Aber Sabine kam übel an mit ihren Beglückungsversuchen. Denn sie mußte einsehen, daß der erwählte Mann selbst nicht nur keine sonderliche Dankbarkeit gegen sie empfand, sondern daß er die Bevorzugung, die ihm widerfuhr, auf eine sehr kränkende Weise deutete. Daß seine Häßlichkeit, über welche er sich keiner Täuschung hingab, ein so holdes und vielbegehrtes Wesen wie Sabine anzog, erschien ihm durchaus nicht als ein Wunder der Liebe, die ihren Gegenstand nach seinem seelischen Gehalte schätzt – denn so hätte Sabine es gerne gedeutet wissen wollen; vielmehr erklärte er sich in seiner materialistischen Weltanschauung dies Wunder einfach aus einem perversen Reiz, den Scheusale von Männern auf Frauen auszuüben verstehen, und er schämte sich nicht, dies in wenig verschleierten Worten anzudeuten, wobei er mit Vorliebe das Beispiel des großen Sinnenbetörers Mirabeau zitierte. Daß Sabine seine durchaus nicht gewählte Unterhaltung ertrug, schrieb er demselben krankhaften Gefallen am Allzunatürlichen zu, denn er gab sich nie Mühe, in den Mienen anderer zu lesen, und übersah deshalb den Kampf, mit welchem das wunderliche Fräulein diese härteste Probe ihrer Gesinnungstreue zu bestehen suchte. Daß sie endlich vor aller Welt seine Partei hielt, schien ihm selbstverständlich, denn er wußte, daß er für eine wissenschaftliche Größe galt und daß eine Frau an seiner Seite einer großen Zukunft entgegenging. Und er sprach auch dies aus und verfehlte nicht, Sabine aufmerksam zu machen, daß sie trotz ihrer Schönheit und höheren Geburt bei einer Verbindung mit ihm der gewinnende Teil wäre. Es dauerte eine ganze Weile, bis Sabine diese seine Auffassung von der Sache ganz begriffen hatte, denn sie hatte sich in der Rolle der Gebenden und Herablassenden zu wohl gefallen, um leicht einer so demütigenden Erkenntnis zugänglich zu sein. Aber der merkwürdige Galan, der seinerseits durchaus nicht geneigt war, den Empfangenden, den Beschenkten zu spielen, versuchte endlich, ihre Liebe, die er für höchst leidenschaftlich hielt, durch bewußte Bosheiten auf die Probe zu stellen, bald ohne Anlaß fernbleibend, bald auch vor Zeugen ein hämisches und tyrannisches Wesen gegen sie zur Schau tragend. Ihre Ratlosigkeit und Verblüfftheit solchen Roheiten gegenüber hielt er für Schmerz, und die wirklich bewunderungswürdige Geduld, mit welcher sie verzieh, was sie einem Mangel an Besserwissen zuschrieb, deutete er als Verliebtheit, die, selbst getreten, nicht von ihm lassen konnte. Endlich kam aber doch der Tag der Abrechnung, und es erfolgte nun die allerwunderlichste Auseinandersetzung, die je zwischen Liebesleuten stattgefunden. Jeder der beiden Toren war sehr verdutzt, sich von dem anderen nicht heißer geliebt zu sehen, jeder rechnete dem anderen sein Gewinnen oder Verlieren mit allerliebster Offenheit vor. Bei dieser Abschiedsszene zeigte sich schließlich der Mann noch als der Charaktervollere von beiden, denn er war der erste, welcher der Frau mit ihrem unerbetenen Mitleiden den Laufpaß gab, indem er erklärte, daß ihm ein Schankmädchen, das zu ihm aufsähe, liebenswerter erscheine als eine Königin, die sich »herablasse«. Sabine zog sich gekränkt zurück und gewann aus der bösen Erfahrung wenigstens die Lehre, daß Mitleid vom Weibe zum Manne vorsichtig in leisen Schuhen wandeln muß, soll nicht sein Tritt die jungen Liebespflänzlein zermalmen. Eine Weile war sie traurig und enttäuscht. Bald aber löste eine neue, noch sonderbarere Wahl die Mißstimmung jenes ersten Erlebnisses. Auch