Aber der Ratsherr stand selber da, wie vom Wetter getroffen. Ein so schneller, klarer Denker er auch sein mochte – diese Offenbarung nach allem Vorhergegangenen verwirrte ihn. Daß Gabriele an der Überlast eines großen Haushaltes, einer stets belebten Kinderstube und vielen neuen Kenntnissen, in die sie erst hineinwachsen mußte, erkrankt war, hatte er begriffen; daß ein täglicher, regelmäßiger Schlaf sie geheilt, war natürlich. Aber jetzt –? Da sie nicht geschlafen hatte und doch geheilt war, stand das Rätsel ihrer früheren Krankheit wieder ungelöst da, vermehrt um ein neues, noch verwirrenderes! Es bedurfte der ganzen weiblich-schönen Herzensgüte und auch der ganzen Selbstbeherrschung des Mannes, um hier nicht, was er für eine äußerst verworrene und dunkle Sache hielt, durch ein hartes Wort für immer um seine Aufklärung zu bringen. Er wagte fürs erste überhaupt nicht zu sprechen, sondern betrachtete nur immer mit neuem Staunen die wunderbare Spitze. Aber die Frau, als sie nach einer langen Weile es endlich wagte, zu ihm aufzublicken, konnte unschwer erkennen, daß er keineswegs zürnte, sondern bloß sehr angestrengt nachdachte. Da trat sie an ihn heran, legte leise die Hand auf seinen Arm und flüsterte: »Ich glaube es wohl, daß ich dir verrückt erscheinen muß!«
Er nahm ihre Hand und sagte lächelnd: »Ich will nicht leugnen, daß ich dich nicht ganz begreife. Wie kamst du darauf, eine solche Arbeit zu beginnen, da du doch sonst genug zu tragen hattest?« Da erzählte ihm Gabriele, so gut sie es eben verstand, von der zwingenden Lust, die sie dazu getrieben, und wie sie mit schlechtem Gewissen, aber doch mit Seligkeit an dem Werke geschafft hätte und es nicht hätte lassen können. Sie beschrieb auch ein wenig, wie ihr jede Arbeit verklärt und verschönt erschienen sei im Freudenschimmer eines schöpferischen Siegbewußtseins, und auch von ihrer Angst erzählte sie und wie sie schließlich gegen ihren Willen, gleichsam durch die Macht ihres Geschaffenen selbst zum Bekenntnis gezwungen worden sei. Es war alles ein wenig verworren und unzusammenhängend, denn es war das erste- und wohl auch das letztemal im Leben, daß Gabriele über sich selbst zu sprechen hatte, und es fiel ihr gewaltig schwer. Aber der Ratsherr schien doch etwas davon zu verstehen, wenigstens ging es wie Wechselspiel von allerlei Lichtern über sein Gesicht. Dann fragte er sehr ernst und sehr eindringlich: »Nun sage mir eines, Gabriele, was mir wichtiger zu wissen ist als alles übrige: bist du mir nun tatsächlich genesen, oder ist das nur ein frommer Betrug vor dir selbst, der deinen Ungehorsam rechtfertigen sollte, und fühlst du dich am Ende noch kränker, als du es zeigen willst?«
Da mußte Gabriele lachen in all ihrer Bangigkeit. »Siehst du mir das nicht an, Liebster? Mußt du nicht glauben, daß das Rot meiner Wangen echt ist, da es diesen Tränen widerstanden hat?«
»Man sollte es meinen,« sagte er mit humorvoller Grimmigkeit. »Aber ihr Weiber würdet den Teufel zum Narren machen mit eurer Verschlagenheit.« Dann nahm er sein Weib in den Arm, liebkoste es innig und fuhr fort: »Es war gut, daß du dieses Kleid angezogen hast, du Dreimalkluge! Denn dieses Kleid hat mir die Augen geöffnet, wer du eigentlich bist, und jetzt weiß ich auch, woran du erkrankt warst und wodurch du genesen bist. Nun sollst du mir auch nicht mehr darben.« Und er küßte sie nur noch herzlicher, so daß sie beglückt seine Güte und sein volles Verstehen empfand. –
Der Ratsherr hielt Wort. Wie er mit eiserner Strenge dafür zu sorgen gewußt hatte, daß inmitten all der unberechenbaren Zufälligkeiten eines großen Haushaltes der Schlaf seines Weibes nie ohne zwingende Not gestört wurde, so sorgte er jetzt dafür, daß Gabriele die einmal eingeführte Ruhestunde festhielt und sich ganz ihrer stillen Lust darin ergab. Gabriele selbst hatte sich anfangs dagegen gewehrt, aber die einmal aufgedämmerte Erkenntnis brach von Tag zu Tag zu neuer Klarheit durch, und bald war Gabriele dem Gatten dankbar. Und weder er selbst, noch der Haushalt, noch Kinder, noch Gäste kamen zu kurz durch diese Erweiterung von Gabrielens Tätigkeit. Wie ein Gebet oder ein frommes altes Lied labte und reinigte diese Stunde ihre Seele, stärkte sie zu neuem Lebenskampfe, machte sie hellsehend und gütig. Alles Schwere, was an sie herantrat – und es wurde dessen mehr, wie die Kinder heranwuchsen und eigene Wege suchten – löste sich in sanfte Harmonie, sobald der leise Tanzschritt der Klöppelelfen erklang. Die guten Gedanken tauchten aus den lichten Gebilden empor, die Gabrielens Hand entwarf: nicht einzeln kamen sie, sondern in langen freundlichen Reihen, und sie umschlossen Gabrielens ganzes Leben und ihr ganzes Haus.
