Doch war dies der bei weitem leichtere Teil ihrer Aufgabe. Weit ernster und verantwortungsreicher erschien das Amt, das sie an ihrem Gatten zu üben hatte. Scherzen und kosen, wenn er zum Kosen bereit war, und beiseitestehen, wenn Wichtigeres ihn beschäftigte, ist nichts; das lernt jede Frau über Nacht. Aber der Ratsherr stand mitten im öffentlichen Leben, und jeder seiner Schritte hatte eine Bedeutung für viele, wurde getadelt oder gebilligt. Und Segen wie Fluch schlug zuerst an das Ohr seines Weibes. Da hatte Gabriele denn zu lernen, was sie verraten und was sie verschweigen mußte; was sie auf eigene Gefahr hin schlichten oder in rechtes Licht rücken durfte, und was sie still bei sich herumtragen mußte, um es im gegebenen Augenblick vorzubringen und zu befürworten. Sie hatte zu lernen, wo man horchen und wo man sich abwenden mußte; sie, die Arglose, mußte unterscheiden können zwischen Übelwollenden, Gleißnern, schwachen Gutwilligen und fest Erprobten; mußte wissen, wen der Ratsherr zu Recht oder Unrecht liebte, wen er verkannte, wen er fürchtete. Sie hatte auch zu lernen, wann sie selbst ein Anliegen vorbringen durfte, wann ein teilnahmsvolles Fragen von ihrer Seite erwartet ward, und wann sie sich gedulden mußte, bis des Gatten Herz und Mund sich von selber auftat zu seiner Erleichterung. Sie mußte Wolken auf seiner Stirn sehen, die ihr bange machten, und durfte nicht fragen: »bin ich schuld?« und sie mußte Teilnahme und oft gar Rat in Dingen finden, die sie nur halb verstand.
So war es zu jener Zeit, in welcher die Frauen das Wort »Bedeutung« noch nicht kannten und doch alles bedeuteten für den Kreis, in dem sie standen: da durfte jeder Brave all diese Dinge und noch viel mehr von seiner Frau verlangen. Es ist damals nicht leicht einem Manne eingefallen, Rücksicht auf die Anlage einer Frau zu nehmen, und noch viel weniger einer Frau, es zu beanspruchen. Ich glaube nicht, daß die Männer sich höher fühlten als heute; aber sie vertraten die eiserne Notwendigkeit des Lebens, den Kampf, die Ehre der Gemeinde, die Sicherheit des Vaterlandes. Und dieser Notwendigkeit allein ordneten die Frauen sich unter, waren ganz Beobachtung, ganz Anpassung, ganz Entsagung. So töricht waren wenige Frauen, daß sie das nicht begriffen hätten: des Mannes Arbeit konnte nur gesegnet sein, wenn die aufreibenden Nichtigkeiten des täglichen Lebens ihm erspart blieben. Die Frau war noch nicht zur Krone der Schöpfung proklamiert, ach! aber sie war die unentbehrliche Lebenskraft des Einzelnen wie des Ganzen.
Und so war auch Gabriele in ihrem kleinen Reiche. Ihr Gatte fühlte wohl, was sie ihm und dem Hause war. Hatte er sie vorher geliebt, so betete er sie jetzt an. Er schätzte ihren Rat; die leiseste Wolke der Mißbilligung auf ihrer klaren Stirn war ihm wie ein schwerer Tadel; eine Träne in ihren Augen machte die seinen hellsehend und milde. Er wußte, daß ihm nichts Unnützes, Eitles, Spielerisches von ihr kam; die Frau, der einst die eigene Arbeit heilig war, hielt wie eine Priesterin die Arbeit ihres Gatten hoch.
Es kamen Kinder. Sie vermehrten Gabrielens Lasten, sie kürzten ihr den Schlaf. Sie brachten aber auch wieder liebliche Ruhestunden, in denen die Gatten, Hand in Hand sitzend, sich sorglos dem Anschauen ihrer Spiele hingaben. Und jetzt hätte beider Glück vollkommen sein müssen – wenn nicht in Gabrielen langsam, aber stetig um sich greifend, eine heimliche und geheimnisvolle Krankheit am Werke gewesen wäre.
