Dieses Telegramm allein dürfte wohl für den Kommandanten, seine Offiziere und Besatzung genug sprechen.
Wenige Wochen drauf, ohne vorher daran gedacht zu haben, traf ich in Nanking die S 90-Besatzung wieder. Doch das ist eine spätere Geschichte.
Der letzte Tag
Die Belagerung nahm ihren planmäßigen Fortgang. Immer näher gruben sich die Japaner an uns heran, immer mehr schwere Geschütze hatten sie in Stellung gebracht, und mehrere Male hatten größere japanische Infanteriemassen nächtliche Sturmversuche auf unsere Infanteriewerke gemacht, wobei sie allerdings gründlich abgeschlagen wurden. Nun wurden die Infanteriewerke und besonders die davor liegenden Drahtverhaue unter einem ständigen feindlichen Artilleriefeuer gehalten, und auch unsere Geschütze schwiegen kaum noch. Leider waren wir gezwungen, mit der wenigen Munition, die wir besaßen, sparsam umzugehen.
Die außerordentliche Länge der Belagerung, das dauernde Artilleriefeuer und die furchtbare Spannung, in der wir lebten, fing allmählich an zu wirken.
Auch meine Nerven begannen zu streiken.
Zum Essen konnte ich mich kaum noch zwingen, und schlafen konnte ich bald überhaupt nicht mehr. Wenn ich nachts die Augen schloß, dann hatte ich sofort im Geiste meine Karte vor mir und sah unter mir das Schutzgebiet liegen, zerrissen von den feindlichen Gräben und Stellungen. Und dazu brummte mir der Kopf und sausten mir die Ohren von dem Radau des Propellers, und dazwischen hörte ich immer wieder die Worte des Chefs des Stabes:
„Plüschow, denken Sie daran, daß Sie jetzt für Tsingtau wichtiger sind als das tägliche Brot! Kommen Sie mir ja zurück und halten Sie das Flugzeug heil! Und dann denken Sie daran, wie wenige Granaten wir haben, und daß wir sie auf Ihre Beobachtungen hin verschießen. Seien Sie sich der Verantwortung bewußt!”