Es war an einem Sommerabend, als im Städtchen das Leben sich in allen Gassen drängte. Duft von weißem Holunder wehte aus irgendeinem Garten. Frauen und Greise saßen auf den Bänken vor den Häusern; Kinder, Hunde und Spatzen tummelten sich in den Gassen, die Männer standen unter den Türen der Werkstatt, der Boutique, der Kanzlei und warteten auf den Feierabendschlag, schon müßig, ehe er erklang. Die milde Wärme löste jede Spannung, jede Sorge, jeden Arbeitstrieb, weckte den Lebensgenuß, die Sorglosigkeit, den Leichtsinn – als ob es nie mehr einen Winter, Not und Kälte geben sollte.
Da kam auf Stöckelschuhen, die fast so hell und flink klapperten wie ihre Klöppel, Gabriele durch die Gasse getrippelt. Sie hatte etwas vollendet, was ihr besonders gefiel, und sie trug das fertige Stück seiner Bestimmung zu. Da wollte es der Zufall, daß ein vornehmer Müßiggänger, der ziel- und absichtslos durch die abendliche Schönheit schweifte, die Vorstadtgasse kreuzte und das Mädchen erblickte. Er folgte ihm bis in das stillere Quartier der Reichen, wo die Bestellerin der Spitze wohnte. Er sah die schöne Person vor einem großen steinernen Hause haltmachen, das er erfreut als das eines Freundes erkannte. Er trat hinter ihr ein, eilte vor ihr die Treppen hinauf und stand neben dem Lehnstuhl der greisen Herrin des Hauses, als die höflich knixende Gabriele unter der Tür des Gemaches erschien.
Das Herz der kleinen Klöpplerin, das bei der offensichtlichen Verfolgung bereits etwas ängstlich zu pochen begonnen hatte, beruhigte sich sofort beim Anblick des Mannes an diesem Orte. Gabriele gehörte zu den seltenen Menschen, die jedem Ding gern die natürlichste Erklärung geben: daß dieser Mann denselben Weg gehabt wie sie, daß er in dies Haus gehörte und daß er mit Fug und Recht Leuten, die da aus und ein gingen, etwas scharf ins Gesicht blicken mochte, das war eine Folgerung, mit der sich Gabriele ohne weiteres zufriedengab. Sie knixte bescheiden und artig auch vor ihm, dann begann sie unbefangen, ihren Sammetfleck auszubreiten und die Spitze darauf zu entfalten.
Es war ein feines Gebilde von Sternen und duftigen, nebelzarten Hintergründen, aus denen sich die kräftigeren Linien eines streng gehaltenen Musters hervorhoben. Ein blühender Kirschbaum; der Schaum eines Wasserfalls; die windgekräuselte Fläche einer Wiese voll weißer Sternblumen; Schneeflockentanz oder rieselnder Regen abfallender Sternchen der Holunderdolde – alles das konnte dem Beschauer zu Sinn kommen, der dies reinliche Stückchen Menschenwerk sah. Und doch stand eine feste, straff geführte Zeichnung in dem Nebelbilde. Die kleine Künstlerin selbst faltete die Hände, wie sie drauf niederblickte, ganz versunken in die Vollkommenheit dessen, was sie im einzelnen durchdacht und ausgeklügelt, in seiner ganzen Wirkung aber nur eben geahnt hatte.
Gleichfalls mit gefalteten Händen aber, und nicht weniger als sie versunken in den Anblick einer Vollkommenheit höherer Art, stand der Mann, der Gabriele verfolgt hatte. Die Klöpplerin hatte sich bedachtsam so gestellt, daß ihre Figur keinen Strahl des sinkenden Lichtes von ihrem Kunstwerke hinwegnahm; dafür traf nun sie selbst die volle Beleuchtung. Alles Feine, Säuberliche und Zierliche an ihr kam zu voller Würdigung: die seidige Haut, die Weichheit ihres Haares, die dunkle Glockenschweifung ihrer langen Wimpern, die durchsichtige Zartheit der kleinen Ohren nicht weniger als das tadellose Gefältel der Haube, die Unverbrauchtheit ihres Anzuges, die züchtige Ordnung des Halstuches. Und vielleicht waren es Bilder noch holderer Art, die dem Beschauer dieses Stückchens Gotteswerk zu Sinn kamen, denn ein inniges und sehr glückliches Lächeln verbreitete sich langsam über sein Gesicht, in dem auch nicht der Schatten eines niedrigen Gedankens mehr zu sehen war. Er richtete mit freundlicher Stimme einige übliche Fragen an Gabriele, und wenn sie bei der Antwort in seine Augen blickte, was sie mit der Unerschrockenheit der Unschuld tat, so begegnete sie dem Ausdrucke lauterster Güte.
