Die Männer wurden von den munteren Frauen ins Vorgemach gewiesen, und alsbald sah Gabriele sich der Haube und des Busentuches beraubt. Während eine Hand ihr Haar löste, wieder flocht und durch funkelnde Spangen in ganz anderer, vornehmer Weise feststeckte, legte eine andere ihr die eben vollendete, köstliche Spitze um die Schultern. Es bedurfte weiter nichts, um die kleine Klöpplerin in eine allen anderen durchaus ebenbürtige Erscheinung zu verwandeln; die artige Haltung ihrer feinen Figur und das schöne Maß ihrer Bewegungen taten das übrige.

Als Gabriele vor dem Ratsherrn stand, entschuldigte sie sich zaghaft, daß man gewagt habe, ihr die kostbare Spitze umzulegen; er aber erwiderte freundlich, dies sei durchaus in seinem Sinne geschehen; an ihrem Leib sei ihm die Spitze so sicher, als läge sie in einem Reliquienschreine. Sie versicherte eifrig und beruhigt, sie wolle die Spitze fein hüten, und wandte sich nun der Unterhaltung zu, die das fröhliche jüngere Volk sich schaffte. –

Es war tatsächlich ein Zufall gewesen, was Gabrielen in die hochansehnliche Gesellschaft geführt hatte. Als nämlich die kleine Künstlerin den nahen Ablieferungstermin für ihr Werk festgesetzt hatte, war dem Mann die Antwort entglitten: »Wohl, ich werde dich erwarten, da ich weiß, daß du deine Arbeit nur dem Besteller zu übergeben pflegst.« Eine Minute darauf war ihm das Fest eingefallen, das am gleichen Abend in seinem Hause stattfinden sollte: er fühlte, daß das liebe Mädchen vor der geputzten Schar erschrecken würde, und daß der kleine Akt der Übergabe, der ihr sonst zum Ereignis zu werden pflegte, ihr durch Befangenheit und Scheu getrübt werden würde. Ihr – und ihm! Er hatte alles auf diesen Augenblick verschoben, er erwartete alles von ihm. Aber gerade in tiefem Vorgefühl einer bedeutungsvollen Wendung verwirrte und bedrückte ihn das unerwünschte Zusammentreffen aufs heftigste. Ihn bedrängte die Frage, die ein Unbefangener leicht gelöst hätte: unter welchem Vorwande er Gabrielens Kommen verschieben solle – bedrängte ihn heißer als manche schicksalsschwere Frage in Völkerhändeln. Es erschien ihm hart, ihr schlechtweg zu sagen: »Du kommst mir ungelegen, denn ich habe Gäste!« und es erschien ihm beleidigend und töricht, sie geradezu aufzufordern: »Komme, wenn ich allein bin!« So ging der Ratsherr an diesem Tage unentschlossen heim, und nachdem er eine unruhige Nacht voll nutzloser Grübeleien verbracht, verfiel er auf den Ausweg, seine alte Freundin, die auch Gabrielen wohlgesinnt war, um Rat zu fragen.

Die würdige Frau fand gleich die natürlichste Lösung. Gabriele sei ein Wesen, dem man wohl eine seltene Auszeichnung zuteil werden lassen dürfe. Sie sei klug genug, um die Sache zu würdigen, wie sie gemeint sei, und nicht Wünsche und Begierden in sich aufkommen zu lassen, die ihrem Stande nicht angemessen wären. Sie selbst wolle Gabrielen die Sache erklären. Jedermann sei Gabrielen gut und würde ihr die Ehre und Freude dieser Einladung gönnen.

Das Gesicht des Ratsherrn, als er diesen Vorschlag anhörte, verriet der weisen Freundin, wie sehr sie das Richtige getroffen habe. Mit einem Lächeln voll feinen Verstehens reichte sie ihm die Hand.

Den Ratsherrn hatte zuerst nur die edle Billigkeit des Gedankens gewonnen, und ihm gefiel die Vorurteilslosigkeit, mit der die vornehme Frau die Sache vorbrachte. Dann aber tauchte leise eine andre Vorstellung in ihm auf, bei der es ihm erst klar wurde, was er in Gabrielen sah. Daß die Geliebte in seinem Hause umhergehen sollte, daß er ihr seinen Reichtum und sein ganzes Ansehen gleichsam zu Füßen legen wollte, ja, daß am Ende gar die ungewöhnliche Stimmung des Vorganges das Wort lösen würde, das seit langem in seiner Seele schlummerte – diese Möglichkeiten stiegen in schönen, triumphierenden Bildern langsam in der Seele des Mannes auf. Der Ratsherr sah dem Tage dieses Festes als dem entscheidendsten entgegen.

