gab – Ricchiari mußte es täglich aus kalten Mienen und lässigem Gebaren erkennen. Da er die Frau liebte, tat das ihm weh. Aber man vergegenwärtige sich das Leiden, das für ihn anhub, sobald ein fremder Fuß das Gemach betrat: wie durch Zauberschlag verwandelt, huschte die plötzlich erblühende Frau als rühriges Hausmütterchen durch alle Räume; Heiterkeit strahlte ihr von rosigen Wangen, Liebe aus leuchtenden Augen; sie herzte ihre Kinder, sie nickte dem Gatten zu; sie redete wirtschaftlich, prahlte mit kleinen häuslichen Kenntnissen, pries die pastoralen Freuden ihres bescheidenen Lebens, scherzte anmutig und überlegen über leicht verschmerzte Entbehrungen – kurz: zeigte sich so ganz als das, was sie nicht war und doch hätte sein sollen, daß die Klügsten betrogen hinweggingen. Laut und leise pries alle Welt Ricchiari als den glücklichsten Gatten; und der Doktor hörte es mit finsterem Gesichte und verbiß seine Martern: wußte er doch aus wiederholter Erfahrung, daß Licht und Lächeln in den Augen seiner Frau erlöschen würden mit den letzten Lampen des Mahles, bei dem sie durch horazische Tugenden eine Anzahl leichtgläubiger Gäste berückt hatte.

Diese sichere und stets eintreffende Voraussicht machte, daß Ricchiari in Gesellschaft nicht eben leidenschaftlich auf die Liebenswürdigkeiten seiner Frau einging; dazu war er eine zu gerade Natur. Ja, er begegnete in der Regel ihren holden Koketterien mit abweisenden Blicken und erreichte dadurch, was er eben hatte vermeiden wollen, daß alle Leute die herrliche Frau, die an solch einen Bären gebunden war, erst recht bewunderten und bedauerten. Dieses Bedauern, das der unglückliche Mann in allen Mienen lesen mußte, war seine schärfste Qual. Es war ihm unmöglich, auf die unedle Pose einzugehen, die Sabine vor der Welt aufrechterhielt und mit welcher sie ihm seine tiefe und wahrhafte Liebe so übel vergalt. Jeder Versuch aber, die Komödie zu durchbrechen, prallte an Sabinens unerschöpflicher Sanftmut und Holdheit ab, und immer blieb das gewandte Weib im Vorteil, immer mehr vergab sich der von Leidenschaft gepeinigte Mann in den Augen der Kurzsichtigen, die nach dem Schein urteilten. Bald war Sabine nah und fern als eine neue Griseldis gerühmt, der Doktor als ein Tyrann verschrien; und das ruchlose Geschöpf war wirklich erbärmlich genug, sich an dieser Rolle zu ergötzen. Die Art und Weise, wie sie Mitleid von sich wies und ihren Gatten zu entschuldigen suchte, war mit Feinheit so berechnet, daß auch wieder niemand als sie selbst dabei gewann: denn nun prunkte sie noch mit einem Edelmute, der ihr sehr ferne lag, da sie genau wußte, daß in Wirklichkeit ihr Gatte der still Duldende und Vergebende war. Daß ich selbst von diesem Spiele fast gefangen worden wäre, habe ich wohl schon angedeutet. Sabinens Geständnisse am Bette des Selbstmörders ließen mich klar in dies fürchterliche Verhältnis blicken. Die Unselige erzählte mir selbst, daß ihr Mann sie einmal mit Tränen in den Augen gebeten habe, ihm in Gegenwart von Leuten nicht mehr so zärtlich zuzunicken, da sie es doch in Stunden des Alleinseins mit ihm nicht wolle oder nicht könne. Dies habe ihr ins Herz geschnitten, und sie habe eine Zeitlang wieder ein wärmeres Gefühl für ihn zu empfinden geglaubt, ein solches auch mit ängstlicher Deutlichkeit an den Tag gelegt. Ricchiaris trauriges Lächeln habe sie wohl belehrt, daß sie ihn nicht täuschen könne, und diese Erkenntnis habe sie selbst mit Bitterkeit erfüllt. Nach kaum einer Woche sei ihr machtloser Wille wieder erlahmt, Leben und Umgebung hätte sie gelangweilt, das tägliche Einerlei von Kleinem und Kleinstem die alte Verstimmung wieder wachgerufen. Vor Zeugen aber habe sie nach wie vor ihr äußeres Scheinleben weiterführen müssen und sich dabei selbst wie behext gefühlt; denn sie sei sich ihrer Falschheit wohl bewußt gewesen, ohne sich ihrer jedoch erwehren zu können.

Ich fragte Sabinen, ob sie sich über die Empfindungen Rechenschaft geben könne, die sie beherrschten, während sie dies verräterische und für ihren Gatten so grausame Spiel trieb. Sie gestand mir nach einigem Sinnen, daß sie sich immer durch das Verhalten der Leute selbst gleichsam dazu gereizt gefühlt habe. Denn wie ein offenes Buch habe jedes Herz vor ihr sich aufgetan, und was sie da zu lesen geglaubt, war eben die Erwartung dessen, was mittlerweile wirklich schon eingetreten war. Jeder Blick schien sie zu fragen: hast du die übereilte Verbindung noch nicht bereut? hält die Romantik dem wirklichen Leben stand? sehnst du dich nicht zurück nach dem Kreise, für den du geboren bist? Bereits glaubte sie zu hören, wie triumphierend Nachbarin zu Nachbarin flüsterte: wir haben es vorausgesagt! Bereits war ihr, als spitze sich jeder Beau, der huldigend ihre Hand küßte, schon im stillen darauf, der Hausfreund der schönen Doktorsfrau zu werden. Daß aller Augen auf ihren Fall warteten, hatte sie richtig erraten, und sie hätte sich, wie sie sagte, lieber in Stücke reißen lassen, als dem Volke die Freude des Rechthabens zu gönnen.

