Es sei hier nun gleich betont, daß ich kein so unbedingter Bewunderer der tugendhaften Sabine Ricchiari war, wie der Chor der Basen und Nachbarinnen; wie ich denn auch anfangs kein Verdammer ihrer Anmut gewesen war. Ich hatte zwar – leider hatten mich schlimme Erfahrungen dazu berechtigt – die auffallende Ungleichheit zwischen Mann und Frau nicht ohne Unruhe sehen können. Denn war auch der Doktor tüchtig in seiner Kunst, pflichttreu, redlich und von beherrschtem, würdigem Wesen, so habe ich es doch nie erlebt, daß Frauen vor solchen Eigenschaften sonderlichen Respekt haben; und die, denen ein Weib gerne erliegt, besaß Ricchiari nicht. Aber ich hatte doch das gesetzte Wesen der Frau erkannt, das leidenschaftliche Verirrungen ausschloß. Dieselbe Eigenschaft der Sabine aber, die mich ihr zu Anfang nichts Schlechtes zutrauen ließ, hinderte mich nun daran, ihr nur Gutes zuzutrauen: denn ganz ohne Zweifel war Sabine eine kalte Natur, und ihre Vortrefflichkeit baute sich mehr auf Überlegung als auf irgendwelche Herzenseigenschaften. Und wenn ich nun auch um so mehr eine mit Ausdauer geübte Willensbeherrschung in dieser Frau bewundern mußte, so konnte mir doch diese ganze starr festgehaltene Unfehlbarkeit im Grunde nicht recht gefallen. Man wird mir zugeben, daß wir Männer in diesem Punkte unlogisch sind; aber ich wette, man wird mir nachfühlen: lieben wir es schon, daß Frauen, die wir verehren sollen, rein und stark in ihrer Tugend seien, so lieben wir es doch auch, sie gegebenenfalls einer Schwäche mindestens fähig zu wissen. Und eben diese Fähigkeit schien Sabinen zu fehlen. Ich hatte Gelegenheit, sie ziemlich genau zu beobachten; war ich doch, dank meines Priesteramtes und dank der – Korrektheit, die Sabinens Verkehrswahl bedingte, ein vertrauter Gast im Hause des Doktors. Und daß ich es nur gleich sage: nie habe ich Sabinen gereizt, nie eigensinnig, nie vergnügungssüchtig, nie begehrlich nach Tand oder Schmuck gesehen; aber auch nie in weicher Stimmung, nie in Tränen, nie in überschwenglicher, voller, jugendlicher Freude. Ihr ganzes Wesen stellte eine bis zum äußersten geglättete Fläche dar; aber, wenn ich das Bild vollenden darf: nicht Marmor, der unter dem Schliff das köstliche Geäder, sein inneres Leben, erst recht schön entfaltet, sondern irgendeinen Kunstguß von Metall, der nur glänzt und seine reinliche Außenseite in Wind und Wetter blank erhält; sonst aber nichts von eigener, in seiner Struktur begründeter Schönheit besitzt. Um Schillers hohe Forderung gegen diesen seltsamen Frauencharakter auszuspielen: Sabine Ricchiari war eine Natur, die eben unausgesetzt nötig hatte, »edel zu wollen«, weil sie ganz und gar nicht imstande war, »schön zu empfinden«. Freilich hatte sie es in der Anwendung dieses Wollens zu unerhörter Fertigkeit gebracht – das sollte mir später noch klar werden.