dieser zweite Mann war das Gegenteil von einem Adonis und nichts weniger als ein Gesellschaftslöwe. Wäre er beides gewesen, so hätte er ja für Sabine keinen Reiz gehabt, denn dann wäre es keine Kunst gewesen, ihn zu lieben; und Sabine wollte, wie gesagt, auch hierin etwas völlig Neues leisten. Was ihre Neigung in diesem besonderen Falle bestimmte, war hauptsächlich die bittere Armut, in welcher der Betreffende lebte, der seines Zeichens ein unbedeutender Musikus am Theaterorchester der Stadt war, in welcher das seltsam wählerische Fräulein damals lebte. Sabine hatte durch Hausgenossen des Fiedlers von seinem Elende vernommen, hatte ihn unterstützen lassen und suchte nun seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Sie verhalf ihm zu Unterrichtsstunden in besseren Häusern und eröffnete damit zugleich ihm und sich selbst einen Weg, auf welchem sie sich häufig genug ohne Anstände begegnen konnten. Dabei geschah nun, was geschehen mußte. Hatte der Mann schon vorher gewußt, daß er ihrem Mitleid viel verdankte, so warfen ihre strahlende Erscheinung, ihr berückendes Lächeln und die freundlichen Worte, die sie an ihn richtete, ihn nun ohne weiteres in eine maßlose Leidenschaft, die er auch durchaus nicht zu verbergen strebte. Dabei war er klug genug, weder seinen persönlichen Vorzügen noch seiner musikalischen Begabung das Verdienst dieser Eroberung beizulegen, denn er wußte genau, daß er von letzterer nicht viel mehr besaß als von ersteren. Aber er empfand doch künstlerisch-naiv gerade soviel als es brauchte, um an eine ideale Liebe zu glauben, die wahllos trifft und sich mit gleich selbstloser Erwiderung reichlich gelohnt fühlt. Eine solche Liebe legte er in Sabine hinein; und er selbst stattete seinen Dank für das unverdiente Gnadengeschenk in einer Anbetung ab, an der sich Diana hätte genügen lassen können, und die unsere kühle Heldin selbst höchlichst befriedigte, weil sie endlich zur Erfüllung brachte, was lang geträumt und gewünscht war. Denn nun genoß Sabine die Genugtuung, daß die Romantik dieses Verhältnisses von alt und jung gebührend geschätzt wurde, und wandelte einher, von Mondschein und blauen Blumen gleichsam auf Schritt und Tritt umsponnen, wie ein mittelalterliches Burgfräulein, das sich einem fahrenden Sänger neigt. Sie redete viel, um zu beweisen, daß echtes Gefühl auch in unseren nüchternen und bösen Zeiten noch nicht ganz vom Erdenrund geflohen sei, und glaubte ganz ernsthaft, die schöne Neigung, die sie darstellte, wirklich selbst zu empfinden. Allerdings glaubte das auch jedermann sonst; und selbst die losesten Zungen fanden keinen schlimmeren Anlaß zu sticheln als den, daß man Sabine hinfort auch im Getöse einer Wagneroper in der ersten Reihe des Parkettes sitzen sah, wo sie dem Bombardement wahnsinniger Pauken- und Trompetenstöße heldenhaft standhielt, nur um Aug' in Auge mit ihrem Geigerlein und in seiner möglichsten Nähe den Abend zu verbringen. Dem Widerstand ihrer Verwandten gegen diese sehr unerwünschte Verbindung setzte sie eine siegreiche Beredsamkeit entgegen, die alle Bedenken entwaffnete und die Zweifler beschämte. Die Entdeckung, daß ihr neuer Liebhaber einige Male ziemlich betrunken im Orchester erschien und daß er Ring und Kette, die sie ihm gegeben, gelegentlich versetzte, ernüchterte sie zwar ein wenig, entmutigte sie aber keineswegs. Sie löste geduldig ihre Liebespfänder selbst wieder aus und gab sie ihm ohne ein Wort des Vorwurfes zurück. Die Beschämung und Reue, die der arme Kerl bei