Es mochten vier Jahre vergangen sein, seit diese Veränderung ihres ganzen Selbst in Gabrielen am Werk war. Auch für den Ratsherrn war dieser Weg ein Leidensweg gewesen. Er konnte sich nicht verhehlen, daß sie ihm manches vorenthielt, worauf er durch süße Gewohnheit ein Recht zu haben glaubte. Nicht mehr in beschaulicher Betrachtung des Lebens konnten die Gatten Hand in Hand einherschreiten. Gabriele war auch hierin verändert, daß sie schwärzer sah als vorher, sich vor Aufregungen ängstigte, daß Mißerfolge sie schreckten, Unfreundlichkeiten sie kränkten. Auch mußte der Ratsherr so manches für sich behalten, was er sonst selbstverständlich auf ihre Schultern geladen hatte, weil er fürchtete, ihrer Schwäche neue Lasten aufzubürden. Freilich entging der Frau diese Änderung seiner Gewohnheiten nicht, und sie war klug genug, sie auf die richtigen Ursachen zurückzuführen. Und diese Erkenntnis ward eine Quelle der tiefsten Verzweiflung. Sie sah, daß alles auf dem Spiele stand, daß sie nur um einer unbegreiflichen Verstimmung willen, über die sie nicht Herr werden konnte, das Beste zu verlieren im Begriffe stand. In solchen Augenblicken schien es ihr, als müsse sie das Fürchterlichste auf sich nehmen, um nur die einstige Gesundheit wiederzugewinnen; sie unterwarf sich jeder Vorschrift der Ärzte, sie ward eine zahme, gewissenhafte Patientin – bis das Stadium der Entmutigung, der Hoffnungslosigkeit, der Rebellion wieder eintrat.
Und so wäre Gabriele mit der Zeit wohl dem Schicksal so mancher Frau verfallen, jener krankhaft gesteigerten Reizbarkeit und dem unfruchtbaren Getändel mit Heilmethoden aller Art. Und es wäre ja wohl auch ihr Eheglück schließlich dem unfaßbaren Verhängnis zum Opfer gefallen.
Da kam Rettung in Gestalt jener treuen alten Freundin, die für Gabriele seit den ersten Tagen ihrer Ehe wie eine Mutter gefühlt hatte. Sie hatte die junge Frau in alle ihre Pflichten hineinwachsen sehen. Sie hatte, vielleicht wachsameren Auges als der Ratsherr selbst, die ersten Zeichen jener seltsamen Müdigkeit und Zerstreutheit beobachtet, die stets wachsende Hast und Unruhe, schließlich die unbezwingliche Übellaunigkeit. Auch sie gehörte zu den Menschen, die gern die nächste und einfachste Ursache der Dinge annehmen, und sie hatte sich ihren Vers gemacht, lange ehe die Ärzte mit ihren Versuchen begannen. Aber bedächtig, wie sie war, hielt sie mit ihrem Wissen zurück, ließ sich indessen gern von Gabrielen jede neue Erfahrung und jede neue Behandlung erzählen, freute sich ihrer Nutzlosigkeit und gewann endlich Gabrielens Vertrauen zu einer erschöpfenden Beichte. Und als sie die phantastische Geschichte all dieser gestaltlosen Leiden, das wirre Bekenntnis der Willenlosigkeit und all die Befürchtungen und Reuequalen des armen Weibes vernommen hatte, da erwiderte sie nur mit der einfachen Frage, ob denn Gabriele nicht des Guten zu viel tue, wenn sie so rastlos tätig sei. Wie vorher ihrem Gatten, so antwortete Gabriele nun auch der Freundin mit Entrüstung, sie wisse nichts von Ermüdung.