Die Eindrücke, die dies mein Urteil über Sabine Ricchiari begründen, lagen zu der Zeit, von der ich spreche, natürlich gleichsam schlummernd in mir; ich hätte damals nicht vermocht, sie zu irgendeinem Ausdrucke zu gestalten, ja, ich gab mir kaum Rechenschaft darüber. Ich war mir nur eines leicht abweisenden Gefühles gegen die vielbewunderte Dame bewußt, welches sich gerade dann regte, wenn ich sie in schwieriger Lage mit beängstigender Sicherheit das einzig Richtige und Wohlanständige treffen sah, das es für sie zu tun gab. So geschah es zum Beispiel öfters, daß der Doktor in einer Anwandlung von Laune, wie sie auch bei trefflichen Männern wohl vorkommen mag, seine Frau vor Zeugen hart anließ; dann benahm Sabine sich mit solch einzigem Anstande, daß man ihr Bewunderung nicht versagen konnte. Dennoch schien mir, als täte sie es ohne Anstrengung, als erlitte sie die Kränkung von einem Fremden, dessen Meinung ihr nichts galt, oder als eifere ein Machtloser gegen sie, der sie in ihrer Hoheit nicht verletzen konnte. Ich, der ich den Doktor liebte, empfand für ihn die Geringschätzung, die in dieser Sachlichkeit lag, womit Sabine seinen Schwächen gegenübertrat; und wohler wäre mir um seinetwillen gewesen, hätte sie sich bei solchen Gelegenheiten manchmal kindisch, trotzig, erregbar gezeigt. Ebenso erging es mir, als Ricchiari einmal bedenklich erkrankte: Sabine pflegte ihn mit beispielloser Pflichttreue und Geduld. Aber ihr Aussehen veränderte sich bei dem schwierigen Krankendienste nicht, ich sah sie nicht verhärmt, als er dem Tode nahe schien, sah sie nicht in jubelnder Seligkeit aufblühen, als die Rettung gewiß war. In ähnlicher unentwegter Fassung stand sie auch ihren Kindern gegenüber, ihren kleinen Unarten, ihren allerdings unbedeutenden Krankheiten. Und ich kam mir damals oft selbst töricht und sogar böse vor, weil eben diese Gleichmäßigkeit ihres Wesens mir nicht recht zusagen wollte, während doch jedermann sonst sie darum bewunderte und verherrlichte. Aber ich kam nicht gegen mein Empfinden auf.

Als Sabine eine mehr als zehnjährige Ehe hinter sich hatte – sie stand nun in der Mitte der Dreißig, trat ein Ereignis ein, welches mir Gelegenheit gab, Sabinens Wesen und Entwicklung aus ihrem eigenen Munde kennen zu lernen, zugleich auch mein dunkles Gefühl zum klaren Verständnis ihrer Art auszubilden. Das Ereignis war ein solches, das die ganze Stadt, Beteiligte und Unbeteiligte, heftig erschütterte und selbst in den seichtesten Seelen eine Ahnung weckte von der Sturmgewalt der Elemente, die in Tiefen toben können. Einer der jungen Rechtsgelehrten, die dem in unserem Städtchen tagenden Gerichtshofe beigegeben waren, ein Sohn guter Eltern, aus begüterten Kreisen stammend, aus einer größeren Stadt zugezogen – ein Jüngling von äußerst einnehmendem und freundlichem Wesen, der sich großer Beliebtheit unter den besten Menschen des Landes erfreute: wurde eines Morgens mit durchschossener Schläfe tot in seinem Bette gefunden. Ein hinterlassener Zettel kündigte Selbstmord aus verschmähter Liebe an, aber in so rührender Art, so schlicht zum Herzen sprechenden Ausdrücken, daß auch der böseste Skeptiker nicht zu lächeln gewagt hätte. Der Name des Weibes, das den armen Knaben in den Tod getrieben, war begreiflicherweise nicht genannt; aber der Instinkt der Menge, der in solchen Dingen fast immer richtig geht, bezeichnete Sabine Ricchiari als die Urheberin der Tat. So wie der Vorfall sich darstellte, schien diese Annahme allerdings glaublich: Sabine war in der Tat reizbegabt genug, um eine verheerende und alle Fesseln sprengende Leidenschaft zu entflammen; kein Mann wäre zu verdammen gewesen, der für dieses Götterbild das Letzte gewagt hätte; und andererseits machte Sabinens anerkannte Tugend jeden Wunsch von vornherein zu einem hoffnungslosen. Das war die Erläuterung, die die öffentliche Meinung gab: entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit schienen alle Lästerzungen geneigt, die edelsten Beweggründe auf beiden Seiten anzunehmen. Fama drapierte sich romantisch. Und wenn etwas imstande war, Sabine Ricchiaris Ansehen und Beliebtheit in der Stadt noch zu steigern, so war es dieser Vorfall, die letzten Worte eines Todbereiten, die ihre ehrenfeste Unbesiegbarkeit mit solch tragischem Nachdruck verkündeten.