solchen Anlässen an den Tag legte, war echt; aber die sittliche Festigkeit, die er neuen Versuchungen gegenüber bewies, war die eines Kindes; und Sabine machte hier die schmerzliche Schule durch, die Künstlerliebchen und -frauen selten erspart bleibt: sie mußte sehen, daß ein Mann alles Göttliche und Hohe in seinem Busen bewegen und doch vor einem Glase Wein zum Tiere werden kann. Aber Sabine hatte ihre Rolle zu hoch gegriffen, um ihr selbst vor derlei Schrecknissen untreu zu werden. Auch als ihr Bräutigam wegen der eingetretenen Unordentlichkeit seines Lebenswandels aus dem Orchester entlassen wurde, hielt sie noch fest zu ihm. Bereits aber war sie so weit zur Vernunft gekommen, daß sie den Argumenten ihrer Verwandten ein willigeres Ohr lieh als zuvor; und als man ihr geschickt vorstellte, wie gerade die Gunst, die sie dem Musikus erwies, die unerwartete Veränderung seiner Lage verderbenbringend geworden sei für den Mann, der bisher in seinen dürftigen Verhältnissen arbeitsam und brav gewesen war – da entsagte sie, obgleich schweren Herzens und nach langem Kampfe, auch diesem Traume. Von ihrem Anbeter kaufte sie sich los, indem sie mit Einwilligung ihrer Angehörigen ein bescheidenes Kapitälchen für ihn anlegte, das ihn vor äußerster Not bewahren, ihm aber keinerlei Ausschreitungen ermöglichen sollte. Es muß zur Ehre des Mannes gesagt werden, daß er diese Abfindung erst nach langer und rasender Gegenwehr hinnahm; denn er liebte das schöne Mädchen, wie nur ein Musikerherz lieben kann, und drohte sie und sich selbst zu ermorden, ehe er sie aufgäbe. Erst die Vorstellungen desselben klugen Verwandten, der Sabine herumgebracht, vermochten ihn zu erschüttern; denn sie brachten ihn zur Einsicht, daß er die Heißgeliebte in ein trauriges Los herunterzöge, wenn er sie an sich fesselte, ohne durch seinen Charakter eine Gewähr für seines Zukunft zu geben. Er trat zurück und zeigte sich beim Abschiede so ehrenhaft und stolz, daß Sabine fast wieder ihren Sinn zu seinen Gunsten geändert hätte; denn es war ihr bitter, daß er sie an Entsagungsmut übertraf, und sie konnte sich nicht verhehlen, daß er ungleich mehr opferte als sie, weil er ungleich leidenschaftlicher geliebt hatte. Seine Pension griff er erst viele Jahre später an, als er, wieder zur Ordnung zurückgekehrt, eine passende Lebensgefährtin gefunden hatte, mit welcher er dann auch leidlich glücklich wurde. –
Sabinens dritte Wahl fiel gleichfalls auf einen Musiker, aber weit höheren Ranges. Dieser Mann war städtischer Domorganist, war ein wirklicher Künstler, war weder häßlich noch arm, dafür aber blind. Sabine hätschelte ihr eigenes törichtes Heldentum mehr denn je, als sie diesem Manne nahetrat, mit welchem sie aber glücklicherweise kein Verlöbnis einging. Denn – um es kurz zu machen – sie mußte bereits nach einiger Zeit zur Überzeugung kommen, daß andere Frauen an derselben Wut der Selbstaufopferung krankten wie sie, und daß der blinde Mann die Äußerungen dieser edlen Regungen, denen er sich übrigens kaum hätte entziehen können, rückhaltlos und recht dankbar annahm. Es gab keinen tolleren Don Juan im Lande als ihn, und er prahlte, sein eigener Leporello, vergnügt mit seinem Sündenregister. Das widerte die im Grunde keusche Sabine an, und sie zog sich zurück, ehe ein bindendes Wort gesprochen war. So war sie noch einmal mit heiler Haut davongekommen, als sie dem Mann begegnete, der ihr Verhängnis werden sollte, ihre Strafe und – nach schweren Irrungen – ihre Rettung. Dieser Mann war Ricchiari.
