Als die Woche um war, an die Gabriele sich mit ihrem ersten Versprechen gebunden hatte, wagte der Ratsherr eine Frage: ob sie denn schon eine Veränderung in ihrem Befinden bemerke? Gabriele erschrak heftig und wußte sich nicht anders zu helfen als mit einer Gegenfrage: ob er denn eine Veränderung in ihrem Gehaben bemerke? Der Ratsherr erwiderte: »Mich dünkt, du bist froher und gleichmäßiger, auch scheint mir, du hast wieder eine lachende Erwartung im Gesicht wie einst. Ich wage es aber noch nicht zu glauben!« Da antwortete die listige Frau: »So will ich noch eine Woche versuchen, es so zu machen, wie ich es diese letzte Woche gemacht habe.«

Sie konnte sich indes nicht verhehlen, daß in der Tat eine Rückveränderung zu ihrem alten Selbst mit ihr vorging. Wenn sie sich den ganzen Morgen in der Tiefe ihres Herzens auf die kommende Stunde freute, so freute sie sich den ganzen Abend über das, was sie in dieser Stunde fertiggebracht hatte, und kam so einfach aus dem Freuen nicht heraus. Sie trug es mit sich herum wie eine liebliche Melodie, die einem auf Schritt und Tritt nachgeht. Ja, auch diese Empfindung mußte Gabriele sich eingestehen: es glitt ihr nur so unter den Händen weg, was sie sonst mit Unlust getan hatte; wenn ihr sonst der Tag zu kurz geschienen hatte für alles, was er erheischte, so war er jetzt mit einem Male um vieles länger, seit die bewußten zwei Stunden daran fehlten. Es war ihr Klarheit gekommen über das Wesen ihrer Krankheit, als sie begriff, daß die gewohnte und geliebte Tätigkeit ihr bisher an ihrem Glück gefehlt habe. Und wenn sie sich auch verwunderte, wie es hatte sein können, daß eine solche Albernheit, wie sie es nannte, ihr fast das Leben zerstört hätte, so wußte sie doch, daß dem wirklich so war. Tief dankbar empfand sie, wie Ruhe und Frohsinn sich täglich mehr in ihr und um sie verbreiteten, wie ein sanftes Licht auf ihren ganzen Lebensweg fiel.

Sie hätte gern das Wundersame und Unbegreifliche des ganzen Vorganges verstehen mögen, und es drängte sie oft, zu ihrem Gatten zu eilen und ihm ihr Gefühl zu äußern, ihn zu fragen, ob er eine Erklärung oder ein Beispiel dafür kenne. Es tat ihr weh, dies Unverstandene mit sich herumzutragen, ohne es mit ihm zu teilen, der es vielleicht verstanden hätte. Aber sie fürchtete zu sehr das Geständnis ihres Betruges. Wenn sie bedachte, mit welch rührender Treue er immer dafür gesorgt hatte, daß in jenen ihrer Ruhe geweihten zwei Stunden kein Schritt ihrer Türe sich nahe, so fand sie es unmöglich, ihm zu sagen, daß diese Sorgfalt verschwendet, seine liebende Aufmerksamkeit mißbraucht worden war. »Wenn er hört, daß ich ihn monatelang betrogen habe,« so dachte Gabriele oft mit leisem Kummer, »so wird seine Liebe zu mir verlöschen. Er ist die Wahrhaftigkeit selbst!« Und sie schwur sich zu, daß er nie um das Geheimnis wissen sollte.

Der Ratsherr küßte seiner alten Freundin die Hände und nannte sie gerührt die gütige Vorsehung seines Lebens. Die gute Matrone freute sich des Erfolges, den ihre einfache Verordnung gehabt, und Gabriele, wenn sie es hörte, lächelte beklommen und dachte bei sich: »Auch diese darf nie erfahren, daß ihr Rat unbefolgt geblieben ist. Wie würde sie sich kränken!« Und ebenso schwieg sie dem Arzte gegenüber, mit weiblicher Feinheit daran bedacht, ihm das Gefühl der Lächerlichkeit zu ersparen.

Je weiter die Arbeit fortschritt, je köstlicher und reicher die zarte Kunstfertigkeit der neugeübten Finger sich kundtat, desto stiller und seliger wurde Gabriele. Alles Irdische erschien ihr klein. Denn wahre schöpferische Kunstliebe ist nicht anders als wahrer Gottesglaube, sie leiht der Seele schöne lichte Flügel, mit denen sie über die Erde schwebt.

Zwei Stunden täglich sind eine knappe Zeit, um ein großes und allerfeinstes Werk zu Ende zu führen, und Gabriele arbeitete weit über ein Jahr an ihrer Spitze. Es kamen natürlich auch Wochen der Unterbrechung, sei es, daß ein Kind erkrankt war, sei es, daß unruhige Zeiten in Stadt und Land jede Ordnung auflösten. Dann unterwarf sich Gabriele ohne einen Schatten von Verstimmung der Entbehrung.

