Der Ratsherr kam von Zeit zu Zeit, um den Fortschritt des Werkes zu betrachten. Wenn er in die Stube trat, ruhten die Klöppel, denn dann fühlte Gabriele ihre Finger kalt und unruhig und zu subtiler Arbeit untauglich werden. Sie stand vor dem Gewaltigen auch lieber auf: schon stehend fühlte sie sich so klein neben ihm. Und dann war er doch auch ihr zukünftiger Herr, und Sitzen und Weiterarbeiten vor ihm wäre eine Unziemlichkeit gewesen.

Der Ratsherr pflegte recht ausgiebig zu loben, und Gabrielens Herz hüpfte vor Freude, wenn sie sah, wie gut er das wahrhaft Kunstreiche und Schwierige zu würdigen wußte. Das war ein Mann, dem edle Arbeit durch die Finger gegangen war! Sein verständiges Lob gab Gabrielen die anfänglich erschütterte Sicherheit zurück, sie fing wieder an, sich unverhohlen des Gelingens zu freuen, und je mehr sie sich freute, desto schöner und holder sah sie aus, so daß es fast eine zu harte Probe für des Mannes Liebe wurde, das ernste Spiel nicht durch einen voreiligen Ausbruch von Zärtlichkeit ganz zu verderben. Seine Besuche wurden immer länger, kamen immer häufiger. Er gab ihnen eine gewisse Begründung durch allerhand Belehrendes, was er Gabrielen zutragen zu müssen vorgab: denn wie alle Geniemenschen trieb diese kleine Fee ihre Kunst nur nach den Geboten ihrer eigenen Seele und ahnte nicht, daß es außerhalb dieser und dem Stückchen ererbter Tradition noch unermeßliche Möglichkeiten gab. Sie besaß eine Sammlung pergamentener Klöppelbriefe, die uralt waren. Die Jahreszahl 1604, die irgendwo auf dem ersten Blatte neben dem Namen des Sammlers stand, hatte keine Bedeutung für sie; die vorhandenen Muster veränderte und veredelte sie mit sicherem Stilgefühle. Nun kam der Ratsherr, und plötzlich stieg aus den vergilbten Blättern ein lebendiges Bild von Menschen- und Völkerschicksalen empor. Jedes Muster in dem alten Buche trug den Namen eines fernen Landes, einer Stadt: von einem längst versunkenen Kaiserreiche Byzanz, vom wogenumspülten Venedig, von der fernen Königin der Meere, dem glorreichen Genua wußte der vielwissende Mann die gewaltigsten Dinge zu erzählen. Dann wieder beschrieb er den stillen Fleiß holländischer Schifferfrauen, die träumend des Liebsten im tosenden Weltmeere denken, die höfische Pracht Frankreichs, wo der größte aller Könige die schöne friedliche Kunst der Frauen geadelt und gelohnt habe; die Nöte wandernder Hugenotten, die die Gottesfunken des reinen Glaubens weitertrugen, aus Holland und Frankreich in deutsche Lande, und mit ihm als Bild und Schild ihrer Tugend die edle Arbeit. Auch brachte er neue Muster aus Gent oder Alençon, die vielleicht ein tüchtiges kleines Menschenwesen wie Gabriele in die Welt geschickt hatte, vielleicht aber auch ein großer Künstler, der eigens zu dem Zweck studiert hatte und viel Gold und Ehre mit seiner Erfindung gewann. Gabrielens Geist erfaßte bang und doch froh die Lehre von der Weltbedeutung der Industrie, von der Mitarbeiterschaft stiller Frauen am Wohlstande und Ruhm ganzer Völker. Sie versuchte auch gern die Anwendung mancher Lehre, die dem anschaulichen Unterrichte entfloß, ahmte die neuen Muster nach, grübelte über ihre Technik, wagte und probierte, und durfte bald ein Gelingen verzeichnen. Den Ratsherrn beglückte die Feinheit und Richtigkeit ihres Empfindens, die Klarheit, die sie über ihr Können und seine Grenzen besaß.

So ging das Werk zu Ende. Gabriele wurde desto stiller, je mehr sie sich dem Abschluß näherte, sie arbeitete auch langsamer und saß oft lange in müßigem Träumen vor ihrem Kissen, während sie sonst wohl ein wenig gehastet hatte, wenn es zur Vollendung ging. Es tat ihr weh, sich von dieser Arbeit zu trennen.

Mit Tränen löste sie die letzten Nadeln aus der Spitze, rollte ihren Klöppelbrief zusammen und legte ihn in ein Kästchen, das einige kindliche Reliquien barg: kein anderer sollte je dieselbe Spitze tragen. Dann machte sie sich, diesmal mit langsamen Schritten und ganz blaß vor Leid, auf den Weg nach dem glänzendsten Hause der Stadt. Sie hatte dem Ratsherrn die Ablieferung für den bestimmten Tag versprochen, sonst hätte sie wohl das geliebte Stück Arbeit noch ein Weilchen für sich behalten.