3.
Sabine war damals vierundzwanzig Jahre alt, und ihre Schönheit hatte den Gipfelpunkt der Entfaltung erreicht. Sie war eine so hervorragende Erscheinung, daß die Schar ihrer Bewerber und Bewunderer sich trotz all ihrer Torheiten nicht wesentlich vermindert hatte, und sie hätte immer noch eine Ehe eingehen können, wie sie ihrer höchst verfeinerten und verwöhnten Natur angemessen war. Aber einer war abgefallen, von dem sie wußte, daß er sie früher gern gesehen hatte, und dieser eine beschäftigte nun die widerspruchsvolle Dame mehr als der ganze übrige Hofstaat. Auch Ricchiari war kein glänzender Mann. Er war, wie bereits erwähnt, von unansehnlicher, wiewohl durchaus nicht unangenehmer Erscheinung, dabei trocken und knapp in seiner Rede, schlicht in seinem Auftreten und nicht immer liebenswürdig in Frauengesellschaft. Als Arzt war er mäßig beliebt und gerade genug beschäftigt, um eine kleine Familie ohne Sorgen ernähren zu können, aber was man so eine Zukunft nennt, das traute ihm niemand zu. Auch war es diesem Manne, der die Welt kannte und wußte, nach welchen Werten ein Mensch geschätzt wird, nie zu Sinn gekommen, um die vielbegehrte Schöne zu werben; doch war auch er am Ende ein Wesen von Fleisch und Blut, und kein solches konnte Sabinens unvergleichliche Anmut sehen, ohne sich an ihr zu entflammen. So ging es auch dem armen Doktor, obgleich er sich redlich Mühe gab, seine Gefühle zu verbergen. Sabine, deren Augen auf dergleichen Vorgänge geübt waren, bemerkte nun wohl seine Leidenschaft; aber sie bemerkte auch seine Zurückhaltung, und sie schätzte ihn darob; möglicherweise würde sie ihn auch ermutigt haben, wenn der Beginn ihrer Bekanntschaft nicht gerade in eine Zeit gefallen wäre, wo eines der früher erwähnten Opfer Sabinens ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Nun war aber auch der Doktor ein Mann von äußerst scharfen Blicken, und er beobachtete mit innerlicher Empörung Sabinens Verhalten. Das komplizierte und etwas krankhafte Spiel ihrer Seelenregungen lag ihm längst offen, und was von guten Gefühlen in diesem wunderlichen Gemüte vorhanden war, unterschätzte er keineswegs. Daß Sabine im Verhältnis zum Manne die Gebende sein wollte, lieber als die Empfangende, das gefiel ihm sogar; und die Beharrlichkeit, mit welcher sie alle Folgen dieses Anspruchs auf sich nahm und ertrug, setzte ihn in Bewunderung. Aber daß sie im allerletzten Grunde dabei um den Beifall der Menge buhlte, daß sie etwas sein wollte, nur um es auch zu scheinen, das verdroß den Doktor, der in allen Dingen gerade nach der entgegengesetzten Seite hinstrebte und sich unbeachtet am wohlsten fühlte. Schmerzlich geteilt zwischen stiller, heißer Leidenschaft und einer gewissen Verachtung lebte der Mann kein vergnügtes Leben unter den Sonnenaugen der begehrten Frau, und kein Wunder, daß er die Verachtung etwas schroffer zur Schau trug, als er eigentlich wollte, da er sie wie einen schützenden Mantel um sein Herz und seine Liebe ziehen mußte.