Endlich war das Werk vollendet. Und wie es nun so dalag, die feste und zarte Gestaltung des schönen Traumbildes, da ging die Freude, die Gabrielens ganzes Wesen verklärt hatte, in einen Sturm neuer Empfindungen auf. Mit einem heftigen Erschrecken kam es Gabrielen zum Bewußtsein, daß es jetzt um ihr Geheimnis geschehen sei: diese Arbeit ließ sich nicht verbergen! Wie ein Hammer pochte die Angst vor dem schmählichen Geständnis einer monatelang durchgeführten Unredlichkeit in Gabrielens Herzen; aber Schlag um Schlag traf einen Gegenschlag. Wie Gabriele als Mädchen gelechzt hatte nach dem verstehenden Worte, das ihrer Arbeit die Krone aufsetze, so brannte sie jetzt töricht und wild auf eine Möglichkeit der Verwendung ihres Geschaffenen. Sie versuchte die Spitze zu vergessen, aber es war ihr, als habe sie ein Kind lebendig begraben. Sie haderte mit ihrer Natur, die sie erst zu Heimlichkeiten trieb und dann zum Geständnis zwang; sie begriff nicht, welche Dämonen in ihr tätig sein konnten, hielt sich vor, daß ihr Lebensglück auf dem Spiel stehe, und gewann es über sich, vierundzwanzig Stunden nicht an die Spitze zu denken. Dann kam der Augenblick der Mittagsruhe, des Alleinseins – und da saß sie, hielt die Spitze in der Hand, saugte sich mit Blick und Geist ordentlich in jede Masche fest und fühlte, daß die Arbeit nicht fertig sei, solange sie hier in der Verborgenheit begraben liege. Und nach einigen Tagen aufreibenden Kampfes gab Gabriele ihn auf und sann nun nur noch auf die erträglichste Form, ihr Schuldgeständnis darzulegen.

Sie holte aus einem Schrank, der Abgelegtes und Ungebrauchtes barg, das Kleid hervor, das sie in den letzten Jahren ihrer Mädchenzeit getragen, das Kleid, in dem sie ihre Liebe und ihr Glück gefunden, das schlichte, dünne, ärmliche braune Kleid mit dem zierlichen Halstuch und dem reinlich gefältelten Häubchen. Sie hatte es nie übers Herz gebracht, sich von diesem Kleide zu trennen, hatte es oft mit heimlicher Rührung betrachtet, es sauber gehalten und vor dem Verfall bewahrt. Jetzt probierte sie es an und änderte flugs mit geschickten, leichten Stichen Sitz und Weite. Sie lachte ein bißchen, als sie es anzog, und freute sich, daß sie ihrem früheren Selbst darinnen gar nicht so unähnlich sah, wie man es nach sechsjähriger Ehe hätte meinen sollen. Ein schwarzer Sammetfleck fand sich auch, den spannte sie fein über ein Kissen, nadelte ihre Spitze recht anschaulich und kokett darauf und betrat, so gerüstet, ihres Mannes Zimmer.

An der Türe packte sie noch einmal die Angst, daß sie fast wieder umgekehrt wäre. Sie wagte kaum, einen Fuß vor den anderen zu setzen; es schien ihr, als müsse der Boden vor ihr nachgeben und sie hinuntergleiten lassen in höllische Schlünde. Und so, in ihrer Zaghaftigkeit, mit den gesenkten Wimpern und den von brennender Scham geröteten Wangen, glich sie so sehr der demütigen kleinen Arbeiterin von einst, daß dem Ratsherrn, der zuerst mit ungeduldigem Staunen auf die Verkleidung geblickt hatte, das Herz weit wurde. »Gabriele,« rief er zwischen Rührung und Lachen, »was soll diese Schelmerei? Willst du mir damit sagen, daß ich meine alte Gabriele wiederhabe, die ich mir aus dem Winkelgäßchen geholt?« Sie aber antwortete nicht, sondern kam langsam auf ihn zu, ohne ihn anzusehen und immer das Kissen mit der Spitze ein wenig vor sich herstreckend, als solle das Kunstwerk ihr Fürbitter sein. So mußte der Ratsherr es ins Auge fassen, und als er es tat, stutzte er und erkannte sofort, daß es eine neue und selten schöne Arbeit war; zugleich aber mußte er auch den verworrenen und gequälten Ausdruck im Gesichte seiner Frau bemerken, und es dämmerte ihm, daß da ein Geheimnis sich enthüllen sollte. »Hast du diese Spitze gemacht, Gabriele?« fragte er sanft. »Du große Künstlerin, es ist deine schönste! Aber wann und wo hast du diese Riesenarbeit schaffen können?«

Gabriele rang eine Weile mit ihrer erstickenden Angst, dann brachte sie fast tonlos die Antwort hervor: »In den zwei Stunden, in denen ihr alle dachtet, daß ich schliefe!« Dann legte sie ihr Kissen auf den nächsten Tisch, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann zu weinen. Sie dachte: jetzt kommt der Wetterstrahl, der all dein Glück zerschlägt!