Schöner, als er gehofft, erfüllten sich seine Erwartungen. Mit einem Anstand ohnegleichen bewegte sich Gabriele in dem vornehmen Hause; ohne im geringsten von ihrer Natürlichkeit abzuweichen, wußte sie Sprache und Benehmen so sehr dem gehaltenen Tone dieser Gesellschaft anzupassen, daß ein Uneingeweihter sie ohne Zweifel als dazugehörig eingeschätzt haben würde. Dazu verhalf ihr in erster Linie ihre Bescheidenheit, die sie mit einer Art religiöser Dankbarkeit über dies unverhoffte Glück erfüllte. Nicht nur der Ratsherr selbst, sondern auch jeder Gast des Hauses anerkannte erstaunt diese Vollkommenheit der Form. Was vorher gönnerhafte Herablassung war, wurde wirkliches Wohlwollen, und es verging wenig mehr als eine Stunde, so ward Gabrielen gehuldigt wie einer kleinen Königin.

Es erschien sonderbar, daß die so unerwartet Gefeierte sich ihres Erfolges nur lau zu freuen schien. Bei den artigsten Worten, die verzückte Bewunderer ihr zuflüsterten, sah man sie mit gespannter Aufmerksamkeit einem Gespräche lauschen, das zehn Schritte von ihr geführt wurde, und ihre Erwiderung bestand meist in einer Frage, die große Lernbegier, aber sehr geringes Verständnis der Situation des Augenblicks verriet. Einige der Schwärmer wurden von dieser augenscheinlichen Kälte abgeschreckt; andre um so tiefer angezogen; aber keiner verstand den Vorgang.

Es verhielt sich mit Gabrielens Nachdenklichkeit etwas anders, als der liebende Mann sich vorstellte. Zu wiederholten Malen im Verlauf dieses Abends war es geschehen, daß Gabriele auf irgendeinen Gegenstand aufmerksam gemacht wurde, der zu besonderer Ehre und Zierde des vornehmen Hauses gehörte. Sie hörte auch von nichts anderem so oft und so eingehend sprechen, wie von dem Wert und der Schönheit eines Gemäldes, einer Schale, einer Figur, der Geschichte seines Erwerbes, der Art seiner Herstellung. Die kleine Gabriele, die sich bisher nur an dem zarten Kunstgedanken einer Spitze hatte berauschen können, bekam nun manches zu sehen, was ihr den Atem nahm: an Goldfiligran, Holzwerk, Glas und Silber, an Gewebtem und Gesticktem, an Leder und Pergament, an Bildnissen in Farbe und Marmor, mehr als nach ihrer Ansicht der prunkvollste Dom aufzuweisen hatte. Und sie, die alles, was sie sah, in Beziehung zum wirklichen Leben bringen mußte, sie empfand wie einen Alp die Vielgestaltigkeit der Bedürfnisse. Sie verstand, daß diese Menschen mit anderen Sinnen empfanden als sie; daß das, was Gabriele bisher als Mittel zum Leben angesehen: Kleidung, Nahrung und Hausgerät, ihnen als Zweck des Lebens erschien. Und es erfaßte sie etwas wie Angst vor dem Aufwand an Zeit, den so ein Dasein verschlang, ohne etwas anderes davonzutragen als wachsende Fähigkeit des Verbrauches. Sie hatte sich einen Haushalt vorgestellt, wo sie durch Fleiß und Ordnungssinn eine nennenswerte Dienstleistung bieten konnte, und sie sah mit Schrecken, daß in diesem Betriebe der einzelne kaum zählte. Und ihr schöner Zukunftstraum zerfiel.

Während der Mahlzeit, wo funkelnde Schüsseln sie blendeten, ging es ihr übel. Kaum daß noch zu erkennen war, was Fisch, was Vogel war. Und trotzdem sah keiner von den Gästen überrascht aus, ja, wenn Gabriele auf ihre Unterhaltung lauschte, so schien es ihr, als wäre der oder jener nicht einmal sonderlich zufrieden. Gabriele war es, als müsse sie sich über diesen Undank kränken; wie viele Hände mochten an dem geschaffen haben, was da genußlos verbraucht wurde! »Sie wissen nicht, was Arbeit ist!« fuhr es ihr durch den Sinn, und ihr Gesichtchen ward kummervoll.