Sabine bemerkte alsobald die Veränderung in Ricchiaris Betragen, und da sie nicht ahnen konnte, wie klar der Mann sie durchschaute, und daß er mehr von den Vorgängen in ihrer Seele wußte, als sie selbst, so störte seine plötzliche Kälte sie und gab ihr zu denken. Sie nahm sich vor, ihn zu erobern; und da er auch sonst ihren – negativen Anforderungen genügte und sie die Illusion, zu ihm herabgestiegen zu sein, vor sich und anderen aufrechterhalten konnte, so gab sie ihm Zeichen ihrer Huld, die er verstehen mußte, und bot alles auf, um ihn in ihren Bannkreis zu ziehen. Aber mit dem Doktor ging das nicht so leicht, wie es mit den anderen gegangen war. Je liebenswürdiger Sabine ihm entgegenkam, desto unnahbarer zeigte er sich und ließ sie endlich in unzweideutiger und fast unartiger Weise fühlen, daß er nichts von ihr wollte. Hätte Sabine in sein Herz blicken können, so hätte sie erkennen müssen, daß er unter dem Zustand der Dinge fast schwerer litt als sie, denn er konnte dem schönen Frauenbild lange nicht so ernstlich gram sein, wie er es zu sein wünschte. Da sie das nicht wußte, so war sie von seinem Verhalten nur aufs tiefste gekränkt und so unglücklich, wie ein Weltkind überhaupt sein kann. So heftig war sie von Zorn und verletzter Eitelkeit beherrscht, daß sie aller Weiblichkeit vergaß und den Doktor bei erster Gelegenheit zur Rede stellte. Es geschah dies auf einem einsamen Wege vor der Stadt, der durch Gärten und Gemüsepflanzungen weiter hinaus nach einer kleinen Privatheilanstalt führte, die Ricchiari regelmäßig besuchte. Sabine hatte ihm aufgelauert wie ein Schulmädchen, und sein spöttisches und abweisendes Gesicht, als er sie erblickte, brachte schnell genug zur Entladung, was sich an Lava, Schwefel und Pech in ihrem Gemüte gesammelt hatte. Es knallte ganz artig, als die erbitterte Heldin den Mund auftat. In dieser Stunde redete Sabine nicht eben klug und auch nicht ganz sittsam; aber sie redete zum ersten Male, seit er sie kannte, nicht mit der Absicht, ihrem Publikum zu imponieren. Deshalb empfand er ihren Ärger fast als etwas Wohltuendes und vernahm ihre wirren Vorwürfe lieber, als er je zuvor ihre wohlberechneten Sentenzen gehört hatte. Endlich versagte ihr die Stimme, und sie lehnte sich halb weinend, ratlos und atemlos vor Erregung an den Gartenzaun, an welchem sie gerade entlang wandelten. Ricchiari blieb vor ihr stehen und betrachtete sie nachdenklich. Sie stand, schön wie immer, vor der hohen grünen Sträucherhecke, in deren Zweige sie, mit rückwärts emporgreifenden Armen, die Hände verschlungen hatte, als wolle sie sich daran aufrechterhalten. Sonnenlicht und Schatten der windbewegten Blätter spielten rieselnd auf ihrem Antlitz und auf ihrem weißen Kleide, so daß ein Schleier goldener Wellchen die Erregung ihrer Mienen und das Zittern ihrer Glieder verhüllte und ihre ganze Gestalt so in wogendes Funkeln auflöste, daß sie, aus geringer Entfernung gesehen, fast wie etwas Überirdisches erscheinen mußte, etwa wie eine Dryade, die sich schemenhaft leuchtend aus dem frühlingshellen Geäste erhob. Solch ein Naturwesen, mehr oder weniger als Mensch, tückisch, süß und verführerisch zugleich, mußte der geblendete Doktor in diesem Augenblicke doch zu sehen glauben, denn er erlag dem Zauber, und seine Wehrhaftigkeit splitterte um ihn wie ein Panzer von Glas. Mag nun sein, daß die Stimmung des blütenübersponnenen Sträßleins, das weit hinaus in freundliches grünes Land zu führen schien, der weiche Maiduft des Himmels und Frühlingsstimmen junger Vögel nah und fern die Wirkung des holden Bildes verstärken halfen – kurz, der Mann fühlte sich innig gerührt und zu jedem Verzeihen geneigt, so daß er nähertrat und bereitwillig Rede stand. Dabei konnte er es sich dennoch nicht versagen, ihr seine Meinung ordentlich klarzulegen, und so kam ein gar wunderlicher Sermon zustande, den ich aus mancher Andeutung Sabinens und aus später selbst miterlebten Wiederholungen ähnlicher Szenen wohl zu rekonstruieren vermag.