Die Spannung zwischen den Gatten kam endlich so weit, daß Ricchiari die Scheidung vorschlug. Ihm schien es leichter, sich der begehrten Frau ganz und gar zu entwöhnen, als fürder unter ihren Lieblosigkeiten zu schmachten. Dennoch mußte ihn der Vorschlag schwere Überwindung gekostet haben, und Sabine, die es verstand, war von seinem Leiden einigermaßen erschüttert. Aber als sie dies Anerbieten zurückwies, tat sie es dennoch erst in zweiter Linie aus Mitleid mit dem Manne; ihr erster Gedanke war auch hier wieder: »wie würden die Leute sich freuen!« und deshalb willigte sie nicht in die Scheidung.

Ricchiari, der mit weißen Lippen seinen Antrag gestellt hatte, errötete ein wenig, als sie rasch und heftig »Nein!« sprach. »Darf ich hoffen,« fragte er mit unsicherer Stimme, »daß es dir doch ein wenig leid tun würde, mich zu entbehren?« Sie schaute ihn an und hätte Welten darum gegeben, hätte sie jetzt ihr Verstellungstalent zur Hand gehabt, das ihr vor Fremden doch nie versagte. Aber vor den ehrlichen Augen dieses Mannes war sie gelähmt, sie fand das falsche Lächeln nicht, oder vielmehr, sie wußte, daß es ihn nicht würde betrügen können. Sie sah zur Seite, zitterte und stammelte endlich: »Um der Kinder willen laß uns beisammen bleiben!« und das war das einzige, was sie antworten konnte ohne direkte Unwahrheit. Wirklich war das ein Grund, dem Ricchiari sich beugen mußte; und wenn es für ihn irgendeinen Trost gab, so mußte es der Gedanke sein, daß Sabine in diesem einen Punkte wenigstens durch ein braves und natürliches Gefühl geleitet worden sei.

So also standen die Dinge in Ricchiaris anscheinend so tadelloser Häuslichkeit. Eine Frau von unfehlbarer Lebensführung und wertvollen Eigenschaften verstand die bescheidene Kunst nicht, einen schlichten Mann glücklich zu machen; und ein Mann, der jede andere Frau durch die Fülle und Tiefe seines Empfindens hoch beglückt hätte, mußte seine köstliche Flamme vor einem Götzenbilde von Erz verlodern sehen, und kein Zeichen belehrte ihn, ob sein Opfer Gnade gefunden.

4.

Sylva stammte aus guter, alter Familie. Er war wohlhabend und hatte Ansehen. Aber er war auch brav, tüchtig, ernsthaft und seelenrein, wie wenige Menschen in dieser verderbten Zeit und in den Kreisen, aus denen er stammte. Er war dreiundzwanzig Jahre alt.

Sabine Ricchiari war eine zu blendende Erscheinung, um von dem neuen Ankömmling nicht alsbald bemerkt zu werden, und entzückt erkundigte er sich sofort nach Namen und Geschichte der schönen Frau. Der Bescheid, den er erhielt, entsprang der falschen Meinung, die Sabinens ruchloses Spiel in den Köpfen der Leute gezeitigt hatte. Die Frau, so hieß es, sei ein vornehmes und mit allen holden Gaben geschmücktes Wesen, an einen Mann gekettet, der nicht wert sei, ihr die Schuhriemen zu lösen, und der das Gotteswunder nicht zu schätzen wisse, das mit solch einem Weibe über sein Haus gekommen. Vielmehr behandle er sie höchst lieblos, sie aber ertrage mit engelgleicher Geduld all seine Launen, und nie habe jemand sie ein Wort der Klage äußern hören. Ja, selbst den Mangel all des Glanzes, zu welchem ihre Geburt sie berechtigte, habe sie mit solcher Anmut und Heiterkeit auf sich genommen, daß alt und jung vor einem so seltenen Frauencharakter in Bewunderung vergehe. Niemand könne an dem herrlichen Bilde die leiseste Trübung nachweisen, und allgemein werde nur bedauert, daß nicht ein würdiges Eheglück ihr beschieden sei.

Solche Kunde war natürlich dazu angetan, ein Jünglingsherz zu rühren. Sie aber ahnte nicht, welchen Quellen die scheue Verehrung entsprang, die sie alsobald in den Augen des jungen Mannes zu lesen begann; seicht wie sie selbst war, schloß sie nur auf seichte Leidenschaft, wie ein blühender Frauenleib sie wohl zu wecken vermag, und wandte sich mit einem spröden Gesichte zur Seite, so oft sie dem stillen Minnewerber begegnete. Sie selbst gestand, daß sie damals nichts als Groll empfand, jenen alten Groll gegen angenehme und sogenannte unwiderstehliche Männer, die jede Frau als leichte Beute behandeln.