Als sie nach dem Hause des Gestrengen kam, erschrak sie sehr. Sie sah festlich geschmückte Menschen in der Halle, auf den Treppen, in den Gemächern, durch die ein schweigender Diener sie führte. Einige von diesen Menschen blickten sie lächelnd, andere erstaunt, andere ernst und forschend an, aber kein einziger gleichgültig.

Gabriele fühlte sich nur von dem Gedanken bedrückt, daß sie vielleicht in dieser letzten Stunde den geliebten Mann nicht allein sehen, daß sie seine Aufmerksamkeit mit vielen anderen teilen würde. Vielleicht würde er gar nicht Zeit haben, die fertige Arbeit in diesem Augenblicke zu betrachten; er würde sie beiseitelegen, vergessen, vielleicht nach vielen Tagen zufällig darauf stoßen – und Gabriele hätte doch so gern noch einmal sein knappes, scharfes Urteil gehört. Sie empfand es bitter, daß so ihrer Schaffensfreude Lohn und Krone genommen sein sollte, und schon erwog sie, ob sie nicht umkehren und zu gelegenerer Stunde wiederkommen sollte, als sie den Ratsherrn, von einigen würdig aussehenden Matronen geleitet, auf sich zuschreiten sah.

Sie erkannte schnell in den alten Damen Kundinnen und Beschützerinnen und fühlte sich ein klein wenig versöhnt mit dem Mißgeschick der Stunde. Wie sie aber, an einen Tisch geleitet und von vielen Neugierigen umringt, ihre Spitze, um die alle zu wissen schienen, entfalten sollte, brach ihr fast das Herz. Es schien ihr grausam, daß sie vor gleichgültigen Gaffern bloßlegen sollte, was ihr das Heiligste und Liebste im Leben war. Und nicht mit der gewohnten leuchtenden Freude stand Gabriele diesmal vor ihrer Gabe, sondern trübe, in lautloser Ergebenheit und ganz stumpf gegen den Beifall, der sie von allen Seiten umrauschte. Langsam verschleierten sich ihre Augen; sie fühlte, daß sie eilen müsse, dem Getriebe zu entkommen, und mit einer Verbeugung gegen den Hausherrn suchte sie die Türe zu gewinnen.

Aber schnell faßte der Ratsherr sie an der Hand und bat sie, zu verweilen und als sein Gast dem Feste, in das sie nun einmal geraten sei, ein Weilchen beizuwohnen. Auf Gabrielens erschrockene Abwehr hin mischten sich auch die würdigen Damen ein, und jede hatte ein liebes Wort für das geängstigte Kind. Die Matrone, in deren Haus jene erste kleine Begegnung zwischen Gabrielen und dem Ratsherrn stattgefunden hatte, sprach besonders gütig zu ihr; sie berichtete der langsam Auftauenden, es wäre zwischen den Gästen bereits verabredet worden, Gabrielen zum Bleiben aufzufordern, falls sie, wie erwartet, mit ihrer Spitze erscheinen sollte; und da sei niemand so hochmütig, einer so braven und fleißigen kleinen Person den fröhlichen Abend zu mißgönnen. Sie möge nur bleiben und sich an allem Gebotenen gütlich tun und sich einmal recht ansehen, wie es bei den reichen Leuten zugehe. Wenn sie sich aber dabei auch ein bißchen freuen könne, so statte sie ihrem Gastgeber dadurch den allerliebsten Dank ab, denn ihm sei daran gelegen, ihr für die besonders tüchtige und geduldige Arbeit eine kleine Ehrung widerfahren zu lassen.

Gabriele war sprachlos, aber der überglückliche Ausdruck ihres Gesichtchens antwortete deutlich genug, daß ihr der eigentümliche Extralohn, den der vornehme Mann ihr zugedacht, keineswegs zuwider war. Sie stammelte nur noch etwas Undeutliches von armseliger Gewandung – aber der Ratsherr rief alsbald ein paar jüngere Frauen heran und bat sie, seinen kleinen Gast nach Möglichkeit zu schmücken.

»Nach Möglichkeit, Bruder?« rief eine große blonde Frau von heiterem Wesen, »nach Möglichkeit ist mehr verlangt, als du von unseren Frauenherzen billig erwarten kannst! Denn sie würde uns alle ausstechen, wenn wir mehr als das Nötigste täten!« Gabriele wurde flammendrot und schlug die Augen zu Boden, weil sie dachte, man spotte ihrer. Aber als sie den Ratsherrn die wohlwollende Necklust der blonden Frau durch ein scharf verweisendes: »Laß die Torheiten!« bestrafen hörte, tat es ihr leid, und sie lächelte mit einer sanften Bitte um Verzeihung im Blick den Personen zu, die sich nun an ihr zu schaffen machten.