»Man kann auch am Genuß Schaden nehmen, wenn man zu viel tut,« erwiderte die weise Freundin. »Und du kannst nicht leugnen, daß dein Gesicht sich verdunkelt, wenn Gäste oder Hilfeheischende kommen. Ich sage dir, sogar gegen Mann und Kinder habe ich dich oft lässig gesehen, als ob ein heimlicher Gedanke in dir hämmerte, daß du unausgesetzt auf ihn horchen mußt. Ich habe auch ein großes Haus geführt, habe viele Kinder großgezogen und meinem Gatten manche Sorge ferngehalten. Es ist mir nie zu viel geworden, aber müde war ich oft, zum Sterben müde. Und dann, dünkt mich, mag eine Stumpfheit, wie deine jetzt, auch mich besessen haben.«
Sie redete lange auf Gabriele ein. »Wir sind ehrgeiziger, als wir scheinen mögen,« sagte sie unter anderem; »meinst du, ich weiß nicht, was es kostet, ein Haus so schmuck zu halten? Ich entsinne mich noch gut, was du sagtest, als du diesen Teufelskram von Weltwundern und Jahrmarktsseltenheiten, den die Mannsbilder so närrisch lieben, zum ersten Male sahst: nicht zur Scheuermagd hieltest du dich gut genug! Und jetzt sieh her, was du gelernt hast, was du leistest! Zähle die Schritte, die du vom Morgen bis zum Abend vom Brotspeicher im Dach bis zum Fischbecken im Keller tust! Das zehrt an deiner Kraft, mein Kind, und wenn du es auch nicht wahrhaben willst, dein Leiden ist nichts als Müdigkeit und Schwäche!«
Das klang alles so einfach, daß Gabriele nicht zu widersprechen wagte; sie konnte nicht leugnen, daß jede neue Forderung an ihre Zeit sie mit einem Unlustgefühl erfüllte, das sie nur schwer bekämpfen konnte. Sie duldete es, daß die alte Dame den Ratsherrn und den vertrautesten Arzt des Hauses zur Stelle rufen ließ, und daß schließlich ein feierliches Konsilium abgehalten wurde, wie man der eigensinnigen Gabriele, die von Ruhe nichts wissen wollte, wieder zu Kräften helfen könne. Der Arzt, der der Vernünftigen einer war, wußte Rat: »Wann schläft Euer jüngstes Kind?« fragte er die Patientin. »Zwei Stunden um die Mitte des Tages? Nun wohl, um diese Zeit seid Ihr entbehrlich, denn die größeren Kinder werden wohl bei einer Schaffnerin versorgt werden können. Ihr legt Euch also still zu dem Kleinen und schlaft, solange er schläft! Nehmt dies als eine Verschreibung und handelt gewissenhaft danach!«
Gabriele empörte der Gedanke, daß sie um die Mitte des Tages schlafen solle wie eine Greisin; sie wandte auch gleich ein, daß sie gerade diese zwei Stunden, wo das Kind ihrer entraten könne, für mancherlei Hausgeschäfte dringend brauche. Aber der Arzt wiederholte seinen Befehl in strengem Tone, die Freundin bestürmte sie und der Gatte bat leise, mit dem alten Liebesblick in ihre Augen, um seiner Ruhe willen das kleine Opfer zu bringen. Da mußte sie nachgeben und versprach, das sonderbare Mittel eine Woche lang zu versuchen.
Das erstemal, als Gabriele sich hinlegte, lag sie mit weit starrenden Augen und dachte an alles, was jetzt im Hause vorgehen mochte ohne ihr Dabeisein. Sie lauschte auf jedes Geräusch, das gedämpft in ihr geschlossenes Gemach drang. Sie hörte die Haustüre fallen und wußte, daß jetzt die Bäuerin vom Gutshofe gekommen war, um Eier abzuliefern, und war ärgerlich, daß sie nicht dabei sein konnte, sie Stück um Stück durch die hohle Hand zu prüfen. Sie hörte gelle Schreie der Kinder und wußte nicht, ob sie Freude oder Schmerz bedeuteten. Sie wurde aufgeregter, erhob sich nach kaum einer Viertelstunde und eilte zu ihrem Gatten, um ihn zu bitten, sie von ihrem Versprechen zu entbinden. Diese Art von Ruhe sei keine Erholung, hundertmal wohler wäre ihr, wenn sie wüßte, was vorginge, und nachher nicht Fehler gutzumachen hätte, die während ihrer Abwesenheit begangen worden seien.
Der Ratsherr sah erst etwas böse drein, indes ein Blick in das zuckende Gesicht seiner Frau machte ihn mitleidig. Er legte den Arm um ihre Schultern und führte sie sanft, aber stark in das Schlafzimmer zurück, indem er ihr voll Innigkeit und Liebe ins Gewissen redete.
»Gabriele,« sagte er, »hast du die Zeit vergessen, wo wir die glücklichsten Menschen auf Erden waren? Wo du heiter und weise warst, mein Sonnenschein und mein Vertrauter, mein Ratgeber, mein besseres Selbst? Das alles ist mir verloren, seit du krank bist; ich trage meine Sorgen allein mit mir herum und wage nicht, sie mit dir zu teilen. Und du willst nichts tun, um mir das Glück zurückzugewinnen? Was kann denn in diesen zwei Stunden Schlimmes im Hause vor sich gehen, was nicht mit Geld gutzumachen wäre? Und würde ich nicht alles Geld und Gut der Erde hingeben, um dich wieder gesund zu sehen? Komm, tu mir's zuliebe! Leg dich hierher neben das Kind! Sieh, wie süß es schläft!«