Es war nicht die Krankheit des Körpers. Die ersten Zeichen stellten sich schon etwa zwei Jahre nach ihrer Vermählung ein und waren so subtil, daß sie kaum Gabrielen selbst zum Bewußtsein kamen. Nur eine flackernde Unruhe war's, etwas wie Unlust am Schaffen, etwas wie Sehnsucht, sich einem bestimmten Gedanken einmal ganz und ungestört hingeben zu können. Was für ein Gedanke das sein mochte, darüber nachzudenken fand Gabriele nicht Zeit noch Muße. Unaufhaltsam drängte das geschäftige Leben mit seinen tausend Forderungen. Aber während sie treu und emsig ihr Linnen maß, ihre Brote zählte, ihren Haspel füllte, ihre nähenden, spinnenden und kochenden Dienerinnen beriet, glitt es schemenhaft vor ihr her wie ein luftiges Etwas, das sie gerne festgehalten hätte und nicht greifen konnte. Wie ein ferner, süßer, vertrauter Ton, der leise, leise heranschwebte, und den der Lärm der Gegenwart verschlang. Wenn sie sich eine Viertelstunde Muße erhetzt hatte, siehe, dann war alles leer und tot in ihr, und sie fragte sich erstaunt, wozu sie nun so geeilt hatte. Meist freilich kam es nicht zur ersehnten Ruhepause; meist, wenn sie mit dem letzten Griff ihres Tagewerkes das eiserne Gewand ewig gespannter Aufmerksamkeit glaubte hinwerfen zu können, kam ein Gast, ein Notleidender, eines ihrer Geschwister, ihr Gatte. Sagen, daß Gabriele sich nicht gefreut hätte, daß ihr Herz und ihre Arme sich nicht in Liebe dem Kommenden geöffnet hätten, wäre Wahnwitz; aber das geheimnisvolle Etwas, dem sie einen Schritt näher gewesen zu sein meinte, huschte wieder vor ihr her. Sie konnte nicht anders, als ihm nachblicken – nachsinnen – einen Augenblick wenigstens! Und ihr erster Gruß klang zerstreut.
Selbstvorwürfe vollendeten, was die nagende Unruhe begonnen hatte: Gabrielens Äußeres zeigte die Spuren ihrer inneren Zerrissenheit. Ihr Auge haftete nicht mehr klar und freundlich im Auge des Gatten, es irrte suchend umher und senkte sich oft. Von ihrer Stirn wollte eine kleine böse Falte fast nie mehr weichen. Ihre Wangen verblaßten, ihr Körper magerte ab. Da bemerkte der Ratsherr die Veränderung, erschrak aufs tiefste und beschwor sie, ihm zu sagen, was ihr denn fehle.
Gabrielen traten die Tränen in die Augen, als sie ihn so ergriffen sah. Sie legte die Arme um seinen Hals, hob ihr Antlitz zu ihm auf und sagte ernsthaft: »Ich schwöre dir bei Gott, daß ich nicht weiß, was es ist. Wüßte ich es, ich würde es dir längst gesagt haben, würde längst auf Abhilfe gesonnen haben. Denn es ist mir, als brenne ein Feuer unter meinen Füßen, das mich dahin und dorthin treibt und mich keinen Bissen Brot in Ruhe essen läßt. Ich möchte glauben, daß ich behext bin.«
»Gabriele,« flüsterte der Mann, indem er sie fester an sich zog, »Gabriele, bist du nicht glücklich?«
»O Liebster,« rief sie weinend, »ich liebe dich wie an dem Tage, da Gott unsre Hände ineinanderfügte. Ich liebe dich noch tiefer, inniger. Jede Stunde meines Lebens war mir eine neue Offenbarung des seligsten Wunders. Du bist mir alles!«
»Dann verstehe ich nicht, was dich grämt,« sagte der Ratsherr. Und nach einer Weile fragte er wieder: »Hast du Sorgen um die Kinder?«