Er drückte die Widerstrebende, aber schon halb Beschämte in die Kissen nieder, legte vorsichtig das schlafende Kind neben sie, nahm ihre Hand, ihren Zeigefinger und drückte ihn sacht in die Fläche des kleinen rosigen Pfötchens, das sich im Augenblick der Lageveränderung ein wenig geöffnet hatte. Augenblicklich schlossen sich die Fingerchen des Kindes um den vertrauten Gegenstand mit jenem festen, weichen Drucke, den Mütter wohl kennen. Gabriele mußte lächeln, so nah ihr sonst die Tränen gewesen sein mochten. Sie ließ das Haupt mit einer Gebärde der Ergebung in die Kissen sinken, küßte ihres Gatten liebevolle Hand und schloß die Augen.

Da sie aber wirklich nicht schläfrig war, öffnete sie sie bald wieder und lauschte weiter. Aber erstens durfte sie das schlafende Kind nicht wecken, das immer noch ihren Zeigefinger festhielt, und dann lagen ihr auch die weichen Worte ihres Gatten im Sinne, und sie dachte, daß sie es ihm schuldig sei, jedes Mittel der Heilung zu versuchen. Deshalb bezwang sie sich, lag still und betrachtete das liebliche Gesichtchen ihres schlummernden Kindes.

Und wie sie sich so recht vertiefte in den Anblick, an dem eine Mutter sich nie satt sieht, da glitt unversehens ihr Blick über das Spitzenhäubchen hin, das des Kindes rosiges Köpfchen umschloß. Es war einem ihrer älteren Kinder von irgendeiner Pate geschenkt worden und mochte bei dem ersten besten Krämer gekauft sein, denn es war von unedler, alltäglicher Arbeit. Aber etwas in der Zeichnung der Spitze bannte Gabrielens Aufmerksamkeit »Wie hübsch ist dieses Muster,« dachte sie, »wenn das Ding nur besser gearbeitet wäre!« Sie begann zu sinnen, ihre Phantasie heftete unvermerkt ihren silbernen Spinnwebfaden an dem kleinen Erlebnis an und spann und spann, bis ein schimmerndes Netz von feinen Kunstgedanken klar ausgearbeitet vor Gabrielens innerem Auge lag. Sie sah ein Gebilde von tausend geduldig geknoteten Schlingen, so zart, daß ein Blumenelf die Fingerchen gespitzt haben würde, um es anzufassen, so dicht, daß er keinen Blütenstaub damit hätte sieben können, und so fest und straff geädert wie ein Bienenflügel. Und als Gabrielens Auge dies sah, da fuhr es wie ein Feuer in ihre Hand. Es war ihr, als müsse sie aufspringen und sich an die Arbeit machen; Haussorgen und drängende Arbeit waren vergessen.

Aber das Kind hielt sie fest. Das feine Händchen hatte solch eisernen Griff, daß Gabriele den umklammerten Zeigefinger kalt werden fühlte. So ergab sich denn die Mutter für dies eine Mal, arbeitete aber im stillen an ihrem Vorsatze weiter, in der ersten freien Minute mit der Ausführung der Spitze zu beginnen, und überlegte, wo sie ihre Geräte haben konnte. Und als endlich ein tiefer Atemzug neben ihr und das freiwillige Losspannen der energischen kleinen Fingerchen ihr verriet, daß ihre Gefangenschaft zu Ende sei – da wunderte sich Gabriele ein wenig, wie rasch ihr diese zwei Stunden dahingegangen.

Der Ratsherr war klug genug, nicht gleich am ersten Tage nach der Wirkung der Verordnung zu fragen. Er berührte mit keinem Wort Gabrielens Befinden, und sie war glücklich darüber, denn es wäre ihr schwer geworden, ihm zu sagen, daß sie nicht geschlafen habe. Einmal fiel ihr mitten in der Arbeit ihr Spitzenmuster ein. Sie sah es vor sich mit einer gespenstischen Deutlichkeit, weiß leuchtend wie Phosphor auf einem Grunde von schwärzester Nacht, die jeden andern Gegenstand im Zimmer verhüllte. »Noch habe ich es nicht vergessen,« dachte sie voll Freude. Dann seufzte sie leise und schüttelte sich. Das Erwachen kam, das Besinnen auf die tausend Notwendigkeiten des Tages, und ein mutloses Aufgeben: »Dazu komme ich ja doch nie!«

Am andern Tage begleitete der Gatte sie wieder ins Schlafgemach, ließ aber auf ihre Bitte das Kind in der Wiege liegen. Ehe er das Zimmer verließ, flüsterte er von der Türe her noch einmal ein eindringliches »Mir zuliebe!« zurück. Die Frau wurde flammend rot. »Ja, Liebster!« hauchte sie kaum hörbar. Sie lag einige Minuten und kämpfte mit sich, hätte gern getan, was sie für eine Pflicht hielt, brachte es aber nicht über sich. Sie sprang auf, verriegelte die Türe, huschte schuldbewußt ängstlich und auf jeden nahenden Tritt lauschend im Zimmer umher, bis sie ihre Siebensachen beisammen hatte, und saß bald über ihr Pergamentstreifchen gebeugt, den Klöppelbrief entwerfend.

Sie arbeitete, daß ihre Wangen brannten. Die Zeichnung war fast fertig, als das Kleine erwachte. Als der Gatte sie später erblickte, streichelte er ihr lächelnd das Gesicht, in dem die Röte des inneren Feuers noch weiterglühte, und sagte mit glücklichem Ausdrucke: »Rotgeschlafen wie ein Kind!« Sie hätte vor Beschämung in den Boden sinken mögen – aber wie hätte sie die Wahrheit gestehen sollen?

Den nächsten Tag betrat Gabriele ihr Gemach mit den Gefühlen einer Verbrecherin. Der Gatte verweilte einige Minuten, die ihr wie Stunden erschienen, lobte zärtlich ihre Fügsamkeit und Geduld und sah die Gebärde nicht, mit der sie sich abwandte. Kaum daß er sie verlassen, sprang sie vom Lager, schon war das Klöppelkissen zur Stelle, und in wenigen Handgriffen alles zur Arbeit bereit. Nun saß sie, füllte ihre Spülchen, steckte ihre Nadeln und schrak erst beim hellen Aufschrei des erwachenden Kindes empor, mit einem leisen Ausdruck des Bedauerns im erregten Antlitz; sie hatte gehofft, an diesem Tage noch mit dem Klöppeln beginnen zu können.

Von nun an freute sie sich den ganzen Morgen, was immer sonst ihre Hände auch schaffen mochten, auf die stille heimliche Klöppelstunde am Nachmittag. Die eichenen Türen hielten das kleine Geheimnis wohl verborgen. Was sie an Lärm aus Haushalt und Kinderstube etwa durchließen, das drang nicht an Gabrielens Ohr; das leise Rollen und Klappern der Spülchen, jener alte, süße, vertraute Elfentanzschritt, sie übertönten alles. Und jeden Tag erschrak sie ein wenig, wenn des Kindes Weckruf ertönte.

Den Rest des Tages fühlte Gabriele sich leicht und frei. Daß sie eine heimliche Sünderin war, bedrängte sie fürs erste gar nicht, wenn sie auch ihrem Gatten gegenüber sich schuldig fühlte.