Die öffentliche Meinung sieht meistens richtig, aber niemals tief; Tatsachen bleiben ihr selten verborgen, Beweggründe immer: das Ereignis war genau so vor sich gegangen, wie der Stadtklatsch annahm – und doch, wie anders! wie furchtbar anders! –

Man hatte die Verwandten des Jünglings von dem Selbstmorde benachrichtigt, doch gab es keine Möglichkeit ihres Eintreffens vor dem späten Nachmittage. Weil ich das verblendete Kind lieb gehabt hatte und weil mir das Herz blutete um sein Schicksal, so übernahm ich es, bei ihm zu bleiben und seinen letzten Schlummer zu hüten, bis das Gebet seiner Mutter das meinige ablösen würde. Ich ließ den Leichnam auf reinem Bette aufbahren, setzte mich neben ihn und blickte unverwandt in das sanfte, stille Gesicht, als könne es mir noch Antwort geben auf die bittere Frage, die mich, der ich weniger hurtig schloß als die Menge, unablässig quälte: »Wie hat es so weit kommen können?« Ich hatte den Jüngling als einen stäten und tüchtigen gekannt, ohne Überspanntheit und ohne Pose. Was hatte er leiden müssen, was erkennen, bis er diesen letzten Verzweiflungsschritt unternommen hatte? In mir zitterte alles vor Mitleid und Schmerz, ich fühlte die Tränen über meine Wangen rinnen, und mehr als einmal beugte ich mich über den Toten und küßte seinen kalten Mund in einer traurigen Hoffnung, es möchte die Seele, die diesem Leib entflohen, noch irgendwo in der Nähe weilen, mein Leid und meine Liebe mit ansehen und als Trost empfinden. Da geschah es, daß ich plötzlich, den Kopf von meiner schmerzlichen Liebkosung erhebend, Sabine Ricchiari im Zimmer stehen sah. Sie war geräuschlos eingetreten und zwischen dem Bette und dem Fenster stehen geblieben, so daß sich nur ihr großer schwarzer Schattenriß in unheimlicher Starrheit vor mir erhob. Ich fuhr auf mit einer Regung des Hasses gegen sie; denn mein Gefühl, das nie unbedingt zu ihren Gunsten gesprochen hatte, schrie in diesem Augenblicke blindlings, jede Reflexion niederdonnernd, ein »Schuldig!« über sie. Meine Augen mußten deutlich sprechen, was ich empfand, denn sie trat einen Schritt zurück und senkte das Haupt langsam tiefer und tiefer. Dann hörte ich, daß sie weinte; und weil mich das bei ihr, die ich keiner redlichen Träne für fähig gehalten, überraschte und ergriff, wie es mich noch bei keiner Frau ergriffen hat, so fühlte ich schnell meine Stimmung gegen sie sich erweichen und näherte mich ihr, um ihr die Hand zu reichen. Dabei sah ich ihr Gesicht – und jetzt umschloß mein Mitleid sie ganz! Sie aber ergriff meine Hand nicht, sondern meine versöhnliche Geste für ein Zeichen der Verzeihung nehmend, das ihr freien Zutritt zu dem Toten gewährte, eilte sie an mir vorüber nach dem Bette, über welches sie sich mit dem ganzen Leibe warf, ihre Lippen auf die des Verblichenen pressend und mit den Armen seine Schultern und seinen Kopf umklammernd. Es lag eine Heftigkeit der Leidenschaft in dieser Bewegung, die grauenhaft gewirkt hätte einem Lebenden gegenüber; an dieser fühllosen Masse, die schlaff und kalt in ihrer Umarmung hing, stellte sich der Anblick ihrer Raserei geradezu haarsträubend dar. Besonders entsetzlich war die Art, wie der