Des Ratsherrn würdige Freundin versuchte auch, sobald das Mahl zu Ende war, mit mütterlicher List den Grund dieser unzeitigen Trauer zu ermitteln. Gabriele war zu schlicht für diplomatische Ränke; sobald sie nur erraten hatte, was ihre Beschützerin wollte, legte sie ihre ganze Seele vor sie hin. Sie habe oft, so erklärte sie, in ernsten Stunden darüber nachgedacht, was sie einmal beginnen würde, wenn ihre Augen, wie die so vieler Genossinnen, zum Klöppeln und Ausnähen zu schwach würden. Und wenn man Zukunftsgedanken spinne, so sei es natürlich, daß man das Erwünschteste zuerst in Betracht ziehe. Da habe sie denn geglaubt, nichts könne für eine arme Dirne schöner sein, denn als Magd in solch einem Hause zu dienen; sie habe auch den festen Glauben gehabt, sie könne backen, kochen, flicken und waschen so gut wie jede, und was sie noch nicht könne, würde sie mit Geduld und Fleiß wohl noch gelernt haben. Aber o Jesus! wie seien ihr heute die Schuppen von den Augen gefallen! Kaum zur untersten Scheuermagd lange ihr Können.
»So gering schätzest du dich ein, Gabriele?« erwiderte lächelnd die alte Dame. »Aber mir scheint, daß du immerhin als Scheuermagd beginnen könntest, denn du würdest es schnell genug bis zur Schaffnerin bringen. Du brauchst ein Ding nicht mehr als einmal zu sehen, um es zu begreifen.«
Gabriele, in ihrer Eigenliebe geschmeichelt, lächelte ein wenig vor sich hin. »Es freut mich, daß Ihr das denkt,« sagte sie, »aber da ist noch ein andrer Grund, warum ich traurig bin. Meine zwei Hände wären in diesem Hause nur ein Paar unter zehn anderen Paaren, und so ist Dienen keine Freude! Der Herr würde es nicht merken, wenn morgen ein andrer die Arbeit täte, die heute ich getan habe, und das wäre Arbeit ohne Gotteslohn, nur um Geld.« Die Matrone ging, den Ratsherrn aufzusuchen, und berichtete ihm unter Lachen, was Gabriele ihr soeben gestanden habe. »Ich weiß ihr wohl eine Antwort,« sagte der Ratsherr, und sein schönes Gesicht wurde flammend rot. Er ging, Gabrielen aufzusuchen, die nachdenklich noch immer an der Stelle stand, wo die alte Dame sie verlassen hatte, und da er mit Recht schloß, daß ihr Sinnen auch noch nicht wesentlich von seinem Gegenstande verrückt sein würde, so fing er geradezu an und sprach: »Gabriele, es gibt in diesem Hause eine Stelle, die so ist, wie du sie dir eben gewünscht hast.« Sie blickte erschrocken auf, wollte etwas sagen, verstummte aber vor dem strahlenden und eindringlichen Blick seiner Augen. Er fuhr fort: »Niemandem als mir sollst du verantwortlich sein für die Arbeit, die du tust, und da wo du stehst, kann keiner je stehen und dich ersetzen. Dem Gesinde sollst du gebieten, aber dennoch wirst du die letzte Magd sein, denn aller Arbeit muß in deinen Gedanken sein, und du sollst dich nicht frei fühlen, als bis alle ihre Arbeit getan haben. Würde dir ein solcher Dienst gefallen, Gabriele?« Dem Mädchen brauste es vor den Ohren. Sie versuchte, wie gegen einen Wirbelwind kämpfend, auf dem Boden stehenzubleiben, wo sie sich sicher fühlte, deshalb sagte sie leise und mühsam: »Herr, ein solcher Dienst würde mir wohl gefallen!