Nach wenigen Minuten flatterte die altehrwürdige Fahne, die vielleicht schon hunderte mal »gemaust« worden ist, über allen Gipfeln, lustig hoch im Winde.

Als ich wieder Boden unter den Füßen hatte, meinte der »Rusrat«: »Itze heests aber auskratzen!«

»Sie haben schon noch Zeit Herr Ru… Herr Claus; der Fischer Heinrich hat die Wache nauf nach »vor Scheunen« geschickt.«

»Ich wees schon,« blinzelte der Rusrat, »das war schon so ausgemacht, der verrät mich nich.«

»Wenn ich fimf Neugroschen krieg,« sagte ich keck, »dann halt ich mei Maul ooch!«

Lachend zog der Fahnendieb den Beutel, warf ein Fünfgroschenstück ins Moos und entfernte sich mit den Worten: »So ein ruppiger Lausgung! Denhalber brauchts wahrhaftig nimmer ze reenge, aus den werd emal entweder e großes Tier oder e großer Lump.«

Das war wieder eine Prophezeiung, die freilich bis jetzt nach keiner Seite hin eingetroffen ist, denn ich habe vorgezogen, im Leben den goldenen Mittelweg einzuschlagen. Damals aber schlug ich mit meinem Fünfgroschenstück, singend und springend den kürzesten Weg ein, zum Pfingstmarkt.

Pfingstmarkt! Welche Fülle genußreicher Erinnerungen weckst du in mir! – Welch buntes, pfingstfröhliches Treiben flutete über deinen grünen Rasen, auf dem die Kinder jauchzend ihre Purzelbäume schossen und auf dem in Buden, auf Tischen, Bänken und Karren alle, einem Kinderherzen begehrlichen Herrlichkeiten ausgebreitet waren.

Dieser terrassenförmig gestaffelte, mit Queckengras bestandene Wiesenplan ist fürwahr eine glückliche Wahl unserer Väter gewesen, hier ihre Schießstätten zu errichten. Liebevoll umsäumten sie ihn mit schattigen Lindenalleen, die schon vor fünfzig Jahren sich zu mächtigen Baumkronen entwickelt hatten. Nicht unerwähnt möchte ich hierbei lassen, daß mein Großvater, der damalige Ratssenator Bauer, sich um die Anpflanzung dieser Anlagen wesentliche Verdienste erworben hat.

Dahin führte mich nun mein Weg, an wogenden Feldern vorbei, durch üppigen Wiesenflor, über dem die Schmetterlinge gaukelten und geschäftige Bienen summten.