bleiche Kopf, den sie wiederholt emporriß, immer wieder über ihren Arm zurück und zur Seite sank, als wolle er sich den allzuspäten Liebkosungen jetzt verachtungsvoll abwehrend entziehen; so schien es Sabine auch zu nehmen, denn ihre Gesten wurden wilder, ihr Weinen lauter bei jeder derartigen Bewegung. Ich stand sprachlos dabei, fühlte Schauer um Schauer über meinen Rücken rinnen und vermochte nicht, dem Tun der Frau zu wehren. Sie aber, nachdem sie das Gesicht des Toten und seine Brust mit solchen Küssen bedeckt hatte, und unter solchen Ausrufen und Seufzern, wie die Verzweiflung fruchtloser Reue sie lehrt, erhob sich endlich rasch und wollte aus dem Zimmer huschen, wie sie hereingekommen war. Da ereilte ich sie an der Tür und verstellte ihr den Ausgang, denn ich dachte nicht anders, als daß auch sie jetzt in den Tod zu rennen beabsichtige. Sie kehrte um, setzte sich auf den nächsten Stuhl und suchte augenscheinlich in schwerem Kampfe ihre Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. Ich erinnere mich nicht, ob ich ihr zugesprochen habe; mit meinem Herzen tat ich es gewiß, aber in mir schrien so viele Stimmen durcheinander, daß ich nicht weiß, ob ich wirklich zu Worte gelangt bin oder ob ich die Laute nur geträumt habe, die meine bebenden Lippen zu formen suchten. Immerhin beruhigte die entrückte Frau sich endlich und kehrte zur Wirklichkeit zurück; ihre Augen begegneten wieder und hafteten diesmal an den meinen, in denen sie wohl das heißeste Erbarmen lesen mußte. Dann setzte sie sich neben das Bett, das sie nun mit einem rührenden Ausdrucke mütterlicher Geschäftigkeit in Ordnung brachte, und schließlich begann sie in schauerlich ruhigem Tone den Hergang der Sache zu erzählen.

2.

Sabine war ein Kind von unvergleichlicher Anmut gewesen, und da war es denn nur zu begreiflich, daß sie in Aller Mienen der Wirkung ihrer eigenen Zauberhaftigkeit nachspürte und es zur Aufgabe ihres kleinen Lebens machte, diese Wirkung nach Möglichkeit zu verstärken. Dabei experimentierte sie förmlich mit der Tragfähigkeit dieses Magnets: denn sie trug Farben und Gewandformen, die an anderen Mädchen gewagt erschienen wären, und triumphierte innerlich, wenn ihre Schönheit das Unmöglichste und Heterogenste zu einem gefälligen Eindrucke verband. Auch gelang es ihr öfters, selbst die Mode zu beeinflussen, indem sie durch die Macht ihrer Erscheinung die Augen ihrer Geschlechtsgenossinnen blendete, so daß jene das Kleid von der Trägerin nicht mehr zu unterscheiden vermochten und sich für schön hielten, wenn sie trugen, was an Sabine Ricchiari schön erschien So sicher aber diese ihrer äußeren Vorzüge war und so viel sie darauf wagen konnte, so genügte ihr dies doch keineswegs; sie hätte nun auch gerne durch Gaben des Geistes und der Seele allen anderen Frauen den Rang abgelaufen und empfand es höchst schmerzlich, daß ihr hervorragende Talente versagt waren, die ihren Namen durch die Lande trügen. Deshalb aber nicht eingeschüchtert, warf sich Sabine auf das »Fach«, in welchem Lukretia und andere hohe Frauen der Geschichte sich mit Glück betätigt hatten: auf die Tugend. Und sie faßte diesen Begriff in seinem weitesten Sinne.