« »Überlege es wohl,« fuhr der Ratsherr fort, und seine Stimme zitterte ein wenig. »Es handelt sich um dein ganzes Selbst mit allen seinen Kräften. Du sollst geizig sein mit Weizenkörnern und freigebig mit Talern. Die Motte im Speicher soll dich ärgern, aber Krieg und Brand soll dich gefaßt und stark finden. Du sollst Magd sein unter Mägden und Edelfrau unter Edelfrauen. Du sollst jeden hören, für alle Rat haben, deine Zeit darf dir nicht zu kostbar sein, wenn es sich um eine Kunkel voll Flachs oder einen Korb Äpfel handelt; du mußt sechs Dinge zu gleicher Zeit vollbringen können, und du darfst nie so aussehen, als ob du Eile hättest. Ich frage noch einmal, würde ein solcher Dienst dir gefallen?« Gabriele vermochte nur zu nicken. Ihre Augen standen voll Tränen. »Dann frage ich dich also hiermit, Gabriele,« schloß der Ratsherr – er ergriff die Hand der Klöpplerin und küßte sie sehr inbrünstig – »dann frage ich dich also: willst du in diesem Hause als Hausfrau eintreten?« – – Die Antwort auf diese Frage ließ sehr lange auf sich warten. Sie erfolgte überhaupt nicht mehr an diesem denkwürdigen Abend, denn Schicksalswendungen, wie diese, finden nur langsam Eingang in die Vorstellung einfacher Menschen, und Gabriele mußte erst eine lange, bange Nacht voll seliger und demütiger Gebete verbringen, ehe sie glauben konnte, daß sie recht gehört. Am andern Tage hielt der Ratsherr förmlich um Gabrielens Hand an und erhielt ein schluchzendes »Ja« zur Antwort. Dann erst begann er mit der Zartheit eines Gärtners, der eine Blume in fremdes Erdreich verpflanzt, die Betäubte in seiner Liebe und ihrem Glück heimisch werden zu lassen. Als er Gabrielen nach zwei Monaten zum Altar führte, war sie seiner Liebe gewiß und er der ihren.
Wenn ich bisher ein guter Erzähler war: wenn es mir gelungen ist, das Charakterbild zweier Menschen klar zu überliefern, so müßte mein Leser jetzt imstande sein, nach einer einfachen logischen Gesetzmäßigkeit das Rechenexempel zu lösen, das sich aus dem Plus und Minus ihrer Eigenschaften ergibt. Das Resultat dieser Gleichung war ein Schicksal, ein kleines, stilles, das wenig Aufsehen machte; und doch ein Schicksal, das erzählt zu werden verdient, weil es vielleicht das Schicksal mancher Frau ist.
Ich habe Gabriele geschildert als einen Menschen, der zugleich bescheiden und seines Wertes bewußt ist. Also wird sie nicht in den Fehler verfallen sein, an dem Frauen, die durch Heirat emporgekommen sind, so leicht kranken! Sie wird nicht abgewogen haben, was ihrem Rang an Ehrungen zukam, sie wird nicht eifersüchtig gewacht haben, daß ihr nicht weniger geschähe als der Base, der Schwägerin, der Freundin. Sie wird das Gefühl, das ihr unmittelbar entgegenkam, ebenso erwidert haben, und wo es ausblieb, keinen Versuch gemacht haben, es zu erzwingen.
Ich habe auch die Sippe des Ratsherrn als eine weitherzige und redlich gesinnte gekennzeichnet. Die treue Gesinnung der blonden Schwester des Ratsherrn und die offenkundige Gunst der vornehmsten Matrone der Stadt unterstützten Gabriele in jedem Falle, und das Ansehen des Gatten half vollenden, was die Anmut der jungen Frau etwa nicht allein zu bewirken vermocht hätte.
