Bis zirka fünfundsiebzig Zentimeter über dem Boden waren elektrisch geladene Drähte gesetzt, deren Berühren genügte, um sie zu entladen und ein Klingelwerk auszulösen, wodurch selbstverständlich das ganze Lager alarmiert worden wäre. Zum Schutz gegen die Stachel hatten wir Ledergamaschen an und um die Knie Wickelgamaschen gebunden und trugen außerdem noch Lederhandschuhe. Doch die Stacheln waren länger und sie haben ganz fürchterlich gepikst. Aber das hatte den Vorteil, daß wir nun nicht ausrutschen konnten, um dadurch den elektrischen Draht zu berühren. Den ersten Zaun überwand ich leicht. Dann gab mir Trefftz unsere beiden Bündel, und ebenso schnell wie ich überstieg auch er den Zaun. Nun kam ein zirka zehn Meter breites und ein Meter hohes schweres Drahthindernis, nach den neuesten Schikanen erbaut. Wie die Katzen liefen wir beide über dieses hinweg. Dann kam wiederum ein hoher Stacheldrahtzaun, genau so beschaffen wie der erste und ebenfalls mit elektrisch geladenen Drähten versehen. Auch hierüber kamen wir beide glatt, nur daß ich mir an den verflixten Stacheln einen Teil meines Hosenbodens ausriß, den ich mir erst wieder herunterholen mußte, um ihn später wieder einzusetzen. Gott sei Dank, das Hindernis war überwunden!
Stumm drückten Trefftz und ich uns kräftig die Hand und stumm sahen wir uns an. Was wir durchgemacht hatten, wußten wir beide.
Nun begann erst die Hauptschwierigkeit.
Vorsichtig schlichen wir uns in der Dunkelheit weiter, überquerten einen Bach, erkletterten eine Mauer, sprangen in einen tiefen Graben und mußten uns dann an dem Wachthaus, welches am Eingang zum Lager lag, vorbeischleichen. Dann endlich waren wir im Freien!
Auf der großen Landstraße, die nach Donington Castle führte, liefen wir ohne Aufenthalt entlang. Nach einer halben Stunde machten wir halt und entledigten uns der zerfetzten Gamaschen und Handschuhe. Na, die inneren Handflächen sahen ja fein aus, ganz zu schweigen von den Fußsohlen und von der Sitzgelegenheit. Noch wochenlang haben die Andenken an den englischen Stacheldraht gejuckt.
Jetzt öffneten wir unsere Bündel, zogen unsere grauen Zivilregenmäntel an, verstauten die übrigen Kleinigkeiten, und untergehakt wanderten wir frohgemut die Straße weiter, als wenn wir von einem späten Nachtgelage kämen. Als Donington Castle in Sicht kam, mußten wir uns vorsehen. Und alles, was wir tun würden, wenn wir jemandem begegnen sollten, hatten wir verabredet.
Da, als wir eben in die Dorfstraße einbiegen wollten, kam uns ein englischer Soldat entgegen. Wie auf Kommando zog mich Trefftz an sich, und so wie wir es verabredet hatten, markierten wir ein Liebespaar. Verlangend nach uns hinschauend und mit der Zunge schnalzend ging der Engländer vorüber. Als er an uns vorbei ging, erkannte ich ihn mit einem Schlage. Auf seinem Ärmel leuchteten matt die drei Feldwebelswinkel, und diese dicke, gedrungene, auffallende Figur konnte nur unserem englischen Lagerfeldwebel gehören.
Nun schritten wir weiter. Und nachdem das Dorf passiert war, fanden wir glücklich die angegebene Brücke. Doch hier wurde es kritisch. Drei große Chausseen führten von hier aus ab, und es war unmöglich, uns ohne Wegekenntnisse weiterzufinden. Endlich entdeckten wir in der Dunkelheit einen Wegweiser, etwas äußerst Seltenes in England. Zum Glück war es ein eiserner. Und als Trefftz hinaufgeklettert war, konnte er durch Befühlen der erhaben gegossenen Buchstaben das Wort „Derby” lesen.
In äußerstem Geschwindschritt uns nach dem Polarstern orientierend, marschierten wir tüchtig darauf los. Sobald uns Leute entgegenkamen oder Autos, und besonders wenn solche hinter uns her fuhren, versteckten wir uns im Chausseegraben und warteten ab, bis die Gefahr vorüber war. Es war doch zu natürlich, daß wir bei jedem Auto glaubten, es sei unseretwegen unterwegs und uns nachgehetzt worden. Als wir Hunger verspürten, aßen wir etwas mitgenommenen Schinken und Schokolade. Aber leider war das eine zu salzig und das andere so süß, daß ein furchtbarer Durst uns plagte. Dieser wurde bald so unerträglich, daß wir kaum noch weiter kommen konnten. Dazu kam, daß wir durch die durchgemachte Aufregung und den anstrengenden Marsch außerordentlich viel Schweiß verloren hatten. In unserer Not stellten wir uns dann an den Chausseegraben, und wie die Ziegen leckten wir die dicken Regentropfen von den Blättern der Büsche ab, bis wir endlich an einer Stelle eine schmutzige Wasserpfütze fanden, über die wir uns gierig trinkend warfen. O, das war gut.
Langsam wurde es hell. Und gegen vier Uhr morgens, als wir die ersten Gartenhäuser von Derby erreichten, stieg in wundervollster Pracht blutigrot die riesige Sonnenkugel über den Horizont. Wie gebannt blieben wir stehen, hingerissen von diesem herrlichen Schauspiel, und dann schüttelten wir uns die Hände und winkten freudig der Sonne zu.