Als Kind hatte Sabine Ricchiari nicht gerne gelernt. Da sie heranwuchs, beobachtete sie, daß jedermann einen gewissen Grad von Albernheit und Denkfaulheit als Vorrecht ausnehmend schöner Personen für zulässig zu halten schien Das erbitterte sie sofort aufs höchste als eine Beleidigung, die ihr mehr galt als tausend anderen, minder reizenden Frauen. Und hier sprang nun der gefährliche Zug ihres Wesens mit einer ganz wohltuenden Wirkung ein: denn, beharrlich und energisch, wo es ihrer Eitelkeit galt, zwang Sabine ihren flattersüchtigen jungen Geist in eine Zucht, die alle Welt in Erstaunen setzte. Bald erlebte sie die Freude, daß man laut und leise ihren Fleiß und ihr ernsthaftes Streben noch höher als ihre Anmut pries, und ehe sie achtzehn Jahre alt war, konnte sie schon mit vollem Rechte das kühne Wort sprechen: »Müssen denn alle tüchtigen Frauen häßlich sein und nur häßliche tüchtig? Ich denke zu beweisen, daß man körperliche und geistige Bildung vereinigen kann!« Dabei fiel ihr das Studium vieler Wissenszweige durchaus nicht leicht, und nur der maßlose Ehrgeiz, ein Frauenbild von nie dagewesener Vollkommenheit darzustellen, hielt sie in Stunden tiefer geistiger Erschöpfung aufrecht. Bei solchen Beschäftigungen mußte sich ihr notgedrungen die Zeit kürzen, die andre junge Mädchen ihres Kreises auf Tanz und Flirt verwendeten; jedoch empfand Sabine dies durchaus nicht als Verlust, da ihr Siege auf diesem Felde allzu sicher waren, und wenn sie sich unter die Spiele der Geselligen mischte, so war's nur, um durch verspätetes Erscheinen und frühen Abgang die Leute zu erinnern, daß sie Besseres zu tun hatte. So albern nun dies Tun an sich erscheinen mag, so trug es doch für Sabine bessere Früchte, als sie eigentlich verdient hätte. Denn darin ist die Wissenschaft, die Göttin, dem sterblichen Weibe gleich, daß sie ihre Bewerber nicht leicht auf die Redlichkeit ihrer Gesinnung prüft und auch den mit Segenshänden beschenkt, der nur mit ihr tändelt. Was Sabine Gutes, Klares, Großzügiges in ihrem Charakter hatte, war ihr als unverdiente und ungewollte Beute aus der Zeit dieser Raubzüge in das reine Land des Gedankens geblieben.

