»Sie blühen wie die Rosen im Hag,« rief Gabriele, und ihr Gesicht leuchtete unter ihren Tränen. »Täglich danke ich Gott, daß er mir solche Kinder geschenkt hat!«

»Dann verstehe ich nicht, was dich anficht,« sagte der Ratsherr noch einmal. Er suchte hin und her in seiner Angst und verfiel auf dieses und jenes. »Hat dich irgendeiner meiner Sippe gekränkt? Ist von den Deinen jemand in Not oder krank? Sind die Knechte aufsässig oder die Mägde faul? Gehen Gerüchte über mich in der Stadt umher?«

Da mußte Gabriele lächeln in all ihrer Bangigkeit. »Glaube mir, Lieber, wenn die Dinge, die du da genannt hast, imstande wären, so monatelang an meiner Ruhe zu nagen, dann müßte ich eine schlechte und törichte Frau sein. Ich wäre ehrlich zu dir gekommen, wenn ich in Sorge um die Meinen oder in Not mit dem Gesinde gewesen wäre. Deine Sippe ist voll Güte zu mir, und was die Neider im Lande betrifft, so weißt du, daß ich mir ihre Meinung nur zu Herzen nehme, wo ich weiß, daß du Nutzen draus ziehen kannst. Nein – das alles ist nicht, was mich quält.«

»Vielleicht«, sagte der Ratsherr, »liegt zu vieles auf deinen Schultern. Du bist so gewissenhaft, und ich sah noch nie, daß du dir Ruhe gönntest.«

»Meine Schwestern arbeiten bis in die tiefe Nacht um ihr Brot,« rief Gabriele ein wenig erzürnt ob der Zumutung, »und ich soll das nicht leisten können, was nur Freude und Spiel für mich ist? Nie hat mich die Not getrieben, länger zu arbeiten, als ich es gerne tat; nie hat mir die Arbeit den Schlaf gekürzt. Es gibt Mütter, die mehr Kinder und weniger Gesinde haben. Ich würde mich schämen, das Wort Übermüdung nur zu nennen.«

»Dann,« sagte der Ratsherr in tiefer Besorgnis, »dann sehe ich nur noch eines: dann bist du krank! Und das ist wohl das Schlimmste von allem. Denn es zwingt uns, Hilfe außer uns zu suchen.«

Gabriele erschrak und wehrte sich lange, denn sie empfand, so unerfahren sie in ärztlichen Dingen auch sein mochte, dunkel die Gefahr der Irreleitung für den Arzt, dem sie keine Krankheit, nur einen unbeschreiblichen Seelenzustand vorführen konnte. Sie sah voraus, daß sie nutzlos mancherlei Qualen würde ertragen müssen, und sie fürchtete sich sehr. Denn in jener Zeit gingen Ärzte mit grausamen Mitteln ihren Kranken zu Leibe, und alles, was wie Geistesverwirrung aussehen konnte, wurde mit Härte ausgetrieben, als ob man die rebellische Vernunft durch strenge Maßregeln hätte zwingen können. Gabriele bat daher ihren Gatten flehentlich, noch ein Weilchen zu warten, ob das Übel nicht etwa von selbst weichen wolle; und er, dem das Herz blutete bei dem Gedanken, die liebste Frau von den Händen fühlloser Quacksalber mißhandelt zu sehen, willigte nur zu gerne ein.

Aber das kleine graue Schemen blieb da und rollte wie ein gespenstisches Garnknäuel, das sich hemmend und verwirrend in tausend listigen Schlingen abwickelt, vor Gabrielens Füßen her. Sie machte jede Anstrengung, deren ihr sonst so starker Wille fähig war, die sonderbare Verstimmung ihres Gemütes zu vergessen. Sie log eine gesteigerte Heiterkeit, sie suchte neue Zerstreuung, sie berauschte sich in Festen und schmückte sich, wie sie es vorher nie getan. Es waren traurig gewaltsame Versuche, die nach kurzer Zeit traurig endeten. Die quälende Unruhe in ihrem Innern brannte weiter und zehrte an ihr wie ein Fieber.

Aber Gabriele lebte in einer Zeit, wo dem Menschen die Fähigkeit der Reflexion, der Selbstbespiegelung in beschränkterem Maße verliehen war, als dies heute der Fall ist. Sogar die Sprache jener Zeit ist arm an Ausdrücken, die für solche inneren Zustände Maß und Wage geboten hätten. Und selbst gesetzt den Fall, es hätte ein Wissender Gabrielen die Augen öffnen können und ihr einen Einblick geben in das feine Uhrwerk der Natur, die in jedes Würzelchen den Trieb lichtsuchenden Schaffens, in jeden Nerv den Drang zur Tätigkeit gelegt hat, und die sich durch grimme Unregelmäßigkeit rächt, wenn irgendwo ein Kleinstes verkümmert – Gabriele würde ihm nicht geglaubt haben. Ein Dasein, das vor Not und Fährde geborgen war; ein Gatte, der sie liebte, und holde, blühende Kinder: sie würde jeden einen Frevler genannt haben, der mehr vom Schicksal gefordert hätte. Daß ein Organ in ihr krankte und siechte, sie ahnte es nicht.

Eine böse und wirre Zeit begann für Gabriele. Denn endlich mußte sie doch in ihrer Hilflosigkeit den Rat des Arztes suchen, und, da natürlich der eine Rat nicht das Richtige traf, einen langen Leidensweg voll unnützer und schädlicher Versuche durchlaufen. Von den Blutegeln und spanischen Fliegen, von den Pflastern, Salben, Tränklein, Bädern, Pillen und Aderlassen will ich erst gar nicht anfangen zu berichten. Gabriele hatte bei aller Zartheit einen gesunden Körper und trug keinen dauernden Schaden davon. Aber was ihr schadete und ihren Zustand verschlimmerte, war die anhaltend auf ihr Leiden gerichtete Aufmerksamkeit. Gabriele empfand es als höchst lästig, über viele Dinge Auskunft geben zu müssen, auf die sie bisher keinen Gedanken verwandt hatte; teils empörte sich ihre Keuschheit, teils ihr gesunder Verstand, der ihr die künstlich ausgedachten Zusammenhänge zwischen dem und jenem lächerlich erscheinen ließ. Und es bemächtigte sich ihrer ein Gefühl hilflosen Zornes, eine böse Ungläubigkeit, die bei jedem neuen Ratschlag sich in heftigen Launen äußerte und die ihr ganzes Wesen in Reizbarkeit und Unfreundlichkeit wandelte.