Ein sonniger, wonniger Pfingstzauber war über die lachenden Gefilde gebreitet und vom klaren Himmelsblau, das sich hinüber spannte, bis zu den fernen Riesen des Erzgebirges, schmetterten die Lerchen ihr Jubellied hernieder. Auch in den alten Lindenkronen frohlockten die Vögel und die Reitzugfinken hielten, von Baum zu Baum, ihre Zwiegespräche.

Als ich aber aus der Doppelallee herauskam, wars mit dem Zauber vorbei, denn Arnolds Reitschule setzte sich eben in Drehung und August drehte, den kalten Kalkstummel im Munde, mit beständigem Kopfnicken, den alten, verstimmten Leierkasten, dem er, soweit es die alten Blasbälge zuließen, das Neueste auf dem Gebiet der Gassenhauer entlockte: »Ach ich bin so müde.« –

August war bei der spottlustigen Jugend dadurch zur Zielscheibe geworden, daß er mit den meisten Consonanten in Erbfehde lag. Einem kleinen Fahrgast, dem die Nase blutete, hatte er einmal zugerufen: »Tlaaner, dei Noot lutt!« Und diese Worte blieben an ihm haften; jeder Bengel riefs ihm nach – so auch ich jetzt: »Autut, dei Noot lutt!« Prompt und kopfnickend kam die Antwort zurück: »Ette lotte luten!«

Gleich darauf flötete mich aus dem Stern und Thonpfeifen geschmückten Hintergrund einer Schießbude eine liebliche jungfräuliche Stimme an: »Schießen se mal, junger Herr! Zwee Schisse fimf Fenge.«

Donnerwetter! das imponierte mir. Erstens »Sie« und dann auch noch »junger Herr!« – Solch gute Meinung von mir durfte nicht unbeachtet, nicht unbelohnt bleiben, stand ich doch in absehbarer Zeit schon vor dem Uebergang vom Flegel zum Herrn Flegel und so schoß ich denn im Vollgefühl meiner Herrlichkeit vier Löcher in die Luft. – Mit ebensoviel Groschen meiner erleichterten Barschaft ging ich, etwas enttäuscht davon.

Wiederum klangen die Worte: »Junger Herr!« an mein Ohr, diesmal aus dem Munde des Horndrechslermeisters Röder, der vor seiner Bude stand und mir ein niedliches Liliputpfeifchen mit den Worten entgegenhielt: »Nur fimf Neigroschen, junger Herr.«

Fast bereute ich jetzt die vier Luftlöcher, als ich aber entgegnete: »Ich darf doch noch gar nich roochen!« da ließ Röder den jungen Herrn fallen und er sagte, mit dem Finger drohend: »Dich Schlingel hab ich doch schon roochen sehn, daneilich am Bach of der Stangebergwiese, dort, wo die vielen Vergißmeinnicht stehn, da bist du im Gras gelegen und hast Ringeln in die Luft geblasen wie e Alter.«

Ich machte einige lange Schritte und stand bald vor der Holzdrechslerbude der höchsten Persönlichkeit Schneebergs, des Türmers Böhm. Die vielen buntgefiederten Abschießvögel in allen Größen, erregten meine Aufmerksamkeit nicht, noch weniger die scheckigen Pferdchen mit und ohne Reiter, auch nicht die Blasrohre, die Knallbüchsen, die »Schrietzbüchsen«, die Pfennigpfeifen und Kegelspiele, mich interessierte ein Raphael Engel, der beide Ellenbogen auf die Verkaufslade gestützt und an einer großen Süßholzwurzel kauend, seine Blicke von Gegenstand zu Gegenstand schweifen ließ. Dieser Engel war jener profetische Barfüßler.

»Luuz« sagte eben der Türmer zu seinem Sprößling Louis: »Ich gieh itze en Aangblick fort, paß fei gut auf, doß nischt gemaust werd.« – Kaum war Luuz drinnen allein, da nahm der barfüßige Engel einen großen Wulst gekauter Süßholzwurzel aus dem Mund und frug: »Wos kost dä ene Schrietzbichs?« Luuz antwortete: »De klenn kostn en Dreier, die do en Sechser und de grußn en Neigrosch«.

»Weiß emol aane har, vor en Neigrosch!« – Der Barfüßler betrachtete sie mit Kennerblicken von außen und innen, dann blies er einmal hindurch und meinte: »Ich denk mr när, die hoot ewing zeviel Luft.«