Die Tugend der Sabine Ricchiari
1.
Ich war, als ich Sabine Ricchiari verstehen lernte – gekannt hatte ich sie schon seit zehn oder zwölf Jahren! – Seelsorger in einer kleinen süddeutschen Stadt, hatte die Fünfzig überschritten und war also in eine Lebensperiode getreten, wo man keinen mehr um seiner Sünde willen haßt, keinen um seiner Tugend willen preist, sondern alle liebt, weil man alle bedauert. Ist man einmal so weit, so fliegt einem das Vertrauen von selbst entgegen, man darf dann nur den scheuen Vogel nicht durch eine hastige Bewegung schrecken. Ich hörte manche Lebensgeschichte, dazu bedurfte ich keines Beichtstuhles. Über die nun folgende habe ich heißer gegrübelt als über sonst eine.
Sabine Ricchiari brachte durch ihre Erscheinung schon Aufruhr in unsere kleine Stadt. Sie war die Gattin eines Arztes, dessen Familie aus dem Veltlin stammte, die aber, seit mehreren Generationen in Deutschland ansässig, jede Erbschaft ihrer stolzen Abkunft verloren hatte, bis auf den klingenden Namen. Dessen gegenwärtiger Träger nun war ein so bescheidener, schlicht und nüchtern aussehender Mann, daß auch dieses karge Erbe an ihm noch wie Verschwendung erschien; denn der schöne Name wollte zu dem unscheinbaren Wesen übel passen. Er lebte einige Jahre in einer größeren Stadt, lernte dort Sabine kennen und führte sie uns zu, als er eine neue Praxis unter uns eröffnete. Nun, da ich die Frau erblickte, freute ich mich, und zwar um ihretwillen, daß der Mann nicht Schulze hieß. Denn Sabine saß der Name wie angeschaffen; sie trug das trompetenhelle Wort vor sich her, wie eine kriegerische Jungfrau eine silberne Tuba trägt; und wenn man ihre hohe Schönheit betrachtete, so genoß man es doppelt, daß man dies seltsame und bedeutende Geschöpf nicht mit einem gewöhnlichen oder gar übellautenden Worte benennen mußte.