»Haben Sie denn«, so etwa mochte der Doktor schmälen, »je ein edles Gefühl um seiner selbst willen gehegt? Haben Sie nicht alles, was Sie taten, um der Leute willen getan? Haben Sie nicht früh schon durch Kleidung und Auftreten bewiesen, daß Sie Aufmerksamkeit zu erregen wünschten? Haben Sie nicht ein braves und anerkennenswertes Streben der modernen Frau, das Streben nach Bildung und Wissen, dadurch erniedrigt, daß Sie lauen Herzens und nur deshalb an den Altar der Athene getreten sind, weil es heute noch für ungewöhnlich gilt? Dies alles wäre noch zu verzeihen. Auch daß Sie Almosen geben, weil es zum guten Ton gehört, will ich Ihnen nicht zu hoch anrechnen, denn ihr kurzdenkenden Frauen könnt das Unheil nicht übersehen, das eure Wohltätigkeit en décolleté anrichtet. Aber Sie haben mit dem Dinge gespielt, das jede echte Frau als eine Offenbarung von oben in demütigen Händen empfängt. Sie haben mit Ihrer Liebe Parade geritten vor klatschlustigen Basen, Sie haben Männer angezogen und abgestoßen, um von sich reden zu machen, und Sie haben den, der mit gläubigem Herzen Ihnen entgegenkam, nicht minder geäfft als die Menge Ihrer Zuschauer, um deren Beifall es Ihnen so sehr zu tun scheint. Denn Sie gaben ihm ein Recht, an Liebe zu glauben, und Liebe haben Sie nie gefühlt, nur eitle Selbstüberhebung und Hochmut, die beide Tugenden galten, von denen Sie nur den Schein besitzen. Wie dürfen Sie nun noch Anspruch erheben auf eines ehrlichen Mannes Gefühl? Ich für mein Teil mag keine Schauspielerin zur Frau, und so innig lieb ich Ihr schönes Bild leider im Herzen halten muß, so wenig werde ich mich dazu hergeben, Ihren Partner zu spielen. Denn die Rolle, die Sie mir in Ihrer Komödie eines romantischen Ehestandes zudenken, gefällt mir nicht – und übrigens ist die Sache bei mir, Gott sei's geklagt! etwas mehr als Komödie!«
So gestand der Doktor seine Liebe und verschwor sie im selben Atem, und Sabine hing wie ein windbewegtes Blatt zwischen Himmel und Erde, zwischen Freude und Scham, zwischen höchstem Triumphgefühl und tiefster Erniedrigung. Tränen, halb des Zornes und halb der Rührung, traten ihr in die Augen, und sie empfand in dieser Stunde, was auch die seichteste Frau nicht ohne Seligkeit empfinden kann, die Herrschaft und Überlegenheit eines starken und geradsinnigen Mannes. Wie nun auf jedes Weib diese Erkenntnis des Untergeordnetseins viel eher beglückend als verletzend wirkt, so ward auch für Sabine die Beschämung selbst zu einer Quelle der Lust, und sie wünschte nichts sehnlicher, als daß der Doktor bis in alle Ewigkeit fortfahren möchte, sie zu schelten. Er fügte auch noch ein gut Teil bei; und sooft er aufhören wollte, sah Sabine ihn mit zwar feuchten, aber so strahlend glücklichen Blicken an, daß er schnell wieder einsetzte, weil ihm schien, sie sei noch lange nicht so zerknirscht und schuldbewußt, wie sie von Rechtes wegen hätte sein müssen. Bald wurde er dann wieder härter, als er beabsichtigt hatte, und nun faßte er ihre Hand, um durch einen sanften Druck und etwa ein Streicheln da versöhnend entgegenzuwirken, wo seine bitter wahren Worte zu tief verwunden mußten. Und so zwischen Grausamkeit und Liebe schwankend, nahm er Sabinen endlich an sein Herz und bedeckte sie mit Küssen, dazwischen hoch und teuer schwörend, daß er sie nun und nimmer zur Frau haben wolle. Sie aber, von einem neuen Gefühle ganz verwirrt und betäubt, ließ alles über sich ergehen und fragte in diesem Augenblicke sogar nicht einmal, was die Leute dazu sagen würden, die ab und zu durch das grüne Sträßlein spazierten und mit Lachen dem wunderlichen Paare nachblickten.