Es war auch nicht das Verhältnis zu ihrer eigenen Familie, das einen Mißklang in Gabrielens Eheharmonie hätte tragen können. Fleißig, gesund und glücklich, wie diese einfachen Menschen waren, fühlten sie auch insgesamt zu stolz, um irgendeinen unbilligen Vorteil aus der Heirat ihrer Schwester ziehen zu wollen. Wo der Ratsherr zu ihren Gunsten wirken konnte, tat er es gern, denn es war ein tüchtiges Geschlecht, das seiner Fürsprache Ehre machte. Sie hielten sich aber immer ein wenig abseits und riefen seine Hilfe nur da an, wo sie sagen konnten, daß Zusammenhalten im Nutzen beider Teile läge, zum Beispiel, wenn sie sich an irgendeiner öffentlichen Arbeit zu beteiligen wünschten, wo sie als Gegenwert die Wahrung der Gemeindevorteils hoch hielten, den der Handwerker sonst nicht gern anerkennt.
Was endlich den Ratsherrn selbst betrifft, so ist er wohl als ein Mann zu schätzen, der sein Wort an einer Frau ganz erfüllt. Wie er sich durch den Unterschied zwischen seiner und Gabrielens Erziehung nicht hatte anfechten lassen, so wird er auch zu ihr gestanden sein, wo etwa dieser Unterschied sich fühlbar gemacht haben mag. Er wird ihre Unwissenheit vor anderen gedeckt, er wird ihren hellen, empfänglichen Geist gebildet haben. Und die Saat, die er in ihre weiche Seele legte, wird Blumen stillen Glücks für ihn und sie getragen haben.
Und doch hatte diese Ehe ein Schicksal.
Gabrielens Leben war zunächst ein Lernen auf jedem Gebiete. Sie war eine redliche Frau, die das, was sie war, auch bis zur Vollkommenheit sein wollte, und wenn sie denken mußte, sie habe es in irgendeinem Punkte an Willen oder Fähigkeit fehlen lassen, so grämte sie sich schwer. Sie ward in allen Punkten das, was der Ratsherr von ihr erwartet hatte, das Herz, der Fels, das lebendige Licht des Hauses, und sie ward es nach verhältnismäßig kurzer Zeit. Glaube nicht, daß das ein leichtes für sie gewesen sei! Gabriele hatte zunächst die Abneigung einer alteingesessenen Gesindeschar zu überwinden. Dann hatte sie die Arbeit nicht mehr nach der eigenen Klugheit allein, sondern nach Zeit, Willen und Fähigkeiten von einem Dutzend Untergebener einzuteilen. Gabriele mußte das Tagewerk jeder Magd und jedes Knechtes im Kopfe haben, und, wenn sie nicht Mißstimmung und ewig erneuten Widerstand erregen wollte, auch die persönlichen Eigenheiten jedes einzelnen. Sie mußte vorsichtig und gerecht sein in ihren Forderungen, denn verlangte sie zu viel, so riß Unzufriedenheit, verlangte sie zu wenig, so riß Unordnung und Trägheit ein. Sie mußte ihren Leuten schlechte Laune und Krankheit ansehen, mußte ein scherzendes Wort gegen die eine, ein Heilmittel für die andere bereit halten, durfte sich nicht erst bitten lassen, sollte aber auch nicht zu rasch damit kommen und jedenfalls immer den Abstand wahren zwischen sich und jenen Übelgesinnten. Sie durfte sich von der Schaffnerin nicht mahnen lassen, daß die Birnen zum Mosten reif seien, vom Knecht nicht an das Schwefeln der Fässer, und sie mußte doch beiden den Ruhm gönnen, den Zeitpunkt der Arbeit selbst zu bestimmen. Sie mußte Jahreszeiten und Elemente verstehen lernen, wie die Launen ihres Gesindes. Bei jedem Brot, bei jedem Lichte, bei jeder Elle Leinwand, die sie aus Keller und Speicher holte, mußte sie wissen, wieviel noch vorhanden war, die Würste im Rauchfang und das Mus im Bottich, der Sirup, die Kienspäne und die kleinen Büschelchen Schachtelhalme zum Scheuern der Zinngefäße: alles mußte registriert sein in Gabrielens Köpfchen, und sie mußte merken lassen, daß es das war, und durfte doch den Anschein geizigen Nachzählens nicht haben.