Durch die engen und gewundenen Gassen unseres Städtchens, in denen damals noch Handwerker- und Markttreiben sich stieß und drängte wie vor hundert Jahren, war noch nicht zweimal Sabine Ricchiaris hohe Gestalt gewandelt, als schon Neugier und Tadelsucht sich an ihre Fersen hefteten. Der stille stolze Gang, womit sie die übelgepflasterten und bergigen Gäßchen beschritt, als wären es Treppen einer Königshalle und mit den weichsten Purpurteppichen belegt; der freie, klare Blick, den sie die Häuserreihen hinabgleiten ließ bis an das altersgraue Stadttor, über welches Berg und Himmel hold hereinlugten; die kecke Haltung des wohlgeformten Hauptes; nicht zuletzt auch das helle Kleid, das alles Licht der Sonne, welches die graue Umgebung so mürrisch hinweg wies, in sich allein gesammelt zu haben schien – ja, der Klang ihrer zuversichtlichen, frischen und lauten Stimme selbst irritierte dies trippelnde, kichernde, hustende und knicksende Geschlecht bis zum Haß. Sabine wirkte verfassungstörend. Die Frau mit den Großstadtsitten machte die Kleinstadtgehirne toll. Alles Überkommene drohte zu stürzen. Frauen, die dreißig Jahre lang unangefochten und sorglos den Pantoffel geschwungen hatten, wurden plötzlich eifersüchtig und – aus Eifersucht – zahm; Männer, die dreißig Jahre lang geduldig ihr Joch getragen hatten, wurden plötzlich rebellisch. Putzmacherinnen wurden erfinderisch und phantasiekühn. Ladendiener und Schreiberlein salbten ihr Haar und trugen Nelken im Knopfloch. Offiziere a. D., die längst in Biertischgemütlichkeit versunken waren, hielten plötzlich wieder auf Taille, und Referendare wurden stumpf gegen die Reize zierlicher Krawattenverkäuferinnen. Und weil Sabinens Schönheit es war, die also demoralisierend wirkte, so wurde mit promptem Schlusse die Schönheit selbst für unmoralisch erklärt, so wurde, wie auch sonst wohl geschieht, das Unnachahmliche und Unerreichbare als nicht nachahmenswert beiseitegeschoben. Sabine war ein Jahr lang oder zwei höchst unpopulär. Dennoch war sie Gegenstand der Gespräche in Gasse und Kemenate: denn männiglich wartete auf den Augenblick, wo die lästerlich schöne Fremde zu Fall kommen würde, und sieben- bis achthundert Paar Nächstenaugen paßten haßgeschärft auf die Vorzeichen eines solchen Falles. Aber sie paßten umsonst. Klar wie ein Wiesenbach floß Sabinens schlichtes Leben dahin. Stets an der Seite ihres Gatten, immer im Kreise ihrer Kinder, sah man sie laute Vergnügungen meiden und keinen anderen Umgang pflegen, als den so tugendhafter Frauen, wie nur kleine Städte sie aufweisen können. Die Huldigungen der Männer wies sie lächelnd, aber nachdrucksvoll in solche Grenzen, daß auch die bitterste Eifersucht ihr keinen Vorwurf allzuschneller Geneigtheit machen konnte. Erregte sie Aufmerksamkeit durch Gewandung und Erscheinung, so schien es doch, als beabsichtige sie nur, diese Aufmerksamkeit, einmal gefesselt, auf ihr musterhaftes Betragen zu ziehen: man sollte sie sehen, um zu sehen, daß es nichts zu sehen gäbe. Keine kokette Gebärde, kein noch so leises Augenspiel war ihr nachzusagen. Dazu war ihr Haushalt tadellos geführt mit geringen Mitteln; ihre Kinder blühten. Gegen Arme war sie äußerst freigebig, sonst jedoch sparsam, wenn auch stets auf vornehmes Auftreten bedacht. Und kurz und gut: Sabine Ricchiari erwies sich als ein solcher Ausbund trefflicher weiblicher Eigenschaften, daß langsam die neidischen Gemüter ihrer Mitbürger und Mitbürgerinnen sich wandten, zur Duldung erst, dann zur Achtung, schließlich aber zu grenzenloser und unbedingter Bewunderung. Im dritten Jahre ihres Aufenthaltes war Sabine der Liebling unseres Städtchens, wie sie in ihrer Heimat der Stolz des Kreises gewesen war, in welchem sie sich bewegt hatte. Man sprach von ihrer Tugend als von etwas Heiligem, von ihrer Treue gegen den wenig bestechenden und meist mürrischen Gatten als von einem Wunder. Um diese Zeit geschah es nun, daß eine zufällige Gesprächswendung mich darauf führte, Sabinen in Gegenwart ihres Gatten von dieser verblüffenden Wandlung der öffentlichen Meinung zu reden und ein kleines und – wie ich glaubte – wohlverdientes Kompliment daran zu knüpfen. Alsobald erschrak ich jedoch über die Miene des Doktors, die sich noch mehr als gewöhnlich verfinsterte. Von ihm hinweg zu Sabinen mich wendend, erstaunte ich noch mehr über den Ausdruck höchsten Triumphes in ihren Zügen. Mitten im Zimmer stehend, von der Lampe über ihrem Haupte in einen Mantel von Licht gehüllt, strahlte ihr hochgehobenes Antlitz wie das einer Fürstin, der man eben eine Krone zu Füßen gelegt hätte. Arglos wie ich war, verwunderte ich mich nur darüber, daß eine so kluge Frau so hohen Wert auf das Urteil der Menge legen mochte, denn offenbar war sie über die Maßen geschmeichelt und erfreut. Indes mochte ich ihr diese Schwäche wohl verzeihen; mußte aber, sechs oder acht Jahre später, mit Schmerz an diese stumme Szene denken, deren Bedeutung ich im Augenblicke nur halb verstanden hatte.