Es versteht sich von selbst, daß Ricchiari trotz all seiner grimmen Vorsätze um Sabinens Hand warb und daß er sie erhielt. Der brave Mann stellte sich entschieden und tapfer auf die Seite der Liebe, besiegte das Widerstreitende in seiner Brust und verzieh dem holden Frauenbilde nicht nur alle früheren Torheiten, er bemühte sich sogar, in noch bestehende und fortwirkende sich zu finden oder sie wenigstens mit Anstand zu ertragen. Ricchiari sah seine Frau hundertmal des Tages an und fühlte, daß er sie bei jedem Blicke heißer liebte als zuvor. Er führte sie bald darauf hinweg nach der kleineren Stadt und hoffte sie dort in der Stille und Zurückgezogenheit in kurzer Zeit zu größerer Sinnesschlichtheit umzubilden und das Lautere ihres Wesens, woran er nun einmal glaubte, von anhaftendem Flitter zu reinigen.
Leider mußte er nur zu bald erkennen, daß er sich hierin vergriffen hatte. Die in der großen Stadt eine Rolle gespielt hatte, glaubte sich in der kleinen noch viel mehr berechtigt, alle Augen auf sich zu ziehen. Die Feindseligkeit und das Mißtrauen, die ihr allenthalben entgegentraten, reizten sie nur zu neuen Künsten. Und da sie bald herausgefunden hatte, daß dem beschränkten Geiste ihrer Mitbürger nur durch eine einzige Eigenschaft zu imponieren war, nämlich durch Tugendhaftigkeit, so warf sie sich mit ihrem ganzen virtuosen Anpassungsvermögen nach jener Seite hin und stellte alle Penelopen und Kornelien der Welt durch ihre Leistungen in Schatten. Zugleich aber begann jetzt für Sabine wie für ihren Gatten ein Martyrium schlimmster Art; es fing damit an, daß Sabinens Gefühl für den Doktor mit seiner Neuheit dahinging. Wohl hatte die Macht von Ricchiaris ehrlicher Gesinnung, seine Offenheit, sein Zorn, kurz, die Äußerung seiner Männlichkeit so überwältigend auf das Wesen mit den verschrobenen Neigungen gewirkt, wie eben das Wahre und Gewaltige dem Gekünstelten gegenüber wirken muß. Einer wirklichen Liebe war Sabine Ricchiari nicht fähig, und von der angenehmen Verwirrung ihrer Sinne war nichts geblieben als eine Empfindung höchsten Unbehagens dem Manne gegenüber, der so scharf in jeden Winkel ihrer Seele zu leuchten wußte; denn Sabine ahnte wohl, daß es keine wertvollen Funde in diesem Inneren aufzudecken gab. Das Unbehagen steigerte sich nicht selten zur Angst. Und diese Angst war es, die sie verhinderte, ihre Schauspielkunst, die sie gegen Fernerstehende so glänzend behauptete, auch da zu versuchen, wo es am meisten gelohnt hätte: Sabine konnte ihren Gatten nicht glauben machen, daß sie ihn liebte.