Aber nun kam Sabine in das Alter, wo die höchsten Lebensfragen an ein Weib herantreten, und leider machte sich auch hier wieder die Sucht, das Ungewöhnlichste, das völlig Unerwartete zu tun, zu ihrem Schaden geltend. Sie war – schön, gebildet und überaus sittsam, wie sie sich stets gezeigt hatte – von zahlreichen Bewerbern umschwärmt und hätte unter den Männern ihres Kreises den Besten und Begehrtesten zu ihren Füßen sehen können. Aber Sabine bildete ihr Urteil über Männer nach eigener Art. Die naive Siegessicherheit, mit welcher heutzutage ein Mann, der seinen Wert kennt, ein Weib zu nehmen pflegt, erbitterte und beleidigte sie, die sich selbst als etwas Einziges und Unvergleichliches geschätzt zu sehen wünschte, nicht wenig. Sabine wollte Werber im Minnesängerstil. Dafür war sie auf der anderen Seite höchst anspruchslos, denn kein äußerer Vorzug des Mannes sollte ihre Wahl bestimmen; freie, reine Neigung beider Herzen allein sollte den Ausschlag geben und – Bedingung sine qua non! – das Publikum vor allem sollte von dieser reinen Neigung überzeugt sein. So, damit auch ja nicht der leiseste Vorwurf einer Bestechlichkeit erhoben werden konnte, wandte das törichte Fräulein sich sofort und demonstrativ von allen glänzenden, angesehenen und vielbegehrten Männern hinweg und solchen zu, die von Frauen übel behandelt, von Kritikern verkannt, von Vorgesetzten übersehen und von rassestolzen Aristokraten geächtet wurden. Und man konnte hinfort auf allen Festen das sonderbare Schauspiel genießen, das schönste Mädchen der Stadt mit einem Gefolge zweifelhafter Gestalten einherwandeln zu sehen, an denen sie eifrig und ernsthaft ein Werk der Veredlung zu betreiben suchte, das indes sehr selten mit einem Gelingen lohnte. Denn Männer pflegen es sehr übel aufzunehmen, wenn ein Weib sie »zu sich emporziehen« will – und ich weiß nicht, ob ich ihnen darin nicht recht geben muß.

Es konnte nicht fehlen, daß Sabine in diesem Umgange ein paar schlimme Erfahrungen machte, die ihr indes glücklicherweise nicht so zum Verderben ausfielen, wie es wohl hätte sein können. So befand sich unter den Unbegehrten, die sie zu beschenken glaubte, ein junger Naturforscher von beträchtlicher Häßlichkeit, deren Wirkung noch verstärkt wurde durch den Hochmut, mit welchem der Mann alle gefälligen Formen in Rede, Kleidung und Auftreten verschmähte. Er war aus Arbeiterkreisen hervorgegangen, recht im vollsten Sinne des Wortes ein geistiger Selfmademan, und allerdings sehr bedeutend in seinem Fache. Aber er setzte einen törichten Stolz darein, das Plebejertum, dem er angehört hatte, auf drastische Weise darzulegen, und scheuchte feinfühlige Frauen von sich durch die Derbheit seiner Ausdrucksweise sowohl wie durch die Gehässigkeit, die er denen gegenüber zur Schau trug, die sich feinerer Sitten befleißigten. Auf ihn konnte mit Recht das drollige Wort angewendet werden, er habe »zwei Rücken«; denn bei Gastmählern, zu denen er freilich selten genug gebeten wurde, brachte er es fertig, seinen beiden Nachbarinnen zugleich den Rücken zu kehren – und das schlimmste war: sie zogen sein unartiges Schweigen seiner Konversation vor. Das war ein Objekt für Sabine! Mit dem raschen Schlußvermögen, das sie auszeichnete, stellte sie fest, daß eben diese Gehässigkeit gegen alles Glatte und Vornehme einem tiefen Bewußtsein eigener gesellschaftlicher Unzulänglichkeit entsprungen sei, und daß der rauhe Mann nur deshalb nicht manierlich sein wollte, weil er klar empfand, daß er es nicht sein konnte. Sie sagte sich, daß er wußte – und wahrlich nicht zu seinem Behagen wußte –, an ihm müsse Kultur zur Karikatur werden. Deshalb hegte sie Mitleid für ihn und beschloß, die erste zu sein, die seinem hervorragenden Verstande und seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit volle Ehre antat, ohne sich durch seine ungeschlachte Art und böse Sitten beirren zu lassen. Und sie erwählte ihn förmlich und feierlich zu ihrem Höflinge und war holdseliger zu ihm, als ihr dabei eigentlich ums Herz war; denn sie mußte sich alle mögliche Gewalt antun, um den Widerwillen zu überwinden, den seine physische Erscheinung, seine zynische Rede und häufige lästerliche Flüche ihr einflößten.