Als Gabriele heimwärts wandelte durch die Straßen und Gassen, in denen nun die Dämmerung wob, mußte sie recht ernsthaft an den großen vornehmen Mann denken, der sie so gütig angeblickt hatte. Sie verhehlte sich nicht, daß sie einem ähnlichen Blick nie in ihrem Leben begegnet war. Sie hatte oft genug Bewunderung und Begehren in Männeraugen gesehen, aber nur in den Augen glücklicher Mütter etwas von dem, was dieser Fremde über sie ausgegossen hatte. Und wie sie über das Erlebnis nachdachte, ertappte sie sich auf dem sonderbaren Wunsche, diesem Manne als Magd zu dienen, wenn es einmal mit dem Spitzennähen vorbei sein sollte. Gabriele wußte, daß die Augen vieler Klöpplerinnen in noch jungen Jahren den anstrengenden Dienst des Ausnähens versagen, und der Gedanke an diese Möglichkeit hatte sie oft erschreckt. Jetzt sah sie in ein Zukunftsbild, wo es sich auch ohne die gewohnte Arbeit recht annehmbar leben ließ: sah ein freudiges Schaffen aus innerm Herzenstrieb vor sich, wie sie es bisher noch nie einer Person, nur ihrer Kunst dargebracht hatte.
Einige Tage nach diesem Vorfall trat der fremde Mann in Gabrielens Stube; er bestellte Spitzen, er ließ sich Muster zeigen, er sprach viel und fragte eingehend über die wunderlichsten Dinge. Gabriele antwortete in wahrer Herzensfreude, schon jetzt den künftigen Gebieter in ihm verehrend, und bemühte sich, ihr Bestes zu zeigen, um seine gute Meinung für kommende Zeiten zu gewinnen. Darüber merkte sie nicht, wie lange er blieb und wieviel er frug, was gar nicht zur Sache gehörte. Auf ihren stillen, morgenlichten Lebensweg war plötzlich in goldener, breitstrahlender Fülle der blendendste Sonnenschein gefallen; sie vermochte noch nicht, die Augen ganz aufzuschlagen.
Sie hatte nun erfahren, daß der Fremde ein Ratsherr war und einer der reichsten Patrizierfamilien der Stadt angehörte. Er hatte ihr seinen Namen genannt, hatte ihr beschrieben, wo er wohnte, und ihr befohlen, die Spitzen dahin zu bringen. Ohne Arg sagte Gabriele zu. Schnell huschte der listige Vorsatz durch ihr Köpfchen, sich das Haus, in dem sie einmal dienen wollte, gut anzusehen: »ob etwas zu lernen wäre, was sie noch nicht könnte«. Sie lächelte ein wenig bei dem Gedanken, daß sie dann etwas anderes als Mehlsuppen würde kochen müssen. Aber was wollte sie nicht können, wenn es diesem Herrn galt?
Sie machte sich an die Spitzen und spann dabei an den frömmsten und demütigsten Vorsätzen. Sie dachte an tausend kleine Verrichtungen, die sie für Vater und Brüder zu tun gewohnt war, und ob jener Gestrenge auch damit zufrieden sein würde. Und in der Sorge um sein Wohlgefallen schien ihr plötzlich auch ihre Kunst arm und ihr Fleiß ungenügend. Sie warf beiseite, was sie begonnen hatte, und fing noch einmal mit feinerem Faden an.
Wenn Gabriele je ein Kunstwerk geschaffen hatte, so war dies Stück Spitze eines. Wie von leichten Winden getragen, lebte und webte das Geranke auf dem duftklaren Grunde; jede Blüte öffnete sich in voller Wonne, jede Knospe zitterte, schlanke Stäbe von leichtem Gitterwerk strebten kühn nach oben und stützten die flatternde Wildheit der Zweige, und Schmetterlinge mit ausgebreiteten Schwingen lagen ruhend auf den Wogen der Luft. Ein ganzer Frühling, nur im lauteren Weiß eines Schneeblumentraumes, erwachte unter den emsig spielenden Fingern. Die Klöppel klangen wie klappernde Pantöffelchen zahlloser kleiner Elfen, die hurtig und froh den Wunderwebstuhl bedienten; in lautloser Stille aber zog die Nadel ihre magischen Kreise, feierlich, langsam und preziös bedächtig, wie ihrer größeren Wichtigkeit bewußt.