Nun gab es keine Ruhe mehr. Tag und Nacht arbeiteten wir am Zusammensetzen und Verspannen, und zwei Tage später, ganz in der Frühe, als noch kein Mensch es ahnte, stand mein Flugzeug klar am Startplatz, und als die Sonne aufging, gab ich Vollgas und schoß in die wunderbare reine Seeluft hinaus.
Den ersten Flug in Tsingtau werde ich nie vergessen. Der Flugplatz war außerordentlich klein, nur sechshundert Meter lang und zweihundert Meter breit, voll von Hindernissen und rings umgeben von Hügeln und Felsen. Wie klein der Platz aber wirklich war und wie ungeheuer schwer zum Starten und Landen, das sollte ich bald noch zur Genüge erfahren. Mein Freund Clobuczar, ein früherer österreichischer Fliegeroffizier, der jetzt auf der „Kaiserin Elisabeth” war, sagte mir mal: „Ein Flugplatz soll das hier sein? Höchstens ein Kinderspielplatz! In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht gesehen, daß ein Mensch in einem solchen Platze fliegen soll.” Mir ging's ähnlich so. Und ich würde mir in Deutschland ein solches Plätzchen höchstens mal als Notlandungsplatz aussuchen.
Aber zu machen war nichts. Es war dies der einzige Platz im ganzen Schutzgebiete, alles andere war wild zerklüftetes Gebirge, durchzogen von tiefen Ravinen. Doch an diesem wunderbar sonnigen Morgen kümmerte ich mich nicht darum, und froh bewegt zog ich über Tsingtau meine Kreise und scheuchte durch das Gebrumm meines Propellers die gänzlich überraschten Tsingtauer aus ihrem Schlafe. Als ich zum Landen schritt, wurde mir doch ein bißchen komisch zumute! Donnerwetter, war der Platz klein! Und unwillkürlich drehte ich immer länger meine Kreise und verschob immer wieder den kommenden kritischen Moment der Landung.
Doch ewig oben bleiben konnte ich ja nicht. Und endlich gab ich mir einen Ruck, nahm Gas weg und stand einen Augenblick später nach einer tadellosen Ziellandung auf meinem Platz. Nun war ich meiner Sache sicher. Und den ganzen Morgen bin ich kaum aus meinem Flugzeug herausgekommen.
Jetzt gings aber wieder an die Arbeit. Das zweite Flugzeug, auch eine Rumpler-Taube, welches von meinem Kameraden vom Seebataillon, Leutnant Müllerskowski, geflogen werden sollte, mußte zusammengebaut und verspannt werden. Nach zwei Tagen, am einunddreißigsten Juli Neunzehnhundertvierzehn, nachmittags war alles in Ordnung.
Müllerskowski stieg in sein Flugzeug, und nachdem ich ihm einige Erfahrungen, die ich mit diesem Flugplatz nun schon gemacht, mitgegeben hatte, zog er Vollgas und schwirrte los.
Das Glück blieb meinem Kameraden nicht hold.
Sein Flugzeug war eben einige Sekunden in der Luft und befand sich zirka fünfzig Meter hoch gerade an der kritischen Stelle, wo Flugplatz und gleichzeitig das Land endet und mit steilen Felsen ins Meer abfällt, als es sich plötzlich zur Seite neigte und wir mit Schrecken sehen konnten, wie es in sausender Fahrt mit dem Kopf vorneweg in die Felsen hineinstürzte.
So schnell wir es vermochten, liefen wir zur Unfallstelle. Da sah es bös aus. Das Flugzeug war vollständig zertrümmert, und zwischen diesen Trümmern lag Müllerskowski. Schwer verletzt brachten wir ihn ins Lazarett, wo er bis kurz vor Ende der Belagerung liegenbleiben mußte. Das Flugzeug war vernichtet.
Inzwischen hatte sich auch in Tsingtau manches zugetragen. Der Juli mit all seiner Schönheit und Pracht, mit wunderbarstem Sonnenschein und tiefblauem Himmel war ins Land gezogen. Es ist der schönste Monat für Tsingtau.